Von Leo Wieland, Madrid
16. März 2004 Jamal Zougam, ein Marokkaner aus Tanger, wohnhaft in Spanien, gilt den Ermittlungsbehörden als Schlüsselfigur zur Aufklärung der Madrider Terroranschläge. Der dreißig Jahre alte Mann, der am vorigen Samstag im Zusammenhang mit "dem Verkauf und der Fälschung" eines Mobiltelefons und einer Telefonkarte aus einem nicht explodierten Bombenrucksack in Madrid festgenommen wurde, ist ein sogenannter "afghanischer" Marokkaner.
Er soll einst in den Lagern von Al Qaida als "islamischer Kämpfer" ausgebildet worden sein. Nach spanischen Medienberichten vom Dienstag hat die Polizei nun erste Zeugen, die ihn am 11. März in einem der Züge gesehen haben wollen.
Ein zitiertes Indiz
Insgesamt sollen Zeugen sogar auf ein halbes Dutzend mutmaßlicher marokkanischer Terrorverdächtiger hingewiesen und Gesichter identifiziert haben. Drei Marokkaner - neben Zougam Mohamed Bekkali und Mohamed Cahoui sowie zwei Inder - sind in Haft und werden verhört. Andere wurden in ihren Madrider Wohnungen gesucht, aber noch nicht gefunden. So konzentrieren die Fahnder ihre Arbeit neben der Frage, woher der benutzte Sprengstoff kam, auf die Biographie und die verzweigten Kontakte Zougams in dem weitläufigen Al-Qaida-Netz mit Spuren von Casablanca bis nach Paris und Hamburg.
Eine Hypothese ist, daß die Selbstmordattentate im vergangenen Jahr in der marokkanischen Wirtschaftsmetropole (45 Tote) und die Anschläge jetzt in Madrid (201 Tote) von den gleichen radikalen Islamistengruppen geplant und ausgeführt worden sein könnten. Ein zitiertes Indiz ist die angebliche Freundschaft Zougams mit dem ebenfalls aus Tanger stammenden Salah Eddin Benyaich alias Abu Mughen, der nach Casablanca festgenommen wurde und dort noch in Haft ist. Auch dessen Bruder Abdelaziz Benyaich soll Zougam wiederholt in Spanien besucht haben und von ihm in Marokko noch kurz vor dem Mai-Verbrechen vorigen Jahres in Casablanca besucht worden sein.
Ohne feste Beweise und Folgen
Zougams Name fiel früher schon der französischen Polizei bei Al-Qaida-Ermittlungen auf. Sie unterrichtete davon auch die spanischen Behörden. In den Akten des spanischen Ermittlungsrichters Garzón stand er mehrere Male, allerdings ohne feste Beweise und Folgen. Zougams Verbindungen zu Al-Qaida-Verdächtigen in Spanien reichen in die Zeit vor dem amerikanischen 11. September 2001 zurück. Hier war die Schlüsselfigur Imad Eddin Barakat Yarkas alias Abu Dahdah.
Der Spanier syrischer Herkunft soll der Anführer einer wichtigen, inzwischen zerschlagenen Al-Qaida-Zelle in Spanien gewesen sein und sitzt hier in Haft. Er wird sowohl als möglicher Helfer bei dem letzten "Gipfel" des Selbstmordpiloten Mohamed Atta und dem "Koordinator" Ramzi Binalshibh im spanischen Tarragona im Spätsommer 2001 verdächtigt. Seine Telefonnummer fand sich offenbar auch in der Hamburger Wohnung der dortigen Al-Qaida-Zelle. Aus dem Gefängnis heraus hat Abu Dahdah inzwischen das "grausame Verbrechen" in Madrid verurteilt.
Terrorabwehrfachleute in Spanien
Zu Zougams Bekanntschaften und Telefonkontakten wird auch Amer Azizi gezählt, ein auf Weisung von Richter Garzón festgenommenes mutmaßliches Al-Qaida-Mitglied in Spanien, das ebenfalls mit der Begegnung von Atta und Binalshibh zu tun gehabt haben könnte. Azizi kannte wiederum den algerischen Extremisten Mohamed Belfatami, der in Tarragona angeblich dabei war und wenige Tage vor dem 11. September sich aus Madrid mit einem pakistanischen Visum nach Karachi absetzte.
Marokkanische Terrorabwehrfachleute sind zur Zeit in Spanien, um bei der Aufklärung zu helfen. Nach ihren Informationen soll es in Marokko etwa dreißig kleine, lose mit Al Qaida verbundene und autonom agierende Islamistengruppen geben, deren Mitglieder Namen und Zugehörigkeit öfters wechseln. Die marokkanischen Dienste schätzen die Zahl der "Afghanen" in diesen Kreisen auf mindestens dreihundert.
Von anderen Häftlingen
Spanische Ermittler sind derweil nach Rabat gereist, wohin auch die spanische Außenministerin Ana Palacio noch am Dienstag zu Konsultationen aufbrechen wollte. Innenminister Acebes kündigte für die zweite Wochenhälfte eine Zusammenkunft europäischer Terrorismusspezialisten in Madrid an. Er sagte ferner, daß es entgegen früheren Berichten bislang keine Anzeichen dafür gebe, daß einer der noch nicht identifizierten Toten ein Terrorist sei.
Die etwa drei Dutzend in Spanien entweder in Untersuchungshaft sitzenden oder schon verurteilten Islamisten - sie werden vorwiegend zu marokkanischen und algerischen Salafistengruppen gezählt - wurden zu ihrem eigenen Schutz inzwischen in ihren Gefängnissen von anderen Häftlingen isoliert. Dazu gehört auch der unlängst aus Guantánamo nach Madrid transferierte "spanische Talib" Ahmed Abderraman.
Terroristen-Reimport von Sprengstoff
Neben den Zougam-Ermittlungen versuchen die spanischen Behörden vor allem zu klären, woher der Sprengstoff für die Madrider Anschläge kam. Hergestellt wurde das Dynamit vom Typ Goma 2 Eco ebenso wie die verwendeten Zünder in Spanien. Hier seien die Kontrollen für den im Straßen- und Tunnelbau sowie Steinbrüchen eingesetzten Sprengstoff strikt. Das gelte auch für Exporte in andere europäische Länder. Weder seien in Spanien Diebstähle gemeldet worden, noch überstiegen in aller Regel die Mengen in den einzelnen Depots mehr als jeweils Kilogramm. In Madrid wurde für die Attentate in vier Zügen indes mehr als als Doppelte verwendet.
Weil ein großer Teil des Dynamits aus Spanien ins Ausland, zur Hälfte angeblich nach Afrika und in arabische Länder, exportiert werde, wird nun insbesondere der Verbleib von Ausfuhren nach Mauretanien, Syrien und Saudi-Arabien geprüft. In diesem Zusammenhang will die Zeitung "El Mundo" erfahren haben, daß der spanische Geheimdienst seine "guten Beziehungen" nach Syrien unter anderem dazu benutze, einen möglichen Terroristen-Reimport von Sprengstoff nach Spanien zu verifizieren. In diesem Zusammenhang soll auch die Rede auf einen mysteriösen, namentlich nicht genannten, ehemaligen Obersten des irakischen Geheimdienstes von Saddam Hussein gekommen sein, der über Syrien weiter nach Marokko gereist sei.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.03.2004, Nr. 65 / Seite 9
Bildmaterial: AP
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