23. Juli 2003 Richter sind Realisten, aber einer, der mit siebzig Jahren zum zweitenmal heiratet, muß auch Optimist sein. Lordrichter Brian Edward Hutton, Jahrgang 1931, wird bei der Untersuchung der Affäre Kelly beides brauchen. Der Realist muß die täuschend schlichte Formel des Auftrags wägen, die Premierminister Blair ihm gestellt hat: eine "dringende Untersuchung der Umstände, die den Tod von Dr. Kelly umgeben". Der Gegenstand sei also der Selbstmord des Mikrobiologen am vorigen Wochenende, nicht die irakischen Massenvernichtungswaffen und die britische Politik in den Monaten vor dem Krieg. Doch der Optimist könnte sehen, daß die "Umgebung" jenes Todes sich so genau auch wieder nicht eingrenzen lasse. Das hatte Hutton gemeint, als er sagte, an ihm selbst liege es, wie er "im Rahmen der Vorgabe" die Untersuchung gestalte; er denke etwa darüber nach, ob den Vorgeladenen ein Anwalt zur Seite stehen dürfe. Damit wäre der Rahmen eingehalten, doch die Untersuchung bekäme das größere Format einer Gerichtsverhandlung, bei der ein Vorsitzender über den Vorgang wacht und die zwei streitenden Parteien einander ausforschen und gegeneinander argumentieren. Man stelle sich nur vor, ein Anwalt der BBC dürfte Blairs Kommunikationsdirektor Campbell über "die Umstände" ins Kreuzverhör nehmen oder gar den Premierminister selbst, und das womöglich in öffentlicher Sitzung. Aus einer simplen Untersuchung würde ein politischer Prozeß, wie ihn dieses Land seit Menschengedenken nicht erlebt hat.
Deshalb müssen Huttons politische Integrität und fachliche Kompetenz über jeden Zweifel erhaben sein. Die Kompetenz ist lange genug erwiesen, denn nur Juristen erster Klasse werden Lordrichter. Zur Frage der politischen Integrität jedoch könnten Mäkler vorbringen, daß Hutton in der Zwölferrunde der Lordrichter nicht etwa nach Arbeitsteilung oder Geschäftsordnung für die Untersuchung zuständig war, sondern daß der Minister für Verfassungsfragen, Falconer, ihn ausgesucht und eingesetzt hat. Lord Falconer ist natürlich dafür zuständig; doch er ist auch einer der letzten alten Kumpane Tony Blairs in der Regierung. Die jungen Anwälte Falconer und Blair hatten einmal ihre erste Wohnung geteilt.
Auch Hutton hatte übrigens einmal in Oxford studiert, aber das war eine Generation früher. Heute hat er 24 Jahre Erfahrung als Richter hinter sich. Von 1988 bis 1997 war er Lord Chief Justice in Nordirland gewesen, der oberste Richter der Provinz. Seither gehört er zu den obersten Richtern des ganzen Königreichs. Über seine eigenen "Umstände", eine Familie in zweiter Ehe mit zwei Töchtern, weiß die Öffentlichkeit nicht viel, dazu ist Hutton zu reserviert. Er stammt aus Belfast und hat dort nach dem Studium in Oxford und Belfast 1954 auch als Rechtsanwalt begonnen. Als er 1969 in das Büro des nordirischen Generalstaatsanwalts übertrat, wurde er eine Zeitlang ein Ziel der IRA-Terroristen. Die nordirischen Unruhen sollten Hutton sogar auf europäischer Ebene beschäftigen. 1978 gehörte er zu den Kronjuristen, die Großbritannien vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gegen die Anschuldigung verteidigten, nordirische Internierte seien schlecht behandelt worden. Diesen Prozeß hatte die britische Regierung verloren. Demnächst geht es wieder um das Schicksal eines Opfers, das "schlecht behandelt" worden war. Von wem und weshalb, soll Hutton herausfinden.
BERNHARD HEIMRICH
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.07.2003, Nr. 169 / Seite 10