04. Mai 2007 Einen eher drolligen Moment hatte die Fernsehdebatte der beiden Bewerber für das Präsidentenamt in Frankreich, als ausgerechnet die linke Kandidatin Bundeskanzlerin Merkel als Beispiel dafür anführte, dass eine Frau in der politischen Führung effizient und kompetent sein kann. Aber was haben die mehr als 20 Millionen Franzosen, die das zweieinhalbstündige Duell vor den Bildschirmen verfolgten, erfahren, das ihnen die Wahl am Sonntag leichter machen könnte?
Die sozialistische Kandidatin Ségolène Royal wirkte statuarisch und dennoch angriffslustig; der bürgerliche Favorit Sarkozy vibrierte geradezu vor Energie, vermutlich verstärkt durch Nervosität. Die Wähler, das wurde sichtbar, entscheiden sich bei dieser Wahl zwischen zwei sehr verschiedenen Charakteren. Sarkozy eröffnete die Debatte mit einer Sturzflut von vergleichsweise konkreten Vorschlägen zum Arbeitsmarkt und zur Wirtschaftspolitik, Frau Royal hob als Einstimmung ihr Engagement für alles Soziale hervor.
Beinahe kam es zu einem Eklat
Versöhnen statt spalten, so könnte man mit einem früheren deutschen Wahlkampfmotto die Linie der Sozialistin charakterisieren; der Wille zur Aktion sprach aus jedem Wort und jeder Geste Sarkozys. Immer wieder versuchte der ehemalige Finanz- und dann Innenminister seine Erfahrung auszuspielen und Frau Royal mit einer gewissen Aggressivität auf das Glatteis der Fakten zu locken. Seine Gegnerin ließ sich darauf nur selten ein; sie fühlte sich auf den Abstraktionshöhen ihrer wohlmeinenden Programmatik mehr zu Hause.
Zu einem Eklat kam es beinahe, als Sarkozy ein Plädoyer für die Integration behinderter Kinder in normale Schulklassen hielt und daraufhin von Frau Royal der Lüge bezichtigt und als unmoralisch hingestellt wurde - da schlugen die Emotionen hoch, und Sarkozy stellte das präsidiale Nervenkostüm seiner Gegnerin in Frage.
Schwerpunkte der Debatte waren die innere Sicherheit, die Rolle des Staates, Fragen der Wirtschafts-, Steuer- und Sozialpolitik sowie Verwandtes. Über das Feld der Außenpolitik galoppierten die beiden Duellanten in einem finalen Presto. Die meisten Franzosen werden ihre Meinung über die Kandidaten bestätigt gefunden haben: Frau Royal schwebt etwas über den Wassern, Sarkozy stellt den großen Macher dar. Jetzt haben sie die Wahl.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: AFP