Von Matthias Rüb, Washington
17. April 2008 Kein Wölkchen war am strahlend blauen Himmel zu sehen, als Papst Benedikt XVI. auf dem South Lawn des Weißen Hauses eintraf. Das frischeste Grün war aus den Zweigen der Büsche und Bäume gebrochen, der Rasen stand im vollen Saft, und mit ein bisschen Glück und gerecktem Hals konnte man drüben am Tidal Basin noch die letzten Japanischen Kirschbäume in ihrer rosa Blütenpracht sehen. Schöneres Begrüßungswetter hat die amerikanische Hauptstadt für einen Staatsgast nicht zu bieten.
Es ist vielleicht kein Wunder, dass auch der Himmel mitspielt, wenn eben nicht nur das Staatsoberhaupt des Vatikan, sondern auch der Heilige Vater, das geistliche Oberhaupt von mehr als einer Milliarde katholischer Christen empfangen wird. Und ein besonderer Empfang war es allemal. Zum ersten Mal in seiner Amtszeit hat Präsident George W. Bush, begleitet von First Lady Laura Bush und Tochter Jenna, einen Staatsgast schon auf dem Luftwaffenstützpunkt Andrews im Osten der Hauptstadt empfangen.
12.000 Gäste vor dem Weißen Haus
Der Empfang von Papst Benedikt XVI. war der größte und prachtvollste, den das Weiße Haus seit dem Amtsantritt von Präsident George W. Bush im Januar 2001 erlebt hat: 12.000 geladene Gäste bevölkerten den Rasen das Südgartens, schwenkten amerikanische Fähnchen sowie jene in den weiß-gelben Farben des Vatikans.
Vizepräsident Dick Cheney und seine Frau waren gekommen, die Sprecherin des Repräsentantenhauses Nancy Pelosi - als gute Katholikin beließ sie es nicht beim Händedruck, sondern küsste den päpstlichen Ring - und ihr Mann, auch Außenministerin Condoleezza Rice war dabei. Kinder im Sonntagsstaat hielten Willkommens-Schildchen mit deutschen Aufschriften empor - und dann kam es zum gewiss nicht ganz spontanen Ständchen Happy Birthday der Menge zum 81. Geburtstag des Pontifex. Der Papst war gewiss nicht überrascht, aber er war sichtlich gerührt. Auch Präsident Bush eröffnete seine Rede mit besten Wünschen für Gesundheit und ein langes Leben.
Der Anlass war nicht nur wegen des Jubeltages historisch. Zuletzt hatte Präsident Jimmy Carter im Jahre 1979 Johannes Paul II. Weißen Haus empfangen, Benedikt XVI. ist überhaupt erst der zweite Papst, der dem Weißen Haus einen Besuch abstattete. Man wird es als einen diplomatischen Kunstgriff betrachten dürfen, dass der Papst noch an Bord des Flugzeuges über dem Atlantik den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche der Vereinigten Staaten und in aller Welt angesprochen und seine tiefe Scham darüber zum Ausdruck gebracht hatte: So war das wohl doch wichtigste und düsterste Thema seine Besuches schon angesprochen, ehe er amerikanischen Boden betrat.
Ich komme als Freund und Prediger
Auch die Ansprachen Bushs und des Papstes im Garten des Weißen Hauses verdeutlichten, dass die führende militärische und politische Macht der Welt und eine der führenden moralischen und geistlichen Mächte in ihren Beziehungen ein neues Kapitel aufgeschlagen haben. Der Streit um den Irak-Krieg, den der Vatikan stets abgelehnt hatte, scheint beigelegt oder ist jedenfalls suspendiert.
Die Reden Bushs und Benedikts XVI. beschwörten in ähnlicher Diktion das Geschenk der Freiheit, das immer wieder verteidigt und wiedererobert werden müsse; das der Mensch seinem Schöpfer verdanke und mit dem Verantwortung verbunden sein. Sein Besuch gelte nicht nur Katholiken sondern allen Amerikanern, sagte das Oberhaupt der katholischen Kirche. Ich komme als Freund und Prediger des Evangeliums mit großem Respekt für diese breite pluralistische Gesellschaft, betonte er gegenüber Präsident George W. Bush. Angehörige unterschiedlicher Glaubensgemeinschaften kämen in den Vereinigten Staaten traditionell in den Genuss von Glaubens- und Gewissensfreiheit.
Amerikas Streben nach Freiheit sei stets von der Überzeugung geleitet, dass die Prinzipien, die das soziale und politische Leben regeln, eng mit einer moralischen Ordnung verbunden sind, die auf der Herrschaft des Schöpfergottes basiert. Nur auf dieser Grundlage hätten die Staatengründer die Wahrheit verkünden können, dass alle Menschen gleich seien und unveräußerliche Rechten hätten.
Gott segne Amerika
Eine Demokratie ohne Werte kann ihre eigene Seele verlieren, sagte der Papst, nur der Glaube gebe den Menschen die Kraft, für eine immer gerechtere und brüderliche Gesellschaft einzutreten. Mehrfach verwies der Papst auf die tiefe und gelebte Religiosität in den Vereinigten Staaten. Für die Amerikaner sei der religiöse Glaube dauernde Inspiration und treibende Kraft gewesen, etwa beim Kampf gegen die Sklaverei und in der Bürgerrechtsbewegung. Während die Nation zunehmend schwierigeren politischen und ethischen Fragen gegenübersteht, bin ich zuversichtlich, dass das amerikanische Volk in seinem Glauben eine wertvolle Quelle der Inspiration findet, sagte Benedikt XVI. Zugleich rief er eindringlich zur Hilfe für die Dritte Welt auf.
Das Bedürfnis nach internationaler Solidarität ist dringlicher denn je, damit alle Menschen in der Welt in Würde leben könnten. Der Papst kündigte außerdem an, in seiner Rede vor den Vereinten Nationen an diesem Freitag in New York das Thema Menschenrechte in den Mittelpunkt zu stellen. Und er schloss seine Rede mit den Worten: Gott segne Amerika!
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS