Von Michaela Wiegel, Paris
27. April 2007 Das Geburtstagsgeschenk kam als Nachricht auf dem Mobiltelefon. Eine Einladung von Ségolène Royal, der wohl mächtigsten Frau Frankreichs, zum Mittagessen, Restaurant Pasco in Paris, ein Tisch auf der Terrasse sei für 13 Uhr reserviert. Ob Dominique Strauss-Kahn sich gefreut hat, seinen 58. Geburtstag mit der Genossin zu verbringen, die ihn um seinen Präsidententraum gebracht hat? In jedem Fall kam er pünktlich kurz vor eins. Hinter der Thujahecke, mit der die Restaurantgäste vor den Blicken der Passanten geschützt werden sollten, hatten schon ein Dutzend Fotografen und Kameraleute Stellung bezogen.
Ségolène Royal ließ Dominique Strauss-Kahn warten, fast eine halbe Stunde, ein Privileg der Macht, das der Wartende als Finanz- und Wirtschaftsminister der Linksregierung Jospin selbst gern ausgekostet hatte. Und natürlich verweigerte er der Bildpresse sein verführerisches Lächeln nicht bei diesem Tête-à-tête im Sonnenschein, als Ségolène Royal endlich ihm gegenüber Platz genommen hatte.
Kosmopolitisches Savoir-faire
DSK, der ihr im Wettstreit um die Kandidatenauswahl im vergangenen Herbst unterlegen war, hat sehr lange auf ein Zeichen von der Präsidentschaftskandidatin gewartet. Erst jetzt, als klar ist, dass sie nur mit den Stimmen der knapp sieben Millionen Bayrou-Wähler den zweiten Wahlgang gewinnen kann, hat Ségolène Royal sich zu dieser Geste durchgerungen. Dominique Strauss-Kahn, der Vorzeige-Sozialdemokrat, soll ihr die Sympathisanten des Zentristen Bayrou zutreiben.
Strauss-Kahn verkörpert wirtschaftspolitische Kompetenz, kosmopolitisches Savoir-faire und europäische Überzeugungen, die ihn für viele Mitte-links-Wähler attraktiv machen. Deshalb lässt Ségolène Royal jetzt das Gerücht streuen, dass sie ihn für den Premierministerposten vorgesehen hat. Ein solches Angebot will Strauss-Kahn nicht ausschlagen, dürstet er doch nach politischer Rehabilitierung.
Antikapitalistische Dämonen
Auf dem Höhepunkt seiner Macht Ende 1999, als die Wirtschaft in Frankreich boomte, hatte Strauss-Kahn von seinem Amt zurücktreten müssen, wegen einer undurchsichtigen Korruptionsaffäre, in der wegen Urkundenfälschung gegen ihn ermittelt wurde. Premierminister Jospin hatte seinem Freund, der ihn als Trauzeugen gewählt hatte, den Rücktritt nahegelegt. Strauss-Kahn folgte dem Rat, aber musste zusehen, wie Jospin 2002 die Linke aller Hoffnungen auf einen Machtwechsel beraubte. Da tröstete es ihn nur wenig, dass er von allen Korruptionsvorwürfen vor Gericht freigesprochen wurde.
Strauss-Kahn will sich der Sympathieoffensive Frau Royals nicht verweigern, er sieht darin die einmalige Chance, seine Partei endlich von den antikapitalistischen Dämonen zu befreien, die sie immer wieder erobern, sobald sie längere Zeit von den Regierungsgeschäften ausgeschlossen bleibt. Die Rolle des Parteichefs François Hollande als Gralshüter der im Arbeiterkampf entstandenen Parteiideologie nimmt Strauss-Kahn dabei genauso wenig ernst wie damals Hollandes Gehabe, er werde ein ehrlicher Makler der Partei im Auswahlverfahren um den Präsidentschaftskandidaten sein.
Im Paar Ségolène Royal und François Hollande hat sie die Hosen an, hat Strauss-Kahn einmal gesagt. Und an der Anrede Herr Premierminister in spe kann er außerdem Gefallen finden. Das bedeutet auch eine Revanche gegenüber der alten Garde mitterrandscher Schule, Jean-Louis Bianco und Jean-Pierre Chevènement, unter deren Einfluss Ségolène Royal steht.
Der ideale Schwiegersohn
Als Monsieur le Premier ministre wird François Fillon von seinen rechtsbürgerlichen Parteifreunden schon lang angeredet. Im Gegensatz zu Strauss-Kahn ist Fillon kein Joker, den Nicolas Sarkozy in letzter Minute zieht. Fillon stammt aus dem linksgaullistischen, europakritischen und patriotischen Flügel der früheren RPR, der seit dem politischen Ableben Philippe Séguins vaterlos ist.
Fillon sieht aus wie der ideale Schwiegersohn, höflich, ruhig und bescheiden ist sein Auftreten. Der Notarssohn hat seine politische Karriere in der Sarthe, in der Region um den Loire-Fluss, bedächtig aufgebaut, dort leben seine Frau und fünf Kinder weiterhin. 1993 holte Balladur den stets sauber gescheitelten Mann als Forschungsminister ins Kabinett, unter Juppé wurde er 1995 Post- und Telekommunikationsminister.
Reformdruck auf Chirac
In die öffentliche Wahrnehmung gelangte Fillon 2002 als Arbeits- und Sozialminister der Regierung Raffarin, der mit viel Verhandlungsgeschick die Rentenreform durchsetzte. Widerstrebend übernahm er nach der Niederlage des rechtsbürgerlichen Lagers bei den Regionalwahlen 2004 das Erziehungsministerium.
Seinen Vertrauensbruch mit Präsident Chirac datiert Fillon auf einen etwas früheren Zeitpunkt, er habe nach der Rentenreform den Reformdruck aufrechterhalten und etwa die Sonderregime und den öffentlichen Dienst reformieren wollen, während Chirac glaubte, den Franzosen eine Reformpause gewähren zu müssen.
Wert Arbeit
Sarkozy nahm sich des glücklosen Erziehungsministers Fillon an, nachdem Chirac ihn fallengelassen hatte. Fillon hat Sarkozy loyal im Wahlkampf unterstützt und wahrscheinlich mehr Einfluss auf seinen Mentor ausgeübt, als dieser je zugeben würde. Die europaskeptischen Töne Sarkozys, seine Angriffe auf den Euro und die Europäische Zentralbank gehen auf Fillon zurück, der stolz darauf ist, im Maastricht-Referendum gegen den Euro gestimmt zu haben.
Auch die Kampagne über den Wert Arbeit, die Anleihen aus dem gaullistischen Fundus des Nationalstolzes, stammen von Fillon. Sarkozys Redenschreiber Henri Guaino, ein guter Freund Fillons, kommt aus dem Kreis der Séguin Boys. Sie könnten schon bald Regierungsverantwortung übernehmen.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: AFP, REUTERS