11. Januar 2007 Selbst wenn alle von Präsident Bush in Marsch gesetzten zusätzlichen Truppen im Irak an Ort und Stelle sein werden, wird die Gesamtzahl der im Zweistromland eingesetzten Soldaten nicht das höchste Niveau seit Beginn des Krieges im Irak erreichen.
Gegenwärtig sind gut 132.000 amerikanische Soldaten im Irak stationiert; rechnet man die von Bush als Verstärkung angekündigten mehr als 21.500 Mann hinzu, kommt man auf ein Truppenniveau von knapp 154.000 Soldaten. Das sind noch immer 11.000 Mann weniger als im Dezember 2005, als etwa 165.000 amerikanische Soldaten im Irak im Einsatz waren.
Gebiete sichern, die wir gesäubert haben
Der Präsident erklärte in seiner Ansprache an die Nation, warum er trotz der negativen Erfahrung der vergangenen Jahre, da eine Verstärkung der Truppen gerade nicht zum erwünschten Ziel von mehr Sicherheit geführt hatte, jetzt dennoch die Hoffnung hege, dass die vorübergehende Verstärkung endlich die erwünschten Resultate bringen werde.
Die von ranghohen Offizieren im Irak sowie von der politischen Führung in der Vergangenheit ausgegebene Parole im Kampf gegen Aufständische im Irak lautete: Clear, Hold and Build, etwa Säubern, Sichern und Aufbauen. Der Präsident gab in seiner Rede zu, dass bei früheren Versuchen zur Befriedung des Iraks und zumal der Hauptstadt wiederholt der Fehler gemacht worden sei, dass nach dem Schritt des Säuberns das Sichern und auch das Aufbauen vernachlässigt worden sei: In früheren Operationen haben irakische und amerikanische Truppen viele Stadtviertel von Aufständischen und Terroristen gesäubert, aber wenn unsere Kräfte zu anderen Zielen abrückten, kehrten die Mörder zurück. Dieses Mal werden wir die Truppenstärke haben, um die Gebiete zu sichern, die wir gesäubert haben.
Brigaden nach Bagdad
Achtzig Prozent der Gewalttaten werden nach Erkenntnissen der amerikanischen Streitkräfte in Bagdad und in einem Umkreis von etwa 50 Kilometern um die Hauptstadt verübt. Vier zusätzliche Brigaden der amerikanischen Streitkräfte mit zusammen gut 17.000 Mann sollen deshalb in die Hauptstadt Bagdad entsandt werden. Dort sollen sie gemeinsam mit irakischen Sicherheitskräften sämtliche Stadtviertel kontrollieren - auch das schiitische Armenviertel Sadr-Stadt, wo der radikale Prediger Muqtada Sadr viele Anhänger hat und die Kämpfer seiner nach Schätzungen inzwischen mehr als 10.000 Mann starken Mahdi-Miliz rekrutiert.
Eine weitere Brigade mit mehr als 4500 Soldaten wird in die Provinz Anbar verlegt, um dort die sunnitischen Aufständischen zu bekämpfen. Schließlich wird der Flugzeugträger USS Eisenhower, der vorübergehend vom Persischen Golf ans Horn von Afrika zur Unterstützung der Operationen gegen Al-Qaida-Zellen im Süden Somalias verlegt wurde, wieder in den Golf zurückkehren.
Dieses Mal grünes Licht
Das Zahlenverhältnis der zusätzlichen amerikanischen Truppen zeigt, dass sich nach Überzeugung der militärischen und politischen Führung der Vereinigten Staaten der Schwerpunkt des Kampfes von den sunnitischen Aufstandsprovinzen nördlich und westlich von Bagdad in die Hauptstadt verschoben hat, wo die bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen zwischen Schiiten und Sunniten zur gefährlichsten Herausforderung geworden sind. Zudem hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die angestrebte Übergabe der Verantwortung für die Sicherheit im Irak an die irakischen Sicherheitskräfte erst dann sinnvoll ist, wenn diese auch tatsächlich dazu in der Lage sind, ihrerseits zu säubern, zu sichern und aufzubauen - statt von jenen Kräften wie der Mahdi-Miliz und den schiitischen Badr-Brigaden unterwandert zu werden, gegen die sie vorgehen müssten.
Präsident Bush hat sich vom irakischen Ministerpräsidenten Maliki versichern lassen, dass die amerikanischen und irakischen Truppen dieses Mal grünes Licht haben werden, um in diese Stadtviertel einzurücken. Gemeint ist offenbar auch Sadr-Stadt - und dass sie nicht wie im vergangenen Jahr aus politischen Rücksichten der Regierung Maliki auf Sadr zurückgepfiffen werden.
Bush: In jedem Fall mehr Opfer
Oberstes Gebot für die Truppen ist es nun, die verängstigte Bevölkerung zu schützen und damit die Grundvoraussetzung für politische Versöhnung und wirtschaftlichen Wiederaufbau zu schaffen. Als ebenso trügerisch hatte sich die Hoffnung erwiesen, politische Fortschritte wie die Wahlen vom November 2005 und die Bildung einer Regierung auf breiter Basis würden zu mehr Stabilität und Wachstum führen; statt dessen sollen jetzt die Schaffung von Sicherheit und Stabilität sowie ein Arbeitsbeschaffungs- und Aufbauprogramm die Basis für politische Aussöhnung schaffen.
Die Konzentration der schon im Irak stationierten und der zusätzlich dorthin in Marsch gesetzten Truppen in der Hauptstadt gibt der veränderten Strategie mit dem Titel Der neue Weg vorwärts den Charakter eines Plans der letzten Chance, wie es der republikanische Senator John McCain, der die Truppenverstärkung entschieden unterstützt, genannt hat. Tatsächlich geht der Präsident mit dem neuen Sicherheitsplan ein immenses Risiko ein, und er kann nur hoffen, dass es für Schritte, die vor Jahr und Tag richtig gewesen wären, heute nicht schon zu spät ist.
Das Jahr vor uns wird mehr Geduld, Opfer und Entschlossenheit von uns verlangen, sagte Bush in der Nacht zum Donnerstag. Er kündigte weitere Gewalttaten auch für den Fall an, dass der Plan genau so aufgehe, wie es vorhergesehen sei. Doch wir können und werden gewinnen, bekräftigte Bush. Auf die denkbare Frage: Was aber, wenn nicht?, gab der Präsident keine Antwort.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, F.A.Z, F.A.Z., FAZ.NET