06. Juni 2005 Seit dem Sturz von Slobodan Milosevic im Oktober 2000 und der Ermordung von Zoran Djindjic im März 2003 hat nichts die Öffentlichkeit in Serbien so stark bewegt wie ein zehn Jahre alter Videofilm, der den Serben am Mittwoch vergangener Woche erstmals in die Wohnzimmer flimmerte. Auch die im ganzen Land empfangbaren staatlichen Fernsehnachrichten zeigten die Aufnahmen, auf denen Angehörige einer serbischen Sondereinheit mit dem Namen Skorpione sechs zuvor offensichtlich gefolterte bosnische Muslime erschießen.
In mehrfacher Hinsicht erschüttern diese Bilder Überzeugungen, die in Serbien bisher wenn nicht mehrheitsfähig, so doch sehr weit verbreitet waren. In einem Kommentar der Belgrader Tageszeitung Politika, die in den letzten Herrschaftsjahren Milosevics zu einem Sprachrohr von dessen Regime verkommen war, hieß es dazu am Wochenende: Das, was viele schon wußten oder nur erahnten, andere mutmaßten, bezweifelten oder hartnäckig leugneten, haben wir jetzt alle gesehen. Die brutalen echten Hinrichtungsszenen sind kein Produkt von Hollywood, sondern leider der nackte, brutale und bestialische Mord, den einige Serben an Leuten aus Srebrenica begangen haben, weil sie keine Serben waren.
Mit dem Segen eines Priesters
Doch nicht allein auf dem Schrecken darüber, daß Greuel in Uniformen mit serbischen Hoheitszeichen begangen worden sind, beruht die Wirkung der Aufnahmen, die in der vergangenen Woche erstmals im Haager Kriegsverbrecherprozeß gegen Milosevic gezeigt wurden und dann ihren Weg zurück nach Belgrad fanden. Denn der Film, entstanden nach der Einnahme der bosnischen Muslim-Enklave Srebrenica im Juli 1995, stellt auch die serbische orthodoxe Kirche in Frage, der die Serben in Umfragen regelmäßig ihr höchstes Vertrauen aussprechen.
Die Aufnahmen zeigen, wie ein Geistlicher die uniformierten Täter segnet. Zu sehen ist, wie mehrere Uniformierte das ihnen vom Priester dargebotene Kreuz küssen und den Segen von ihm erhalten. Gib, daß deine gläubigen Soldaten das feindliche Volk bezwingen, sagt der Geistliche in dem Film. Am Wochenende meldeten serbische Medien die Identifizierung des Geistlichen, bei dem es sich um einen Abt aus einem Kloster etwa 90 Kilometer nordwestlich von Belgrad handele. Das Volk, so wurde berichtet, schreibe dem Vater Gavrilo übernatürliche Kräfte zu, weshalb Heilungssuchende aus ganz Serbien ihn aufsuchten.
Kurz nach der Ausstrahlung erste Verhaftungen
Erstaunlich bleibt dennoch, daß der Film eine so große Wirkung entfalten konnte. Daß die staatlich dotierten Freischärler ihr Handwerk oft genug mit dem Segen serbisch-orthodoxer Priester begannen, ist nichts Neues. Sollte die serbische Gesellschaft aus ihrer Vergangenheitsbewußtseinstarre erwachen, nur weil zufällig die Tötung von sechs der mehr als 7000 Opfer von Srebrenica gefilmt wurde, also nicht zu leugnen ist? Viele Beobachter in Belgrad halten Skepsis für angebracht.
Auf dem Band ist ein Fluch zu hören, daß die Batterien der Kamera zur Ende gingen. Hätten sie eine Stunde früher versagt, würde Serbien heute wohl nicht über Srebrenica diskutieren. Die politische Führung Serbiens hat jedenfalls ungewohnt eindeutig auf das Gezeigte reagiert. Serbiens Präsident Tadic erklärte seine Absicht, sich in Srebrenica vor den Opfern des Massakers zu verneigen. Sein wichtigster Gegner, Ministerpräsident Kostunica, sprach von einem brutalen, gnadenlosen und beschämenden Verbrechen an Zivilisten.
Gerade von Kostunica, der sich in der Vergangenheit nicht gewillt zeigte, bei Diskussionen über von Serben begangenen Kriegsverbrechen Roß und Reiter zu nennen, sondern zur Relativierung stets die an Serben begangenen Untaten heranzog, kann eine solche Klarheit überraschen - zumal sie durch Taten seiner Regierung untermauert wurde: Rasch nach der Ausstrahlung des Films meldeten die Behörden erste Verhaftungen von ehemaligen Skorpionen. Die Chefanklägerin des internationalen Kriegsverbrechertribunals in Den Haag, Carla Del Ponte, sah sich dadurch in Belgrad zu seltenem Lob veranlaßt: Sie sprach von einer brillanten Aktion.
Wendepunkt für die Haltung der Serben?
Manche Beobachter in der serbischen Hauptstadt behaupten sogar, die Äußerungen Kostunicas dienten dazu, die Bevölkerung auf eine Verhaftung des bosnischen Serbengenerals Ratko Mladic noch vor dem nahenden zehnten Jahrestag des Massakers am 11. Juli vorzubereiten. Aufhorchen ließ in diesem Zusammenhang der Präsident von Serbien und Montenegro, Svetozar Marovic, der nach einem Treffen mit Frau Del Ponte sagte, er rechne damit, daß der Fall Mladic in einem Monat erfolgreich abgeschlossen sein werde.
Das wäre eine sensationelle Äußerung gewesen, wäre der Montenegriner Marovic nicht ein dekorativer Politiker ohne wirklichen Einfluß in Belgrad. Eine andere Hoffnung äußerte Rasim Ljajic, Muslim und in Belgrad als Minister für Minderheiten zuständig: Der Film wird einen Wendepunkt in der Einstellung unserer Bevölkerung markieren und es der Regierung erleichtern, die Forderungen des Tribunals zu erfüllen.
Text: F.A.Z., 06.06.2005, Nr. 128 / Seite 1 und 2
Bildmaterial: AP