Von Thomas Scheen, Johannesburg
05. Juni 2007 Auf den Rocksänger Bono ist Woyle Soyinka nicht gut zu sprechen. Der hält uns wohl für blöde“, sagt der nigerianische Literaturnobelpreisträger über den Iren und dessen Bemühungen, die Welt auf das Schicksal Afrikas aufmerksam zu machen – beziehungsweise, was er dafür hält.
Diese Bonos, Geldofs, und wie sie alle heißen, sagen, dass man uns helfen muss, und unterstellen damit, dass wir dazu selbst nicht in der Lage sind“, schimpft der Nigerianer: Das ist Rassismus.“ Wie Soyinka denken mittlerweile viele in Afrika, nur will das in den Industrienationen keiner hören. Das beste Beispiel dafür ist Heiligendamm und die neuerliche Diskussion über eine drastische Erhöhung der Entwicklungshilfe. Von bis zu 50 Milliarden Dollar für Afrika bis 2010 ist die Rede.
Lebensniveau unter dem der späten Kolonialzeit
Seit 1960 sind schätzungsweise 500 Milliarden Dollar Entwicklungshilfe in Richtung Schwarzer Kontinent gepumpt worden. Heute ist jedoch vielerorts das Lebensniveau noch unter das der späten Kolonialzeit gefallen. Der kenianische Wirtschaftswissenschaftler James Shikwati plädiert deshalb für ein sofortiges Ende jeder Entwicklungshilfezahlungen. Sie habe Korruption nur gefördert und gleichzeitig zu einer Entmündigung geführt. (Siehe dazu: Interview mit James Shikwati: Wer Afrika helfen will, darf kein Geld geben)
Tatsächlich entbindet der beständige Zufluss von Geld die afrikanischen Regierungen von jeder Verantwortung: Weshalb sollen sie das eigene Steuersystem so gestalten, dass mehr als die üblichen knapp sechs Prozent des Haushalts damit bestritten werden können, wenn es ausländische Budgetbeihilfe gibt? Weshalb sollen sie Getreidespeicher bauen, um Hungersnöte rechtzeitig zu verhindern, wenn internationale Hilfsorganisationen längst im Anflug sind? Warum sollen sie Haushaltsmittel bereitstellen, um die vielen von ausländischen Gebern finanzierten Straßen zu unterhalten, wenn diese das doch selbst tun?
Gebe ich das Geld nicht aus, kriege ich ein Problem
Der unaufhörliche Zufluss von Geldern hat bei fast allen afrikanischen Regierungen zu einer Haltung geführt, die manche als Bettelei auf hohem Niveau bezeichnen. Einen Vorwurf kann man ihnen gleichwohl schlecht machen: Die Afrikaner haben nur die Mechanismen der Entwicklungshilfe durchschaut und machen sie sich zunutze. Entwicklungshilfe ist die einzige Industrie auf der Welt, die keine Rechenschaftsberichte ablegen muss. Das Erfolgskriterium ist oft nur, ob der Mittelabfluss geklappt hat oder nicht. Was dabei wirklich herauskommt, ist unwichtig.
Oder wie will man sonst die denkwürdige Begegnung mit einem EU-Repräsentanten in Nigeria erklären, der zu fortgeschrittener Stunde und leicht angetrunken beklagte, er habe nach wie vor einen Millionenbetrag in Brüssel liegen, der für Nigeria bestimmt sei, und er erwäge deshalb, die Lokalwahlen finanziell zu unterstützen. Auf die Frage, wie Europa eigentlich dazu komme, dem sechstgrößten Erdölproduzenten der Welt, dessen Elite im Laufe der Jahrzehnte die unglaubliche Summe von 600 Milliarden Dollar veruntreut hat, Wahlen zu bezahlen, antwortete der Diplomat: Wenn ich das Geld nicht ausgebe, kriege ich ein Problem.“ Entwicklungshilfe in eigener Karrieresache sozusagen.
Verwüstung durch Entwicklungshilfe
Um die klassische Entwicklungshilfe ist es nicht besser bestellt. Es gibt nur wenige Projekte, die den Abzug der weißen Spezialisten überlebt haben. Beispiel Tschad: Irgendwann waren Entwicklungshelfer auf die Idee gekommen, dem alljährlichen Rindersterben in der Halbwüste durch den Bau von Brunnen ein Ende zu bereiten. Also wurde überall nach Wasser gebohrt. Was aber keiner bedacht hatte war, dass Rinder in Tschad keine Handelsware sind, sondern Statussymbol. Je mehr Tiere, desto angesehener der Besitzer. Und da es dank der Entwicklungshelfer nun auch Wasser im Überfluss gab, wuchs der Bestand unaufhörlich.
Seither haben die riesigen Herden den ohnehin kargen Boden derart abgegrast, dass aus der Sahelzone eine echte Wüste geworden war. Also wurden neue Projekte lanciert, um Steinwälle zu errichten, in deren Schutz Bäume wachsen, die irgendwann den Wind daran hindern sollen, noch mehr Bodenkrumme fortzutragen. Doch die Bewohner hackten die Bäumchen sofort um, sobald sie daraus Brennholz machen konnten. Denn dafür gibt es einen Markt.
Das sind Erlebnisse, von denen Entwicklungshelfer immer wieder selbst mit einem Anflug von Zynismus nach dem dritten oder vierten Bier erzählen – verbunden mit der Aufforderung: Aber bitte nicht zitieren.“ Wer sägt schon gerne an dem Ast, auf dem er sitzt? Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.
