Irak

Kollektive Demütigung

Von Matthias Rüb

Schockierende Presseberichte

Schockierende Presseberichte

02. Mai 2004 Diese Bilder haben gerade noch gefehlt. Sie kamen zum Ende eines ohnedies für die Amerikaner katastrophalen Monats im Irak ans Licht der internationalen Öffentlichkeit. Sie beschädigten zusätzlich die Glaubwürdigkeit eines Präsidenten, der an seinen Auftritt vor Jahresfrist, als er unter einem Transparent mit der Aufschrift "Mission Accomplished" (Auftrag erledigt) das "Ende der wesentlichen Kampfhandlungen" verkündete, lieber nicht erinnert werden will.

Sie bilden den Hintergrund für die Nachricht vom Abzug der amerikanischen Belagerungstruppen um die Rebellenhochburg Falludscha, wo jetzt ein ehemaliger General von Saddam Husseins Republikanischen Garden mit irakischen Soldaten für die Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung sorgen soll.

Blutiger Frühlingsmonat

Wie durch ein Brennglas hat der Monat April die Schwierigkeiten der amerikanischen Besatzungstruppen bei der Befriedung des Iraks beleuchtet. 136 Soldaten wurden getötet - mehr als in irgendeinem anderen Monat seit Beginn des Krieges, mehr sogar als während des Sturms auf Bagdad vom 20.März bis zum 9.April. Viele starben bei den heftigen Kämpfen mit radikalen Sunniten und Schiiten nahe Falludscha und Nadschaf, viele wurden bei den "üblichen" Bombenanschlägen und Feuerüberfällen aus dem Hinterhalt getötet. Die Zahl der getöteten Iraker in diesem blutigen Frühlingsmonat wird von örtlichen Medien übrigens auf 1361 beziffert - womit der Blutzoll der Iraker ziemlich genau zehnmal so hoch war wie jener der Amerikaner.

Auch am ersten Maiwochenende erlitten die Amerikaner hohe Verluste. Zwischen Freitag und Sonntag kamen insgesamt 16 amerikanische Soldaten bei Anschlägen und Angriffen ums Leben. Allein sechs Soldaten starben am Sonntag bei einem Mörserangriff auf einen Stützpunkt nahe der westirakischen Stadt Ramadi, wie am Abend eine Sprecherin des Militärkommandos in Bagdad bestätigte.

Und dann also noch die Fotografien von gedemütigten, mißhandelten irakischen Gefangenen, die in der Nacht zum Donnerstag zum ersten Mal von dem amerikanischen Fernsehsender CBS ausgestrahlt wurden und seither in aller Welt - zumal der arabisch-muslimischen - immer wieder gezeigt werden. Die Aufnahmen entstanden im Gefängnis Abu Ghraib westlich von Bagdad im vergangenen November und Dezember - offenbar als "Erinnerungsfotos" von einigen Wachsoldaten

„Ich habe tiefe Abscheu empfunden“

Sie zeigen nackte irakische Gefangene mit Kapuzen über dem Kopf, zu menschlichen Pyramiden aufgehäuft, in Reih und Glied an die Wand gestellt, während sich ihre Bewacherinnen und Bewacher in amerikanischer Militäruniform in martialischen Siegerposen ablichten lassen. Ein Foto zeigt einen auf einer Kiste stehenden Gefangen, auch er mit Kapuze und einer Art zerfetztem Umhang, an dessen Hände Drähte angebracht sind: Er werde einen tödlichen Stromschlag erleiden, wenn er von seinem Podest heruntersteige, sollen ihm seine Peiniger gesagt haben.

