Hiroshima

Die Atombombe und die Logik des Krieges

Von Volker Zastrow

Hiroshima, eine Stunde nach der Detonation

Hiroshima, eine Stunde nach der Detonation

05. August 2005 Am 6. August 1945 zündeten die amerikanischen Luftstreitkräfte eine Atombombe über der japanischen Stadt Hiroshima. Die Waffe beruhte auf einem neuartigen Prinzip, der Spaltung von Atomkernen in einer Kettenreaktion.

Die Zerstörungskraft der „Little Boy“ genannten Bombe erreichte nie gekannte Ausmaße, sie beruhte auf Hitze, Druck und Strahlung, ihr Licht leuchtete um vieles heller als die Sonne. Amerikaner und Briten hatten in Deutschland das Ausmaß von Tod und Zerstörung durch Luftangriffe mit kriegswissenschaftlichen Mitteln systematisch gesteigert. Den strategischen Bombenkrieg gegen japanische Städte eröffneten die Vereinigten Staaten am 9. März mit einem Angriff auf Tokio, dem die Vernichtung weiterer japanischer Städte durch Brandbomben mit dem Benzin-Gel „Napalm“ folgte. Holz und Papier, Hauptbaustoffe japanischer Wohngebäude und Tempel, begünstigten die Ausbreitung verheerender Brände.

Bis heute leiden die Kinder der Opfer

Anders als die Brandbombardements entfaltete die eine, von einem einzigen Flugzeug des Typs B29 abgeworfene Atombombe ihre Zerstörungskraft im Bruchteil einer Sekunde. Erst später erkannte man die Folgeschäden durch die radioaktive Strahlung, die im Laufe der Jahre mehr Menschen unter Qualen dahinrafften als Hitze und Druck. Bis heute leiden Kinder und Kindeskinder überlebender Opfer daran.

Die Bombe auf Hiroshima war die zweite, drei Wochen vor ihrem Abwurf hatten die Amerikaner die erste auf einer Hochebene in New Mexico erfolgreich erprobt. Bis zum Zeitpunkt dieses ersten Atombombentests waren die Wissenschaftler des streng geheimen „Manhattan Projekts“ unter der wissenschaftlichen Leitung des New Yorker Physikers Robert Oppenheimer, der in Göttingen bei Max Born über Quantentheorie promoviert hatte, sich nicht klar über die Folgen: Es wurde sowohl für möglich gehalten, daß eine Kettenreaktion ausbleiben, als auch, daß sie ausgreifen und alles Leben auf der Erde vernichten würde.

Hitler zuvorkommen

Den Anstoß für die Entwicklung der Atombombe hatte 1939 der emigrierte ungarische Physiker Leo Szilard gegeben; er fürchtete, daß die Nationalsozialisten eine solche Waffe herstellen würden. Tatsächlich hatte Otto Hahn in Berlin im Dezember 1938 die Kernspaltung durch Neutronenbeschuß entdeckt. Szilard wollte, daß die Vereinigten Staaten Hitler (der in Wahrheit nicht das von Szilard vermutete Interesse an einem solchen Vorhaben aufbrachte) zuvorkämen.

Szilard war sich darin einig mit den gleichfalls aus Budapest stammenden emigrierten Physikern Teller und Wigner. Die Gruppe fand die Unterstützung Albert Einsteins, dessen Theorie über Energie und Masse die Grundlagen der neuen Atomphysik geschaffen hatte. In einem zunächst auf deutsch entworfenen Brief an den amerikanischen Präsidenten Franklin Roosevelt warnten die Physiker vor den „extrem starken Bomben neuen Typs“ und fanden Verständnis.

125.000 Personen arbeiteten mit

Nach dem Überfall der Japaner auf den amerikanischen Flottenstützpunkt Pearl Harbor und der deutschen Kriegserklärung im Dezember 1941 startete die amerikanische Armee, autorisiert vom Präsidenten, mit beträchtlichem Aufwand das Atombombenprojekt. 125.000 Personen, darunter zahlreiche hochqualifizierte und oft noch sehr junge Wissenschaftler, auch mehrere Nobelpreisträger, arbeiteten daran mit. Etwa die Hälfte der Forscher waren Emigranten. Organisatorisch geleitet wurde das Vorhaben mit eiserner Hand von General Leslie Groves. Trotz des enormen materiellen und personellen Aufwands dauerte es Jahre, bis das größte Rüstungsprojekt der Geschichte sein Ziel erreichte. Allein der Gewinn einer hinreichenden Menge des spaltbaren Uran 235 dauerte in einer rund um die Uhr arbeitenden Fabrik eineinhalb Jahre. Es wurde in der Hiroshima-Bombe eingesetzt; die Bombe des „Trinity“-Tests und die in Nagasaki eingesetzte enthielten bereits das neue und einfacher herzustellende Element Plutonium.

Die Vereinigten Staaten wollten Deutschland mit der Bombe zuvorkommen, vermutlich wäre sie, rechtzeitig fertig, auch in Deutschland eingesetzt worden, um den Willen der deutschen Führung zur Fortsetzung des Krieges zu brechen. Seit Beginn des Jahres 1945 aber stand die Niederlage des Reichs unabwendbar fest, die Verluste der Alliierten hielten sich fortan in Grenzen - von da an war ein Einsatz der Waffe in Europa unwahrscheinlich geworden. In Asien lagen die Dinge anders. Dem Angriff auf die amerikanische Pazifikflotte war ein umfassender Eroberungskrieg Japans vorausgegangen, der auf die Vorherrschaft in Südostasien zielte, in diesem Zusammenhang stand auch Pearl Harbor. Seither hatten die Amerikaner unter hohen Verlusten gleichsam Insel für Insel erobert, zuletzt Anfang April 1945 gegen erbitterten Widerstand der kaiserlichen Truppen die 600 Kilometer südlich der japanischen Hauptinseln gelegene Präfektur Okinawa.

