Fall Litwinenko

Zweideutige Poloniumspuren

Von Christopher Stolzenberg, Frankfurt

Verdächtiger oder auch Opfer? Mario Scaramella

Verdächtiger oder auch Opfer? Mario Scaramella

07. Dezember 2006 Das Gift Polonium-210, mit dem der ehemalige russische Agent Alexander Litwinenko getötet worden ist, hat Spuren hinterlassen - auch an den Menschen, denen er am Tag seiner mutmaßlichen Vergiftung am 1. November oder an den Tagen danach begegnet ist. Doch was diese Spuren bedeuten, ist unklar: Führen sie zu dem oder den Tätern oder zu weiteren Opfern?

Mario Scaramella

Am 1. November traf sich Litwinenko mit dem Italiener Mario Scaramella im Sushi-Restaurant „Itsu“, das aufgrund der dort gefundenen hohen Poloniumkonzentration als möglicher Tatort gilt. Litwinenko selbst hatte Scaramella im Verdacht, dieser könne ihn vergiftet haben. Allerdings sieht sich Scaramella selbst als Opfer. Er gibt an, er habe Litwinenko bei der Begegnung vor seinem Mörder warnen wollen und ihm ein vierseitiges Dokument gegeben, das unter anderem eine Todesliste enthielt, auf der neben Litwinenko und der am 7. Oktober in Moskau erschossenen kremlkritischen Journalistin Anna Politkowskaja auch Scaramella selbst genannt wird. Scaramella war bis Mittwoch zur Beobachtung in derselben Londoner Klinik, in der auch Litwinenko behandelt worden war, nachdem in seinem Urin eine geringe Dosis Polonium nachgewiesen worden war. Er fühlt sich aber nach eigenen Angaben nicht krank.

Scaramella und Litwinenko kannten sich, weil beide über Aktivitäten des russischen Geheimdienstes recherchierten. Scaramella trat in Italien als Berater in einer parlamentarischen Untersuchungskommission zu Aktivitäten des KGB im Ost-West-Konflikt auf italienischem Boden auf. Allerdings ist Scamarallas Kompetenz umstritten. Nur er selbst bezeichnet sich als Wissenschaftler und Fachmann für nukleare Umweltverschmutzung, Spionage und Atomwaffen. Vorgeblich hat er einen Posten an der Universität von Neapel, was deren Verwaltung jedoch laut einem Bericht der britischen Zeitung „Guardian“ bestreitet. Weil sich Scaramella für einen Neapolitaner „untypisch“ verhalte, zweifeln italienische Journalisten sogar an seiner neapolitanischen Herkunft.

Der Untersuchungsausschuß, den Scaramella beraten hat, war von der Regierung Berlusconi vor der Parlamentswahl im April ohne Beteiligung linker Parteien eingesetzt worden. Scaramella fiel durch die nicht bewiesene Behauptung auf, der derzeitige Ministerpräsident Romano Prodi sei mit dem KGB in Verbindung gestanden. Italienische Zeitung berichten, Scaramella habe den FSB in Moskau regelmäßig aufgesucht und gelte als Vertrauensmann von Viktor Kolmogorow, dem stellvertretenden Direktors des Geheimdienstes. In Italien wird derzeit gegen Scaramella wegen Geheimnisverrats und Waffenhandels ermittelt. Im Fall eines illegalen Uranhandels hatte sich Scaramella zuvor selbst gestellt.

Andrej Lugowoj

Im Zentrum der Aufmerksamkeit der britischen Ermittler steht mittlerweile Andrej Lugowoj, der Litwinenko am mutmaßlichen Tag der Vergiftung im Londoner Millennium-Hotel getroffen hat - vor dem Gespräch mit Scaramella. Lugowoj ist ein ehemaliger Offizier des KGB und des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB und heute als Unternehmer im Sicherheitsgeschäft tätig. Offiziell ist Lugowoj nur Zeuge, doch der amerikanische Fernsehsender ABC berichtete unter Berufung auf Quellen in der britischen Polizei, er gelte als Hauptverdächtiger. Nachdem es am Dienstag so ausgesehen hatte, als werde das Treffen der Briten mit Lugowoj ausfallen, weil er auf Poloniumspuren untersucht werden sollte, wollte er am Mittwoch doch aussagen. Lugowoj selbst deutete am Dienstag in einem Gespräch mit der Boulevardzeitung „Moskowskij Komsomolez“ an, er sei möglicherweise ebenfalls mit Polonium-210 vergiftet worden.

