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Karadzics geheimes Leben
Ein stiller Gast im Café „Irrenhaus”

Immer mehr Menschen in Serbien erinnern sich nun an den etwas sonderbaren Mann, der sich Dr. Dabic nannte. Erstaunlich ist das kaum, denn selbst wenn die Leute nicht wussten, mit wem sie es zu tun hatten – einen Mann wie Dr. Dragan Dabic, der sich offenbar noch den zusätzlichen Vornamen „David” zugelegt hatte, vergisst man gewiss nicht so rasch, wenn man ihm einmal begegnet ist.

Aus der Kleinstadt Kikinda in der Vojvodina kommt die Nachricht, dass der langmähnige ältere Herr dort am 28. Januar dieses Jahres aufgetreten sei, eingeführt von Goran Kojic, dem Herausgeber des Journals „Gesundes Leben”, in dem Karadžic Beiträge publizierte. Er sei eine „sehr außergewöhnliche Erscheinung gewesen, eine „Kombination aus Bohemien und Freud”, mit Hut und schwarzem Pullover, erinnert sich eine Teilnehmerin. Die Veranstaltung, über die auch das lokale Fernsehen berichtete, sei jedenfalls ein voller Erfolg gewesen.

„Ein glückliches Leben”

Auch in Novi Sad, der Hauptstadt der Vojvodina, erinnert man sich nun an den eigentümlichen Herrn. Dort hielt er am 12. April des Jahres auf Einladung der „Bewegung für ein gesundes Serbien” im Rahmen der Aktion „Ein gesundes Leben ist ein glückliches Leben” einen Vortrag im „Kulturzentrum Orpheus”, wie vom Vorstand der Vereinigung für den Kampf gegen Krebs zu erfahren war.

Abgesehen von seinen gelegentlichen Vorträgen führte Dr. Dabic, so scheint es, ein stilles, zurückgezogenes Leben in Belgrad – zumindest zeitweilig. Luka Karadžic, der in den vergangenen Jahren von serbischen und ausländischen Medien immer einmal wieder als Kronzeuge der Dauerflucht seines Bruders befragt wurde und von dessen letzter Lebensphase in Freiheit, der Zeit in der serbischen Hauptstadt, nichts gewusst haben will, teilte jedenfalls mit, bevor er sich in Belgrad niedergelassen habe, habe sich Radovan Karadžic „an verschiedenen Orten” in Serbien und in Bosnien-Hercegovina aufgehalten. Irgendwann scheint er dann aber zu dem Schluss gekommen zu sein, dass sich die Millionenstadt Belgrad am besten eignet, um ein unerkanntes Leben zu führen und sich eine neue Existenz aufzubauen.

Geburtshelfer Geheimdienst

Wann das war, ist einstweilen noch unklar. In serbischen Zeitungen wurde vermutet, der serbische Geheimdienst müsse Karadžic spätestens 1998 mit neuen Papieren ausgestattet haben. Dass die Geburt des Dr. Dabic nur mit Hilfe des Geheimdienstes möglich gewesen sei, steht in Serbien außer Zweifel. „Der Geheimdienst hat in geschützt, der Geheimdienst hat ihn jetzt übergeben”, sagte Innenminister Ivica Dacic der Zeitung „Press” in Belgrad. Für ihn ist diese Darstellung entlastend – der Vorsitzende der einstigen Miloševic-Partei muss gegenüber seinen Wählern den Anschein vermeiden, er habe etwas mit der Festnahme Karadžics zu tun. In den Kommentaren der serbischen Zeitungen hieß es, sie sei erst möglich geworden, nachdem vor kurzem Geheimdienstchef Rade Bulatovic abgelöst wurde, der ein Vertrauter des früheren Ministerpräsidenten Koštunica ist und wie Karadži aus Montenegro stammt.

Aus dem Leben des Dr. Dabic musste dessen erste Existenz als Radovan Karadžic vollkommen ausgeblendet werden. Darin scheint Dr. Dabic sehr konsequent gewesen zu sein: Bisher wusste niemand zu sagen, was für eine Meinung Dr. Dabic über Radovan Karadžic gehabt hat. Gespräche über Politik hat er offenbar nicht sonderlich geliebt. So ergaben es unter anderem die Recherchen der Hauptstadtzeitung „Blic”, die sich auf die Spuren von Dabics Alltag begeben hat.

Gast im Café Irrenhaus

Gelebt haben soll der Doktor in der Juri-Gagarin-Straße Nr. 267, dritter Stock. Ausgegangen sei er selten, aber er besuchte wohl mitunter gern das Café „Irrenhaus”, wo er einmal sogar zur Gusla gegriffen haben soll, einem einsaitigen Streichinstrument, zu dem früher in recht eintönigen Melodien serbische Heldenlieder vorgetragen wurden. Er habe ein Lied gespielt – und zwar sehr gut –, sich aber nicht zu einer Zugabe überreden lassen, sagen einige Gäste im „Irrenhaus” heute. Überhaupt behaupten manche dort, sich sehr genau an den verschwiegenen Gast und seine Gewohnheiten zu erinnern. So habe er immer einen Platz gewählt, von dem aus er das Portrait des Serbenführers Karadžic und seines Generals Ratko Mladic im Blick hatte. Deren Bilder sind in vielen „patriotischen” Kneipen Serbiens zu sehen. Vielleicht kommen nun auch Fotos des Dr. Dabic hinzu.