Roosevelts unerwarteter Tod

Unmittelbar nach dem Ende dieser Schlacht starb am 12. April unvermutet der amerikanische Präsident Roosevelt an einem Gehirnschlag. Sein Nachfolger wurde der außenpolitisch völlig unerfahrene und über die Einzelheiten der aktuellen Außenpolitik im unklaren gelassene Harry Truman. Allerdings stand Truman zunächst auch nicht vor dramatischen Entscheidungen. Die amerikanische Außenpolitik war bis auf weiteres gleichsam gespurt; die weitgehend erforschten und dokumentierten Entscheidungsprozesse der amerikanischen Regierung in den folgenden Monaten zeigen das deutlich. Auch die Entscheidung über den Einsatz der Atombomben ergab sich fast wie von selbst, der Logik des Krieges folgend, aus ihrer Einsatzfähigkeit; Truman sagte später darüber, die Entscheidung habe ihm kein Kopfzerbrechen bereitet. Sie wurde ihm aber sicher dadurch erleichtert, daß er die Japaner als „Wilde“ betrachtete, die Amerika zuvor ohne Kriegserklärung angegriffen hatten.

Politisch hatten sich die Vereinigten Staaten, wie gegenüber Deutschland, auf die Forderung nach bedingungsloser Übergabe Japans festgelegt. Eine solche Forderung ist untrennbar mit der Besetzung und Beherrschung des unterlegenen Landes verbunden - also auch dem Untergang des dortigen politischen Regimes. Für Japan stellte sich damit die Frage nach dem Fortbestand der Monarchie, deren sakraler Charakter den europäischer Monarchien der Neuzeit weit übertraf. Zugleich bedeutete ein so bedingtes Strecken der Waffen den Abschied von einer auf die Samurai zurückgehenden Militärkultur, die das Land über Jahrhunderte beherrscht und geprägt hatte und Todesverachtung, einen hohen Begriff von Ehre, Dienst und Opfer sowie beträchtliche Grausamkeit in sich vereinte. Ähnlich wie in Deutschland im Ersten Weltkrieg hatte das Militär auch in Japan die politische Macht nach Jahren des Krieges weitgehend in Händen.

Härtester Widerstand

Es gab härtesten Widerstand gegen die Anerkenntnis der bevorstehenden Niederlage und die damit verbundene Vorstellung einer Kapitulation, die aber unter dem Einfluß des realistischen, in Moskau akkreditierten Botschafters Sato beim Außenminister Togo, Premierminister Suzuki, beim kaiserlichen Siegelbewahrer Kido und schließlich dem Tenno Hirohito selbst an Boden gewann - nicht zuletzt unter dem Eindruck der Vielzahl militärischer Rückschläge, der Vernichtung der japanischen Städte und den großen Verlusten unter der Zivilbevölkerung. Auch Befürchtungen einer Invasion der Roten Armee auf Hokkaido spielten hinein. Die Forderung nach Aufrechterhaltung der Monarchie wurde aber bis zuletzt beibehalten und schließlich von Washington erfüllt.

Die Amerikaner, denen die Dechiffrierung der japanischen Codes geglückt war, wußten die Verhältnisse in Tokio recht genau einzuschätzen. Zugleich maßen sie ihnen wenig Gewicht bei. Die Konsequenz daraus kann man so zusammenfassen: Ein ernsthafter Versuch Washingtons, doch noch einen Verhandlungsfrieden zu erreichen, hätte den nicht minder ernsten Willen vorausgesetzt, den Einsatz der neuen Waffen zu vermeiden.

Zugeständnis von Stalin

Doch davon kann keine Rede sein. In das Projekt waren Milliarden investiert worden, die Fortsetzung der Invasion in Japan hätte erheblichen Blutzoll gefordert, vor allem aber hätten die Vereinigten Staaten den künftigen Einfluß auf Japan mit Stalin teilen müssen. Schon im Februar bei dem Treffen der „großen Drei“ in Jalta hatte der sowjetische Diktator versprochen, drei Monate nach dem Ende der Kampfhandlungen in Europa seinen Nichtangriffspakt mit Japan zu annullieren und an der Seite Amerikas in den Krieg einzutreten. Auf der Potsdamer Konferenz, die am 17. Juli begann, hatte Truman sich das Zugeständnis von Stalin erneuern lassen.

Tags zuvor hatte der erste Atombombentest in der Wüste New Mexicos den Sand im Umkreis von 400 Metern zu einem spiegelglatten grünen Glas geschmolzen, dem hoch radioaktiven Trinitit. Die erste Nachricht über den Erfolg erreichte Truman am selben Abend in Babelsberg. Es dauerte einige Tage, bis die Einsatzfähigkeit der schon vorbereiteten beiden anderen Bomben feststand. Fortan gab es für die Vereinigten Staaten die Möglichkeit, den Friedensschluß ohne Invasion zu erzwingen und gleichzeitig Stalin, der seine Truppen bereits an der Grenze der japanisch besetzten Mandschurei hatte aufmarschieren lassen, wieder vom pazifischen Spielbrett zu stoßen. In der Höllenglut Hiroshimas begann der Kalte Krieg.

Text: F.A.Z., 05.08.2005, Nr. 180 / Seite 1
Bildmaterial: A, AP, AP/The Association of the Photographers of the Atomic (Bomb) Destruction of Hiroshima, Yotsugi Kawahara, HO, dpa, dpa/dpaweb, REUTERS

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