Mit der Kanzlerin in Lateinamerika: Tag 6

Eine Art Blitzstudium

19. Mai 2008 Sieben Tage in Lateinamerika. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich aufgemacht zu einer ungewöhnlich langen Reise, die sie von Brasilien über Peru nach Kolumbien und schließlich nach Mexiko führt. In der peruanischen Hauptstadt Lima wird die deutsche Regierungschefin am Gipfeltreffen der EU und der Staaten Lateinamerikas teilnehmen. Wer eine Reise nach Lateinamerika plane, treffe allein wegen der Entfernungen auf einen „herausfordernden Kontinent“ hatte die Kanzlerin vor Ihrer Abreise gesagt. F.A.S.-Redakteur Eckart Lohse begleitet sie und schildert in einem Tagebuch seine Eindrücke.

Tagebuch Teil 6: Von Kolumbien nach Mexiko

Wir überfliegen eben Huehuetenango. Wo das ist? Mittelamerika, eine Flugstunde südlich von Mexiko-City. Wusste an Bord der Kanzlerinnenmaschine bis dahin auch kaum jemand, als es auf dem Monitor auftauchte, der den Weg des Flugzeugs nachzeichnet von Kolumbien nach Mexiko. Aber man kann ja nicht alles wissen, nicht mal nach einer Woche Lateinamerika.

Man kann sich aber bemühen, ein bisschen zu begreifen. Angela Merkel sieht solche langen Auslandsreisen als eine Art Blitzstudium an, das auch am Sonntag nicht unterbrochen wird. Da sitzt sie um neun Uhr früh, bevor ihre öffentlichen Termine beginnen, in ihrem Hotel in Bogota für eine Stunde mit Menschen zusammen, die in den Programmen von Politikerreisen „Zivilgesellschaft“ genannt werden: Intellektuelle, Gewerkschafter, Geistliche, Wissenschaftler - Personen mithin, die ihr nicht in offizieller Funktion begegnen, dafür aber umso freier über die Lage im Land berichten können.

Woher kommt die Gewalt?

Das tun sie. Niemand möchte mit Namen zitiert werden, das ist aber auch nicht erforderlich. Was sie über ihr Land, über Kolumbien sagen, ergibt auch so ein Bild. Die Gewalt geht zurück. Das ist eine gute Botschaft. Wurden 2002 noch 196 Gewerkschafter ermordet, lag die Zahl fünf Jahre später bei 39. Aber zugleich wächst die Angst, dass die paramilitärischen Mordbanden, die so lange die Herrscher in Kolumbien waren und endlich bekämpft werden, sich neu gruppieren. Die „schwarzen Adler“ nennen sie sich. In diesem Jahr, das noch nicht halb vergangen ist, sind schon wieder 24 Gewerkschafter der tödlichen Gewalt zum Opfer gefallen.

Die Kanzlerin beschränkt sich aufs Fragen. Sie will wissen, woher die Gewalt kommt. Die Antwort, die gleich mehrere ihrer Gesprächspartner übereinstimmend geben, zeugt von einem kritischen Blick aufs eigene Land: In Kolumbien gebe es eine Kultur der Intoleranz. Meinungsunterschiede würden nicht durch Argumente, sondern durch Gewalt ausgetragen.

Warum gibt es soviel Gewaltbereitschaft? Immer wieder kommen die Gäste auf dasselbe Thema zurück: Rauschgift. Solange damit so enorm viel Geld verdient werden kann, wenden die Menschen Gewalt an, um ihren Anteil am großen Geschäft zu sichern. Als die Kanzlerin nach den staatlichen Programmen fragt, die Menschen eine Tätigkeit als Waldhüter anbieten, wenn sie im Gegenzug den Drogenanbau bleiben lassen, reagieren ihre Gäste kaum. Das scheinen sie nicht für sehr wirkungsvoll zu halten, ebenso wie Versuche, Rauschgiftpflanzen mit der Hand auszureißen, um sie zu vernichten. Ja nicht einmal die staatliche Methode, die Pflanzen durch Besprühen aus der Luft zu vernichten, halten sie für besonders zielführend. Weil so viele Drogen angebaut werden und das Geschäft so ertragreich ist, seien diese Gegenmaßnahmen nur marginal in ihrer Wirkung.

Freie Presse in den Städten

Und die frisch aufgebaute Staatsanwaltschaft und die Justiz, die versuchen, der Gewalt im Lande, den Rebellengruppen und Paramilitärs zu begegnen und zudem die Greueltaten der Vergangenheit aufzuarbeiten, den Opfern Gerechtigkeit zukommen zu lassen? Ja, sagt einer der Gesprächspartner, die funktionierten gut. Aber sie stünden unter so enormem Druck, dass sie jederzeit zusammenbrechen könnten.

Was die Lage unseres Berufstandes in Kolumbien angeht, so wird Positives berichtet. Die Gewalt gegenüber Journalisten, die oft in ihrer Ermordung gipfelte, sei stark zurückgegangen. In den Städten gebe es inzwischen eine freie Presse. Auf dem Land dagegen scheinen Einschüchterungen gegen Journalisten an der Tagesordnung zu sein. Kolumbien ist aber nicht mehr das lateinamerikanische Land, in dem die meisten Journalisten sterben. Zwei Länder liegen in dieser traurigen Statistik weiter vorne: Brasilien, die erste Station unserer Reise, und Mexiko. Hier endet heute der Besuch der Bundeskanzlerin.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: ddp

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