Kampf gegen Terror

Der erste große Schlag in Europa?

Von Nikolas Busse und Hans-Christian Rößler

15. März 2004 Seit dem 11. September 2001 gab es immer wieder Terroranschläge, überall auf der Welt. Viele hundert Menschen wurden dabei getötet. Nur zu einem Attentat in Nordamerika oder in Europa, den Kernländern der westlichen Welt, kam es nicht.

Nach dem verheerenden Doppelschlag auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington schien Al Qaida ihre Aktivitäten in Entwicklungsländer zu verlagern. In Indonesien, Pakistan, Kenia, Afghanistan, Saudi-Arabien, Tunesien, Marokko, Peru sowie im Jemen, Irak und der Türkei wurden schwere Anschläge verübt, die der Organisation von Usama Bin Ladin zugeschrieben werden. Fast alle richteten sich gegen westliche Ziele. So wurden in Djerba oder auf Bali westliche Touristen getötet, darunter auch Deutsche. Oder in Istanbul wurde eine Filiale der britischen HSBC-Bank zerstört. Aber nie gelang es den Islamisten, wieder einen Anschlag in einem westlichen Land zu verüben.

Kein freiwilliger Rückzug Al Qaidas

Die meisten westlichen Geheimdienste haben diesem Frieden nicht getraut. Denn sie vermuteten, daß hinter der Schonzeit kein freiwilliger Rückzug Al Qaidas vom Territorium ihrer erklärten Hauptfeinde stand. Vielmehr galt der hohe Fahndungsdruck in den meisten westlichen Staaten als ein wesentlicher Grund für das Ausbleiben von Anschlägen. Den Wunsch, auch in westlichen Ländern wieder Attentate zu verüben, scheinen die Kader Al Qaidas aber nie aufgegeben zu haben. In öffentlichen Botschaften drohten sie immer wieder mit Anschlägen, auch gegen Deutschland. So wurde im November 2002 ein entsprechendes Tonband bekannt, das angeblich von Bin Ladin stammte, auf dem auch Deutschland erwähnt wird. Die deutschen Behörden haben deshalb in den vergangenen Jahren stets von einer "abstrakten Gefährdung" im Inland gesprochen.

In Madrid, so schien es am Montag, haben die Islamisten ihr Ziel nun erreicht. Erweisen sich die derzeit verfolgten Spuren als richtig, dann ist ihnen zum ersten Mal ein großer Schlag in Kerneuropa gelungen. Außerdem deuten die Ermittlungen der spanischen Polizei darauf hin, daß der Anschlag in der spanischen Hauptstadt nach einem in jüngster Zeit häufiger zu beobachtenden Muster ablief. Denn Anschläge werden immer häufiger von autonom operierenden Zellen des Terrornetzwerkes oder von verbündeten örtlichen Organisationen ausgeführt.

So soll der Marokkaner Jamal Zougam, der im Zusammenhang mit dem Madrider Attentat festgenommen wurde, Verbindungen zur marokkanischen Salafistengruppe "Islamischer Kämpfer" haben, die schon im Mai vergangenen Jahres an mehreren Anschlägen in Casablanca beteiligt war - sozusagen als "Subunternehmer" des Netzwerkes. Die Attentate des 11. September 2001 waren dagegen - soweit bekannt ist - noch von der Al-Qaida-Führung selbst geplant und von Afghanistan aus gesteuert worden.

Etwa 3000 Festnahmen

Dahinter steckt offenbar ein logistisches Problem. Obwohl Afghanistan noch lange nicht befriedet ist, hat der amerikanische Einmarsch in dem Land Al Qaida einen wichtigen Ausbildungs-, Planungs- und Rückzugsraum genommen. Außerdem wurde es schwieriger, die Organisation zentral zu steuern, da in den vergangenen Jahren viele Mitglieder des Terrornetzwerks getötet oder verhaftet worden waren, darunter auch hohe Kader aus dem engsten Führungskreis um Bin Ladin. Nach einer Schätzung westlicher Dienste sind seit dem 11. September 2001 auf der ganzen Welt etwa 3000 Terroristen festgenommen worden. Nach einer im vergangenen Jahr aufgestellten Zählung war darunter ein Drittel der etwa 30 Personen zählenden Spitze von Al Qaida.

Zu den Festgenommenen gehörte unter anderem der Chefplaner Khalid Scheich Mohammed, der als Vater der Idee galt, Flugzeuge als Waffen einzusetzen. Zudem wurde der Militärchef von Al Qaida, Abu Zubaydah schon 2002 in Pakistan gefaßt. Der Ägypter Mohammed Atef ("Abu Hafs al Masri"), ebenfalls ein enger Vertrauter Bin Ladins, kam bei einem amerikanischen Raketenangriff im November 2001 in Afghanistan um. Ramzi Binalshibh verhafteten Sicherheitskräfte in der pakistanischen Hafenstadt Karachi im September 2002. Er gilt als Organisator und "Bankier" der Hamburger Zelle, aus der die drei mutmaßlichen Piloten der Anschläge vom 11. September hervorgingen.

Gemeinsam mit Khalid Scheich Mohammed hatte er etwa ein Jahr nach den Anschlägen in Amerika ein Fernsehinterview gegeben, in dem sie die Planungen ausführlich beschrieben. Von der ursprünglichen engeren Führungsspitze Al Qaidas sind nur wenige übriggeblieben: Neben Bin Ladin spielt weiterhin sein Stellvertreter, der Ägypter Ayman al Zawahiri, eine wichtige Rolle.

Wiederholt Video- und Tonbandbotschaften

Westliche Dienste glauben, daß das ein Grund dafür ist, daß Bin Ladin und Zawahiri sich immer wieder in Video- und Tonbandbotschaften äußern, von denen viele als authentisch eingestuft werden müssen. Auf diese Art können sie ihren Anhängern sagen, daß der Kampf weitergeht und womöglich sogar neue Ziele und Schwerpunkte für Anschläge bekanntgeben. Bin Ladin meldete sich Anfang Januar auf einer 14 Minuten langen Tonbandaufnahme nach längerem Schweigen wieder zu Wort, die der arabische Sender Al Dschazira ausstrahlte - kurz bevor im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet eine neue Suchaktion nach dem Terroristenführer begann. Er kritisierte vor allem die "Verschwörungen" des Westens gegen die "islamische Nation", der mit einem heiligen Krieg zu begegnen sei. Mögliche Ziele in Europa nannte er damals nicht, aber er griff die Herrscher der Golfstaaten wegen ihrer Zusammenarbeit mit den Amerikanern an.

Kurz nach Bin Ladin äußerte sich im Februar auch Ayman al Zawahiri wieder. Der Ägypter stellte einen Bezug zu Europa her, wenn auch nicht zu Spanien: Er kritisierte auf einem Tonband das Verbot des islamischen Kopftuchs in den staatlichen Schulen Frankreichs. Der Schritt zeuge von der "Rachsucht der westlichen Kreuzritter gegen die Muslime", hieß es auf der Aufnahme, die der Sender Al Arabija ausgestrahlte.

Zumindest eine wichtige Rolle innerhalb des internationalen Netzwerks der Terrororganisation soll mittlerweile der Jordanier Abu Mussab al Zarqawi spielen. Im Februar fiel den amerikanischen Streitkräften im Irak ein Dokument in die Hand, das von ihm stammen soll und die künftige Strategie Al Qaidas im Irak beschreibt. Zarqawi, dem auch Verbindungen zu militanten Islamisten in Deutschland nachgesagt werden, gilt mittlerweile als einer der wichtigsten Strategen der Terrororganisation.

Schwerpunkt Irak

Zarqawis prominente Rolle geht damit einher, daß sich die Al Qaida seit dem amerikanischen Einmarsch in den Irak offenbar einen Schwerpunkt auf das Land gelegt hat. Ein großer Teil der Terrorangriffe wurde dabei womöglich von ihm geplant. Das geht zumindest aus einem Dokument hervor, das vor kurzem den Amerikanern in die Hände fiel. Darin bedauert Zarqawi, daß es im Irak bisher nicht zu einem Volksaufstand gegen die Besatzungstruppen gekommen sei. Zugleich bezichtigt er sich, 25 Selbstmordanschläge im Irak organisiert zu haben. Der 1966 in Jordanien geborene Sohn palästinensischer Eltern hatte sich zunächst dem Kampf gegen die sowjetischen Truppen in Afghanistan angeschlossen haben. Aus dieser Zeit stammen seine Kontakte zu Al Qaida.

Zur Jahrtausendwende soll er sich in Jordanien an der Planung von Anschlägen auf ein Hotel in Amman sowie auf christliche, amerikanische und israelische Einrichtungen in Jordanien beteiligt haben, die jedoch vereitelt wurden. In Afghanistan leitete er später ein Ausbildungslager und wurde zum Spezialisten des Terrornetzwerks für biologische und chemische Waffen. Die Türkei hält ihn für den Organisator der Anschläge vom vergangenen November. Er gilt zudem als der operative Anführer der Gruppen Al Tawhid und Bayat al Imam. Gegen vier mutmaßliche Mitglieder von Tawhid läuft vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht ein Verfahren. Sie sollen in seinem Auftrag Anschläge gegen jüdische Einrichtungen geplant haben; auch gegen Zarqawi selbst wird ermittelt. Zugleich führt er angeblich im Nordirak die Gruppe Ansar al Islam an und soll Kontakte zur libanesischen Hizbullah-Miliz unterhalten.

Al Zawahiri ein möglicher Nachfolger Bin Ladins

Daß junge Führer wie Zarqawi wichtige Positionen in Al Qaida eingenommen haben, zeigt, daß die Zukunft des Netzwerks wohl längst nicht mehr vom Überleben Bin Ladins abhängig ist. Der reiche frühere saudische Bauunternehmer, der seinen persönlichen "Heiligen Krieg" im Kampf gegen die sowjetische Besatzung Afghanistans begann, scheint sich nach Meinung westlicher Beobachter immer mehr auf eine Rolle als spiritueller Führer und Finanzier der von ihm gegründeten Al Qaida ("die Basis") zurückzuziehen. Er genießt aber weiter hohes Ansehen unter vielen Islamisten auf der ganzen Welt. Besonders in den Stammesgebieten an der afghanischen Grenze findet er so viel Unterstützung, daß er sich seit mehr als zweieinhalb Jahren bisher jedem Versuch entziehen konnte, ihn zu verhaften.

Sollte Bin Ladin eines Tages Al Qaida nicht mehr führen können, gilt sein Stellvertreter Al Zawahiri als ein möglicher Nachfolger. Der aus Ägypten stammende Chirurg, der sich zunächst den militanten Islamisten des "Islamischen Dschihad" in seinem Heimatland angeschlossen hatte, hat angeblich eine führende Rolle bei der Vorbereitung der Attentate am 11. September 2001 gespielt. Nach der Verbüßung einer längeren Haftstrafe gelangte er Mitte der achtziger Jahre über Saudi-Arabien nach Pakistan. Dort traf er 1986 das erste Mal in Peshawar Bin Ladin. Daraufhin taten sich die beiden zusammen. Zawahiri soll seitdem - neben der Planung von Anschlägen - vor allem als geistlicher Berater und Arzt des erkrankten Al-Qaida-Führers von Bedeutung sein sowie als einer der wichtigsten Ideologen des Netzwerks.

Eines hat Al Qaida bei all den Veränderungen, die ihr in den vergangenen Jahren aufgezwungen wurden, nicht verlernt. Noch immer schafft sie es, komplexe Anschläge zu verüben. Ein spektakulärer Schlag nach dem Vorbild des 11. September hat sie zwar nicht mehr unternommen; ebensowenig ist es bislang zu Attentaten mit biologischen, chemischen oder gar nuklearen Waffen gekommen. In Madrid wurden zwar in vier Zügen dreizehn Bomben aus konventionellem Sprengstoff angebracht. Diese Anschläge, sofern sie von Al Qaida verübt wurden, beweisen aber zugleich die ungebrochene Fähigkeit zu anspruchsvoller Planung und Operationsfähigkeit.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.03.2004, Nr. 64 / Seite 3
Bildmaterial: AP

 
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