08. August 2008 Der russische Ministerpräsident Wladimir Putin hat Vergeltung für die georgische Offensive in Südossetien angekündigt. Georgien hatte zuvor eine Militäraktion zur Rückeroberung der abtrünnigen Region begonnen. Der georgische Präsident Michail Saakaschwili kündigte am Freitag zudem eine vollständige Mobilmachung seines Landes an. Georgien stehe einer Militärintervention von großem Ausmaß gegenüber, sagte Saakaschwili in einer Fernsehansprache. Sämtliche Streitkräfte sowie Tausende Reservisten würden mobilisiert.
Saakaschwili sprach von einer großangelegten militärischen Aktion gegen Georgien. Drei russische Kampfflugzeuge hatten zuvor nach georgischen Angaben Bomben auf zwei Ziele in der von Georgien abtrünnigen Provinz abgeworfen. Ich fordere Russland auf, mit den Bombardierung friedlicher georgischer Städten aufzuhören, sagte er.
Russische und georgische Kampfflieger im Einsatz
Auch das georgische Militär setzte am Freitagmorgen Kampfflugzeuge ein, um gegen südossetische Kämpfer vorzugehen, wie südossetische Behörden und russische Medien berichteten. Georgien hatte am Donnerstag eine Militäroffensive in Südossetien begonnen, um die Kontrolle über seine abtrünnige Provinz zurückzugewinnen. Die Kämpfe erreichten am Morgen die Provinzhauptstadt Tschinwali, wie die russische Nachrichtenagentur Interfax berichtete. Nach Angaben Südossetiens starben mindestens 15 Zivilisten bei heftigen Kämpfen am Donnerstag und Freitag.
Eine vom georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili angeordnete Waffenruhe in der abtrünnigen Region Südossetien war am Freitagabend nach nur wenigen Stunden gebrochen worden. Die russische Nachrichtenagentur Itar-Tass berichtete in der Nacht zum Freitag von schweren Gefechten zwischen südossetischen Kämpfern und georgischen Sicherheitskräften in der Konfliktzone. Die georgische Regierung beschuldigte die südossetische Seite, die Feuerpause gebrochen zu haben.
Südossetische Separatisten hätten am späten Donnerstagabend wieder damit begonnen, georgische Dörfer zu beschießen, hieß es laut Itar-Tass in einer Erklärung der Regierung in Tiflis. Dabei habe es Tote und Verletzte gegeben. Vor diesem Hintergrund habe sich die Regierung gezwungen gesehen, angemessene Schritte zu unternehmen, um die Sicherheit der Menschen in der Region zu gewährleisten und einen weiteren Beschuss zu verhindern. Zugleich wurde die südossetische Führung aufgefordert, die Kämpfe einzustellen und an den Verhandlungstisch zurückzukehren.
Georgien fordert Gespräche über Waffenruhe
Georgische Einheiten hätten die südossetische Hauptstadt Zchinwali nahezu umstellt, sagte der georgische Minister Temuri Jakobaschwili am Freitagmorgen im Rundfunk in Tiflis. Wir wollen keine Zerstörungen oder Opfer. Deshalb bieten wir den Führern der Separatisten abermals an, direkte Gespräche über eine Waffenruhe und eine Deeskalation der Lage in der Konfliktzone aufzunehmen. Fünf Ortschaften, die sich bislang unter südossetischer Kontrolle befunden hätten, seien von georgischen Verbänden eingenommen worden, sagte Jakobaschwili.
UN-Generalsekretär Ban Ki-moon äußerte sich besorgt über die zunehmende Gewalt in Südossetien. In einer am Donnerstag in New York verbreiteten Erklärung appellierte er an alle Beteiligten, auf Handlungen zu verzichten, die die Lage verschärfen und die Stabilität in der Region gefährden könnten.
UN-Sicherheitsrat uneins
Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hat sich in einer Dringlichkeitssitzung nicht auf eine gemeinsame Linie zum Konflikt zwischen Georgien und Südossetien einigen können. Der russische UN-Botschafter Witali Tschurkin, der die Sitzung beantragt hatte, warf dem höchsten UN-Gremium in der Nacht zum Freitag mangelnden politischen Willen vor. Er und ein Vertreter Georgiens beschuldigten sich gegenseitig, für die Eskalation der Gewalt in der Region verantwortlich zu sein.
Auch der EU-Außenbeauftragte Javier Solana zeigte sich besorgt. Er habe am Donnerstag mit Präsident Saakaschwili über die sich verschlechternde Lage in Südossetien in Georgien gesprochen. Dabei habe er deutlich gemacht, dass alles unternommen werden müsse, um die Gewalt rasch zu beenden und friedliche Gespräche zwischen den Konfliktparteien zu beginnen.
Saakaschwili: Keiner sollte uns als Aggressor hinstellen
Saakaschwili hatte seinen Truppen am Donnerstag nach einer Eskalation der Gewalt den den Waffenstillstand befohlen. Es falle ihm schwer, aber er habe entsprechende Order erlassen, sagte er am Abend in einer Fernsehansprache. Keiner sollte uns als Aggressor hinstellen.
Russland und die prorussische Führung in Südossetien hatten Georgien Provokationen und Kriegstreiberei vorgeworfen. Georgien hingegen hatte Südossetien die Schuld an den schwersten Gefechten seit Jahren gegeben. Saakaschwili erneuerte sein Angebot, Südossetien weitreichende Autonomie einzuräumen.
Das von Georgien abtrünnige Südossetien wird von Russland unterstützt. Georgien wirft Russland vor, das völkerrechtlich Tiflis zugesprochene Südossetien annektieren zu wollen.
Angriffe mit Kampfbombern
Nach dem Bruch der Waffenruhe in der georgisch-südossetischen Konfliktzone haben beide Seiten nach Angaben der Agentur Interfax Ziele mit Kampfflugzeugen bombardiert. Es habe massenhaft Opfer unter Zivilisten gegeben, teilte das Gesundheitsministerium in der von Georgien abtrünnigen Region Südossetien laut Interfax mit. Am Freitag hatte demnach zuerst Südossetien zwei Kampfjets vom Typ Suchoi SU-25 zur Bombardierung georgischer Stellungen eingesetzt. Unmittelbar danach hätten fünf georgische Kampfjets gleichen Typs Angriffe auf Südossetien geflogen.
In der kleinen Bergregion im Südkaukasus sei ein neuer Krieg ausgebrochen, berichtete der russische Staatsfernsehsender Rossija am Morgen. Nach unbestätigten Berichten kamen allein auf südossetischer Seite in der Hauptstadt Zchinwali mindestens 15 Menschen um, die meisten von ihnen Zivilisten. Die ebenfalls von Georgien abtrünnige Region Abchasien sicherte Südossetien Militärhilfe zu. Russland rief Georgien zur Vernunft auf. Fernsehbilder zeigten schwere Raketeneinschläge in der Region.
Laut georgischen Medien wurden in Tiflis Hunderte Reservisten zusammengezogen. Beide Seiten hatten in den vergangenen Tagen tausende Menschen in Sicherheit gebracht, unter ihnen vor allem Kinder. Trotzdem seien viele Einwohner weiter in Gefahr.
Zur Leserdebatte: Krieg im Kaukasus (Diskussion abgeschlossen)
Text: FAZ.NET mit dpa/AP
Bildmaterial: AFP, dpa, F.A.Z., REUTERS