Die Lokalreporter des „Blic” machten auch den Vermieter des Dr. Dabic aus, der seinen unbekannt-weltberühmten Mieter aber seit zwei Monaten nicht mehr gesehen haben will. Einer Nachbarin spricht von „dem Herrn mit dem Hut”, der seit etwa einem Jahr in dem Haus gewohnt habe. In der Redaktion von „Gesundes Leben” wiederum wird berichtet, dass Dr. Dabic bei seinen Reisen und Auftritten von einer dunkelhaarigen Frau mittleren Alters begleitet worden sei, über die man aber weder erfahren konnte, wer sie sei, noch wie sie heiße und womit sie sich beschäftige, auch wenn sie sich wie seine Ehefrau benommen habe.

Geheimnisvolle „Ehefrau”

„Sie hielten Hände, gingen Arm in Arm spazieren. Wir nannten sie Mila”, wird eine Mitarbeitern von „Gesundes Leben” zitiert. Ob Mila wohl wusste, wer ihr Lebensgefährte war? Sie muss jedenfalls eine wichtige Frau im Leben des Dr. Dabic gewesen sein, denn er soll sich geweigert haben, ohne sie auf eine Vortragsreise zu gehen. Die Agentur „Beta” berichtete, er habe sie auf seinen Reisen, wenn er wieder einmal über den Segen eines gesunden Lebens sprach, als seine Ehefrau vorgestellt.

In den Geschäften der Umgebung erinnern sich Inhaber und Verkäufer an einen nicht besonders kauffreudigen Kunden, der nie viel Geld ausgeben habe. Ein Behälter mit fünf Litern Mineralwasser, Obst und Gemüse reichten Dr. Dabic offenbar von Einkauf zu Einkauf, mehr brauchte er nicht zum Leben. Eine andere Zeitung berichtete, er habe, wenn er auf seinen ungewöhnlichen Haarschopf angesprochen wurde, von der Energie gesprochen, die er über seinen Bart und die Haarpracht beziehe.

Eigenheiten abgelegt

Auch die wenigen bisher ausfindig gemachten Menschen, mit denen der zurückhaltende Doktor mehr oder weniger regelmäßigen Umgang pflegte, scheinen von seinem Privatleben wenig erfahren zu haben. Manchen scheint er erzählt zu haben, dass er Söhne und Enkel habe. Der Einfall, dass seine erste Frau in Amerika lebe, ergibt Sinn: So konnte Dr. Dabic unter anderem erklären, warum er kein Diplom vorweisen könne – die Frau im fernen Amerika habe es als Rache dafür, dass er sie verlassen habe, behalten und rücke damit nicht heraus.

So jedenfalls lauten die gängigen Versionen, die derzeit in Belgrad kursieren. Auch das auftrumpfende, bauernhafte und zum Teil cholerische Gebaren des Serbenführers, an das sich Kriegsberichterstatter aus dem Bosnien der neunziger Jahre erinnern, scheint er in seinem zweiten Leben abgelegt zu haben. Nichts sollte daran erinnern.

Visitenkarte und Internetauftritt

Dr. Dabic sei ein angenehmer und charmanter Zeitgenosse gewesen, behaupten jene, die es wissen sollten. Dass er, den doch angeblich die ganze Welt suchte, keinen unnötigen Schritt an die Öffentlichkeit machte, kann dabei allerdings nicht gesagt werden. Offenbar hatte Dr. Dabic nicht nur eine Visitenkarte, sondern auch eine eigene Internetseite – allerdings scheinen sich einige schon einen Spaß daraus zu machen, fiktive Internetauftritte des Dr. Dabic ins Netz zu stellen, auf denen der Mann sich viel lauter anpreist, als ihm das in seinem zweiten Leben offenbar zu eigen war.

Zurückgezogen, unaufdringlich, freundlich, ein angenehmer Mitbürger, immer gern zur Stelle als Verkäufer von Magnetsteinen gegen Schmerzen – so also lebte dieser theoretisch auf der ganzen Welt gesuchte Mann sein Leben im „Untergrund”. Es endete nach den bisher vorliegenden Angaben im städtischen Bus der Linie 73, der in den Vorort Batajnica fährt. Sein Anwalt sagte in einem Interview, sein Mandant habe in das Kurbad Vrnik weiterreisen wollen, um sich dort einige Tage zu erholen. Er habe Badekappe und Badehose in seinem Gepäck gehabt.

F.A.Z.
Michael Martens, Belgrad


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