Industrie mit Umsätzen in Milliardenhöhe
Ganz oben müsste das Straßenbauprojekt in Kongo stehen, das von der Weltbank finanziert wurde, ohne dass am Ende der Sinn der Sache erfüllt worden wäre. Das chinesische Bauunternehmen hatte schlicht die Brücke über einen Fluss vergessen, was die Weltbank aber nicht daran hinderte, dem Unternehmen gleich noch den nächsten Auftrag zu erteilen. Schließlich war auf dem Papier alles in Ordnung: Die Straße gab es ja. Das musste reichen.
Entwicklungshilfe und die Nothilfe sind längst zu einer Industrie mit Umsätzen in Milliardenhöhe geworden, in der es vor allem um Umsätze geht. Die amerikanische Hilfsorganisation USAID ist dafür ein gutes Beispiel. Amerika zahlt Entwicklungshilfe in Naturalien, USAID ist der Verteiler. Doch die Getreidelieferungen nach Afrika dienen nur dem Zweck, den amerikanischen Bauern ihre Überschüsse abzukaufen und damit die Preise stabil zu halten. In Afrika aber machen diese Lieferungen die lokalen Märkte kaputt, weil das amerikanische Getreide unschlagbar billig ist.
Drama des Kontinents
Entwicklungshilfe hat sich zum eigentlichen Drama des Kontinents entwickelt. Denn dieses Geld kostet den Adressaten nichts und wirkt deshalb kontraproduktiv. In der Elfenbeinküste waren zum Beispiel mit hohem finanziellem und technischem Aufwand Dörfer mit Brunnen ausgerüstet worden, die mit einem manuellen Pumpschwengel bedient werden. War aber der Pumpschwengel kaputt, wartete das Dorf auf die Weißen, damit sie ihn reparierten.
Eigener Einsatz war schon deshalb nicht zu erwarten, weil der Brunnen das Dorf nichts gekostet hatte und mit seinem Versiegen folglich kein wirtschaftlicher Schaden einherging. Ohnehin waren die Brunnen nicht sonderlich beliebt: Das Wasser holten sich die Menschen lieber aus dem Fluss. Zum einen, weil sie das seit Generationen so machten, zum andern, weil das Flusswasser angeblich besser schmeckte.
Kafkaesker Verwaltungsaufwand
Richtig ist, dass die Geberländer seit geraumer Zeit genauer hinschauen, was mit ihrem Geld geschieht. Doch die Folge ist ein schier kafkaesker Verwaltungsaufwand, dem man nur mit noch mehr Spezialisten und dem unüberschaubaren Heer der Consultants“ beizukommen scheint. Beispiel Mali: Dort tummeln sich 33 nationale und 22 multilaterale Hilfsorganisationen. Hinzu kommen knapp 100 Nichtregierungsorganisationen. Die wollen alle überprüft werden.
Nach einer Erhebung der OECD laufen in jedem Sahelland (Mali, Senegal, Burkina Faso, Niger, Tschad) 600 Entwicklungsprojekte gleichzeitig. Das erfordert je einen Zwischenstandsbericht pro Trimester, macht 2400 Berichte jährlich, die den zuständigen Ministerien vorgelegt werden. Hinzu kommen im Durchschnitt 1000 Beobachter- und Evaluierungsmissionen, die allesamt den zuständigen Minister sprechen wollen und eine Stellungnahme zum letzten Bericht einfordern: Verwaltung, die sich in erster Linie selbst verwaltet.
Stattliche Gehälter
Weil aber beispielsweise die malischen Behörden mit den unterschiedlichen Standards der Geber-Bedingungen überfordert sind, entwickelt sich Entwicklungshilfe mehr und mehr in Richtung technische Zusammenarbeit“ in Form von entsandten Fachleuten. Auf malischer Seite werden diese Expats“ mit gemischten Gefühlen betrachtet. Wenn ich eine Zusage über zwölf Millionen Euro bekomme, davon aber drei Millionen für die europäischen Fachleute ausgegeben werden müssen, schmilzt die Hilfe ziemlich schnell zusammen“, sagt der ehemalige malische Minister Ag Erlaf.
Deutschland etwa gewährt Mali diese technische Zusammenarbeit zwar als nicht rückzahlbare Zuwendung, was aber nichts an der Tatsache ändert, dass ein nicht unerheblicher Teil der Entwicklungshilfe für die Bezahlung der eigenen Experten aufgewendet wird. Bei den vielen kreditfinanzierten Projekten in Mali geht das so weit, dass Fachleute angeheuert werden, auf deren Rekrutierung die malische Seite keinen Einfluss hat, denen sie auf dem Umweg über die Schuldentilgung aber dennoch stattliche Gehälter zahlt. Denn sie brauchen fern der Heimat eine Menge: ein repräsentatives Haus, Personal, einen großen Geländewagen mit Chauffeur und regelmäßige Flüge in die Heimat. Dazu kommt die Steuerbefreiung für die Gehälter, die für Landesbüroleiter nur selten unter 10.000 Euro liegen.
Kein Interesse am Ende der Füllhornpolitik
Kritiker wie der Nigerianer Soyinka und der Kenianer James Shikwati stehen mit ihren Forderungen nach einem Ende dieses Patronagesystems auf verlorenem Posten. Zu viele verdienen zu gut daran. Die Entwicklungshilfeministerien haben kein Interesse an einem Ende der Füllhornpolitik. Welcher Minister oder welche Ministerin macht sich schon selbst überflüssig?
Die afrikanischen Regierungen haben kein Interesse daran, entbindet die Entwicklungshilfe sie doch davon, sich endlich Gedanken über eine wirtschaftliche Genesung aus eigener Kraft zu machen. Und die Entwicklungshelfer erst recht nicht: Die leben schließlich von der Mutmaßung, dass sie dringend gebraucht werden.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: F.A.Z., Marcus Kaufhold