05. Juli 2009 Für Überraschungen ist Sarah Palin immer gut. Mit einer dicken Überraschung begann nicht nur ihre nationale Karriere, als sie vom republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain Ende August 2008 zur running mate“ als Anwärterin auf das Amt des Vizepräsidenten vorgestellt wurde. Eine faustdicke Überraschung war schon im November 2006 ihre Wahl zur Gouverneurin des Bundesstaats Alaska gewesen – als erste Frau und zudem mit damals 42 Jahren in so jungem Alter wie keiner ihrer Amtsvorgänger.
Die nächste Überraschung nach ihrer Nominierung war ihr Auftritt beim Krönungsparteitag“ John McCains in St. Paul am 3. September. Es war eine fulminante Rede, verfolgt von begeisterten Parteitagsdelegierten und gut 40 Millionen Fernsehzuschauern. Was dann kam, bis zur Wahlnacht am 4. November, war weniger überraschend, sondern hatte sich schon während des Sommers angedeutet.
Hat sie einen besseren Job in Aussicht?
Die Blase“ auf dem Immobilienmarkt platzte. Der Finanzmarkt brach zusammen, an der Wall Street in New York gingen Großbanken und Versicherungsriesen in die Knie. Dann erwischte es die Automobilindustrie. Und schließlich begannen Amerika und dann die Welt in die tiefste Rezession seit der Großen Depression zu rutschen. Dass in einem Rezessionsjahr ein Kandidat der Oppositionspartei die Präsidentenwahl gewinnt, ist nicht überraschend – zumal dann nicht, wenn er ein Ausnahmetalent wie Barack Obama ist.
Sarah Palin aber ging nach der Wahlniederlage neben John McCain vom 4. November nach Alaska zurück und wurde wieder Gouverneurin. Bis sie am Vorabend des Nationalfeiertages überraschend ihren Rücktritt zum 26. Juli ankündigte. Die restlichen 16 Monate ihrer Amtszeit soll nun ihr Stellvertreter Sean Parnell in der Hauptstadt Juneau regieren.
Was der Rücktritt von Sarah Palin zu bedeuten hat, war am Samstag das politische Thema. Will sich die fünffache Mutter, wie bei ihrer improvisiert wirkenden Pressekonferenz in ihrem Heimatstädtchen Wassila verkündet, mehr ihrer Familie widmen, zumal ihrem jüngsten Sohn Trig, der am Down-Syndrom leidet? Oder hat sie einen besser dotierten Job in Aussicht als den mit einem Salär von gerade einmal rund 125.000 Dollar entlohnten des Gouverneurs? Muss sie einfach mehr Geld verdienen, um die zur Abwehr von Betrugsvorwürfen aufgelaufenen Anwaltskosten in Höhe von einer halben Million Dollar zu begleichen? Oder will sie in Ruhe jenes autobiographisch geprägte Buch schreiben, das im Frühjahr erscheinen soll und das der Verlag Harper Collins“ gewiss mit einem stattlichen Voraushonorar versüßt hat?
Hat Sarah Palin womöglich dem Druck der persönlichen Anfeindungen gegen sie – und jüngst von David Letterman gegen ihre Töchter – nicht mehr standgehalten? Ist sie gar vor der schwierigen Aufgabe des Regierens in Zeiten der Wirtschaftskrise davongelaufen? Oder ist alles nur eine Vorbereitung auf eine Präsidentschaftskandidatur 2012 oder wenigstens die Bewerbung um einen Sitz im Senat 2010?
Die Einschätzungen über die Politikerin Sarah Palin liegen weit auseinander. Den einen ist sie ein Naturtalent, eine Fackelträgerin konservativer Werte und eine attraktive künftige Führungsgestalt der Republikaner. Andere halten sie für unqualifiziert, hysterisch und unfähig. Von Sarah Palin nichts mehr zu hören wäre eine echte Überraschung. Vielleicht ist sie sogar zu dieser Überraschung fähig.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS