11. Januar 2005 Im Militärprozeß gegen den mutmaßlichen Rädelsführer der Gefangenenmißhandlungen von Abu Ghraib, Charles Graner, haben mehrere Zeugen am Montag den Angeklagten belastet. Danach schlug Graner einen irakischen Häftling mit der Faust ins Gesicht und war auch maßgeblich am Aufbau einer menschlichen Pyramide aus nackten Gefangenen beteiligt.
Anwalt: Zulässige Mittel der Kontrolle
Vor Beginn der Zeugenaussagen hatten Ankläger und Verteidigung in dem Prozeß auf dem amerikanischen Militärstützpunkt Fort Hood in Texas ihre Eröffnungsplädoyers gehalten. Dabei wurden mehrere Fotos gezeigt, darunter die menschliche Pyramide und ein Bild, auf dem die ameikanische Soldatin Lynndie England einen kriechenden Häftling wie einen Hund an der Leine führt.
Graners Rechtsvertreter Guy Womack bezeichnete in seinen Ausführungen die Praktiken im Gefängnis Abu Ghraib bei Bagdad als zulässiges Mittel, um Gefangene technisch unter Kontrolle zu bringen. Der Verteidiger erklärte zugleich, sein Mandant habe auf Befehl von Vorgesetzten gehandelt - eine Argumentation, die nach Einschätzung von Rechtsexperten in dem Verfahren gegen den Stabsgefreiten und in folgenden Prozessen gegen weitere Angeklagte eine große Rolle spielen wird.
Menschliche Pyramiden sind nicht ungewöhnlich
Womack erklärte Medienberichten zufolge in seinem Eröffnungsplädoyer, menschliche Pyramiden seien nichts Ungewöhnliches. Überall in den Vereinigten Stataten bilden die Cheerleader Pyramiden, sagte der Jurist unter Bezug auf die Tänzerinnen, die bei Sportveranstaltungen die Stimmung anheizen. Ist das Folter? Womack verwies zudem darauf, daß auch viele Eltern ihre Kinder beim Einkaufen an einer Leine hielten.
Charles Graner ist der erste von insgesamt sieben Beschuldigten im Skandal um Abu Ghraib, der sich auf amerikanischem Boden wegen der Mißhandlungen verantworten muß. Die Anklage wirft ihm Körperverletzung, Mißhandlung und Pflichtversäumnisse vor. Bei einem Schuldspruch drohen Graner, der sich zum Auftakt des Prozesses optimistisch gab und nicht schuldig bekannt hatte, mehr als 17 Jahre Haft.
Abscheu auf der ganzen Welt
Der 36 Jahre alte ehemalige Gefängniswärter ist am häufigsten auf den Skandalfotos aus dem irakischen Gefängnis zu sehen, die im vergangenen April auftauchten und auf der ganzen Welt Abscheu hervorriefen.
Auf einem steht er mit seiner damaligen Geliebten Lynndie England grinsend hinter aufeinander gehäuften irakischen Gefangenen. Auf England kommt ebenfalls ein Militärprozeß zu. Die Gefreite brachte im Oktober einen Sohn zur Welt. Graner ist der Vater.
Lachte auch dabei und hatte seinen Spaß
Wachmann Matthew Wisdom schilderte als erster Zeuge der Anklage einen Fall, in dem Graner einen Gefangenen mit voller Wucht ins Gesicht geschlagen habe. Eines der auf der ganzen Welt veröffentlichten Fotos zeigt Graner mit erhobener Faust - Wisdom zufolge ist das die Szene Sekunden vor dem Schlag.
Der Gefreite Jeremy Sivits, der sich im Mai im Zusammenhang mit den Mißhandlungen schuldig bekannt und eine einjährige Gefängnisstrafe erhalten hatte, sagte aus, Graner habe seine Aufgabe erfüllen wollen, aber er lachte auch dabei und hatte seinen Spaß. Über Graners Schicksal entscheidet eine zehnköpfige Jury aus Offizieren und Soldaten unterer Ränge. Für einen Schuldspruch sind die Stimmen von sieben Geschworenen nötig.
Text: FAZ.NET mit Material von dpa und AFP
Bildmaterial: AP