Präsident George W. Bush zeigte sich im Rosengarten des Weißen Hauses entsetzt über die Aufnahmen. Die Vorgänge würden untersucht, die Schuldigen bestraft, beteuerte Bush. "Ich habe tiefe Abscheu über die Behandlung dieser Gefangenen empfunden", sagte der Präsident. Auch der demokratische Präsidentschaftskandidat John Kerry äußerte sich "bestürzt und erschüttert über die schändliche Mißhandlung der irakischen Gefangenen"; die Taten einiger weniger dürften aber "nicht das enorm gute Werk Tausender Soldaten im Irak und in aller Welt überschatten". Brigadegeneral Mark Kimmitt, Militärsprecher der Besatzungstruppen, bemühte sich derweil in Bagdad um vorbeugende Schadensbegrenzung. Das Militär sei "absolut entsetzt", sagte er: "Doch glauben Sie bitte keinen Augenblick, daß dies das ganze amerikanische Heer oder Militär ist, denn so ist es nicht." Die 150000 amerikanischen Soldaten im Irak und in den Nachbarländern seien "ebenso enttäuscht wie ich über die Taten einiger weniger".

Ehre der Armee beschmutzt

Tatsächlich hat das Pentagon schon Ende März, gut einen Monat bevor die Fotos jetzt an die Öffentlichkeit gelangten, in der Sache Anklage gegen sechs Soldatinnen und Soldaten erhoben, die auf den Fotografien zu sehen sein sollen. Außerdem wurden gegen sieben Offiziere wegen Vernachlässigung ihrer Aufsichtspflicht Untersuchungen eingeleitet. Auch gegen die damals für das Gefängnis verantwortliche Brigadegeneralin Janice Karpinski, die inzwischen im Rahmen einer routinemäßigen Rotation den Irak verlassen hat, erwägt das Verteidigungsministerium Disziplinarmaßnahmen.

Schließlich hat auch das britische Militär Untersuchungen über mögliche Mißhandlungen eingeleitet: Es gibt Berichte über Fotografien, auf welchen ein britischer Soldat beim Urinieren auf einen irakischen Gefangenen zu sehen sein soll. Bei dem Vorfall sollen dem unbewaffneten Iraker die Zähne ausgeschlagen worden sein, zudem sei ihm während eines achtstündigen "Verhörs" immer wieder seine Hinrichtung angedroht worden. "Falls die Vorwürfe zutreffen, sind die Täter nicht würdig, die königliche Uniform zu tragen", sagte General Mike Jackson, Chef der Armee. "Sie haben den guten Namen der Armee und deren Ehre beschmutzt."

Kollektive Demütigung

Ob die Versicherungen des Entsetzens und die zu erwartende Bestrafung der Verantwortlichen den angerichteten Schaden reparieren können, steht dahin. Denn es ist, als habe jemand willentlich alle Zutaten zusammengerührt, um dem Ansehen Amerikas in der arabisch-muslimischen Welt und auch anderswo maximalen Schaden zuzufügen. Die Mißhandlungen fanden im berüchtigten Gefängnis Abu Ghraib statt, in dem schon Saddam Hussein hatte foltern und morden lassen.

Die Gefangenen wurden nackt fotografiert, und auf manchen Bildern scheint es, als hätten ihre Peiniger - zu denen offenbar auch Soldatinnen gehörten - sie zur Simulation von Kopulationsszenen gezwungen: Eine tiefere Verletzung des Ehr- und Schamgefühls von Muslimen ist kaum vorstellbar. Daß die Wachmannschaften des Gefängnisses, in dem bis heute gut 8000 Gefangene festgehalten werden, zum Zeitpunkt der Mißhandlungen der etwa 20 malträtierten Inhaftierten von einer Brigadegeneralin kommandiert wurde, dürfte das Gefühl der kollektiven Demütigung in der patriarchalisch organisierten arabischen "Männerwelt" noch verstärken.

Die einflußreichen arabischsprachigen Nachrichtensender "Al Dschazira" aus Qatar und "Al Arabija" aus Dubai strahlen die Bilder von den mißhandelten irakischen Gefangenen seit Tagen an prominenter Stelle in ihren Hauptnachrichten aus. In den arabischsprachigen Zeitungen, im Irak wie in der ganzen Region, füllen die Fotografien die Frontseiten. Vom "Ende der wesentlichen Kampfhandlungen" im Irak ist dort sowenig wie in den amerikanischen Medien die Rede.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 02.05.2004, Nr. 18 / Seite 11
Bildmaterial: PA

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