Rußland

Nach dem Tod von Maschadow: „Der Krieg wird weiter gehen“

Aslan Maschadow

Aslan Maschadow

09. März 2005 Die Unabhängigkeitskämpfer in der russischen Kaukasusrepublik Tschetschenien haben nach dem Tod ihres Anführers Aslan Maschadow die Fortsetzung ihres Kampfes angekündigt.

„Die Besatzer und Marionetten feiern etwas, das sie für einen Sieg halten“, hieß es am Mittwoch auf der Internetseite Kavkazcenter, auf der die Rebellen oft Erklärungen abgeben. In Wahrheit habe aber nur „die propagandistische Begeisterung“ kurzzeitig gesiegt. In Tschetschenien gebe es nun niemanden mehr wie Maschadow. Indem Rußland den Rebellenführer getötet habe, hätten auch diejenigen Tschetschenen ihre letzten Illusionen verloren, „die noch an das so genannte Völkerrecht geglaubt haben“.Der Krieg könne jetzt nicht ausgesetzt werden, „sondern nur weitergehen“, hieß es auf der Webseite.

„Schlag gegen die Europäische Union“

Bei einem Gefecht in seiner Heimat getötet: Aslan Maschadow

Bei einem Gefecht in seiner Heimat getötet: Aslan Maschadow

Verhandlungen, wie Maschadow sie sich vorgestellt habe, könne es „mit dem russischen Reich“ nicht geben. „Daß nicht nur Tschetschenien, sondern der gesamte nördliche Kaukasus nicht bei Rußland bleiben kann, ist jetzt offensichtlich.“ Die russische Wirtschaftszeitung „Wedomosti“ bezeichnete Maschadows Tod als einen „Schlag gegen die Europäische Union“, weil Europa die russische Regierung in den vergangenen fünf Jahren des Tschetschenien-Konfliktes immer wieder dazu gedrängt habe, Gespräche mit dem Rebellenführer aufzunehmen.

Die Beziehungen zwischen Moskau und der EU könnten sich durch Maschadows Tötung verschlechtern, warnte das Blatt. Der russische Geheimdienst hatte am Dienstag mitgeteilt, der 53jährige Tschetschenenpräsident sei bei einem Sondereinsatz in der Nähe der tschetschenischen Hauptstadt Grosny getötet worden.

Leichnam identifiziert

Der frühere tschetschenische Präsident und Separatistenführer Maschadow war nach russischen Angaben bei einem Gefecht in seiner Heimat getötet worden. Der Leichnam sei identifiziert worden, teilte ein Sprecher der russischen Streitkräfte im Nordkaukasus am Dienstag mit.

Der Inlandsgeheimdienst FSB unterrichte Präsident Wladimir Putin am Dienstag abend über den Tod Maschadows, das russische Fernsehen strahlte Bilder von dessen Leichnam aus. Maschadow stand neben dem tschetschenischen Terroristen Schamil Bassajew an der Spitze der russischen Fahndungsliste.

„In einem Bunker versteckt“

„Ich bestätige, daß Maschadow in der Nähe der Ortschaft Tolstoi-Jurt getötet worden ist. Dort kam es zu einem Gefecht. Maschadow versteckte sich in einem Bunker unter einem der Häuser“, sagte der Armeesprecher nach Angaben der Nachrichtenagentur Interfax. Nach Angaben eines Militärsprechers sprengten russische Truppen einen Bunker, in dem sich Maschadow versteckt hatte. Präsident Putin lobte den Einsatz im Fernsehen und fügte hinzu: „Wir müssen unsere Anstrengungen zum Schutz der Republik verstärken.“

Aslan Maschadow bei einer Parade in Tschetschenien 1999

Aslan Maschadow bei einer Parade in Tschetschenien 1999

Auch die Moskau-treue Führung Tschetscheniens hat den Tod Maschadows bestätigt. Man habe ihn lebend fassen wollen, doch sei er durch den „unachtsamen Umgang mit Waffen“ getötet worden, sagte der stellvertretende tschetschenische Regierungschef Ramsan Kadyrow am Dienstag nach Angaben der Agentur Interfax. Man habe gehofft, daß Maschadow sich ergeben würde, und habe ihm eine ranghohe Stellung innerhalb des tschetschenischen Sicherheitsapparats anbieten wollen.

Belohnung von zehn Millionen Dollar

Der Kreml beschuldigte Maschadow, gemeinsam mit Bassajew in den vergangenen Jahren schwere Terroranschläge wie die Geiselnahme im Musicaltheater Nordost sowie in der Schule von Beslan geplant zu haben. In den vergangenen Jahren war mehrfach der Tod Bassajews gemeldet worden, der aber jedes Mal von den Rebellen dementiert wurde.

Maschadow galt als einer der meistgesuchten Männer Rußlands. Er hatte 1997 die Präsidentenwahl im damals de facto unabhängigen Tschetschenien gewonnen, wurde aber nie von Rußland anerkannt. Seit dem später erfolgten russischen Einmarsch in die abtrünnige Republik befand sich der Rebellenführer auf der Flucht.

Im Zusammenhang mit der Geiselnahme an einer Schule im südrussischen Beslan hatte die Regierung in Moskau eine Belohnung von zehn Millionen Dollar auf Maschadow ausgesetzt. Maschadow hatte im Kampf gegen die russischen Truppen vor einem Monat eine einseitige Waffenruhe verkündet. Zugleich drohte der Rebellenführer aber auf einem im Januar aufgenommenen Video mit neuen Geiselnahmen wie im südrussischen Beslan.

Angehörige von Beslan fordern Aufklärung

Unterdessen fordern sechs Monate nach dem Drama in der Schule von Beslan mit mehr als 330 Toten Angehörige der Opfer Auskunft über die Gründe für die blutige Eskalation der Geiselnahme.

Etwa 1.000 Menschen protestierten in der russischen Teilrepublik Nordossetien am Dienstag auch gegen die Informationspolitik der Behörden, wie der Rundfunksender „Echo Moskwy“ berichtete. Auf der von der Organisation „Frauen von Beslan“ durchgeführten Kundgebung wurde auch Kritik an der Führung in Moskau laut. „Staatsterrorismus ist schlimmer als Al Qaida“, stand auf einem Plakat.

Viele Angehörige werfen der Regierung vor, jegliche Verhandlungen mit den Terroristen untersagt zu haben. Moskau trage eine Mitschuld am Tod der Kinder, Eltern und Lehrer, heißt es in Beslan.

Abschlußbericht verzögert sich

Am 1. September 2004 hatte eine Terroristengruppe unter tschetschenischem Kommando die Schule von Beslan gestürmt und mehr als 1.200 Menschen in ihre Gewalt gebracht. Die Geiselnahme endete am dritten Tag in einem Blutbad. Aus bislang ungeklärter Ursache hatten sich in der Schulturnhalle mehrere Explosionen ereignet. Daraufhin war das Gebäude unter Dauerbeschuß von Polizei und bewaffneten Bürgern gestürmt worden.

Der vom Kreml für März angekündigte Abschlußbericht zu Beslan verzögert sich unterdessen weiter. Frühestens Ende April werde man mit den Erkenntnissen an die Öffentlichkeit gehen, teilte ein Sprecher der parlamentarischen Untersuchungskommission in Moskau mit. Es müsse noch eine „gewaltige Menge an Informationen“ ausgewertet werden, lautete die Begründung.

Text: FAZ.NET mit Material von dpa/Reuters/AFP
Bildmaterial: AP, picture-alliance / dpa/dpaweb

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