Jedenfalls wird Lugowoj mit Poloniumspuren in Verbindung gebracht. Lugowoj saß in einem der Flugzeuge von Moskau nach London, in dem nach Vermutung der Polizei sechs Tage vor der Tat Polonium transportiert wurde. Auffällig ist auch die hohe Konzentration des Giftes in einem Zimmer des Hotels, in dem Lugowoj in London übernachtet hat. Sie sei so hoch, sagte ein Mitarbeiter von Scotland Yard dem „Daily Telegraph“, daß sich das Gift in dem Zimmer befunden haben müsse. Schließlich hat die britische Polizei am Dienstag im Fußballstadion von Arsenal London eine leicht erhöhte Strahlung festgestellt. In ebendiesem Stadion hatte Lugowoj am 1. November das Champions-League-Spiel des Vereins gegen ZSKA Moskau angesehen - was nach seinen Angaben der Grund für seine Reise nach London war.

Lugowoj und seine beiden vorgeblichen Geschäftspartner, die an dessen Treffen mit Litwinenko beteiligt waren, bestreiten, etwas mit dessen Tod zu tun zu haben. Gegenüber der Zeitung „Kommersant“ gab Lugowoj an, er und seine Kollegen hätten sich mit Litwinenko auf dessen Initiative getroffen, um über den möglichen Markteintritt englischer Sicherheitsunternehmen in Rußland zu sprechen. Er selbst habe Litwinenko aus demselben Grund mehr als zwölfmal in den vergangenen Monaten getroffen, unter anderem viermal im Oktober im Sushi-Restaurant „Itsu“. Zu viert hätten sie am 1. November in der Lobby des Millenium-Hotels etwa zwanzig Minuten zusammengesessen und Litwinenko ein Getränk angeboten, was dieser aber abgelehnt habe.

In den neunziger Jahren war Lugowoj Leibwächter verschiedener hochrangiger russischer Politiker. Er schützte unter anderem den russischen Ministerpräsidenten Jegor Gaidar, der vor knapp zwei Wochen in Irland mit Vergiftungserscheinungen schwer erkrankt ist, und den Oligarchen Boris Beresowskij, als dieser in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre stellvertretender Sekretär des russischen Sicherheitsrates war. Nach seinem Austritt aus dem FSB leitete Lugowoj Ende der neunziger Jahre den Sicherheitsdienst des Beresowskij gehörenden Fernsehsenders FSB. Wegen der Beteiligung an der versuchten Befreiung eines Wirtschaftskriminellen aus einem Moskauer Gefängniskrankenhaus 2001 war Lugowoj zeitweilig in Haft.

Boris Beresowskij

Zwar traf der in London im Exil lebende russische Milliardär Boris Beresowskij den vergifteten Geheimagenten nicht am 1. November. Doch in seinen Büros, die von Litwinenko immer wieder aufgesucht worden sind, wurden Poloniumspuren gefunden. In russischen Medien wurde dies als Verdachtsmoment gegen den Putin-Gegner Beresowskij dargestellt, der - so die Verschwörungstheorie - Litwinenko geopfert haben könnte, um dem russischen Präsidenten zu schaden. Die meisten Beobachter halten das jedoch für unwahrscheinlich. Litwinenko und Beresowskij waren seit den neunziger Jahren verbunden.

1998 hatte Litwinenko, noch als FSB-Offizier, öffentlich behauptet, der Geheimdienst wolle Beresowskij ermorden. Auch in London gehörte der Ermordete zum Umfeld Beresowskijs. Die russische Staatsanwaltschaft ermittelt seit Jahren wegen Bestechung, Betrug und Geldwäsche gegen Beresowskij. Generalstaatsanwalt Tschajka hat am Dienstag bekräftigt, daß Rußland von Grobritannien die Auslieferung Beresowskijs fordere, der dort 2003 politisches Asyl erhalten hat.

Text: F.A.Z., 07.12.2006, Nr. 285 / Seite 6
Bildmaterial: AFP, dpa

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