Drei Jahre nach Beslan

Die Kinder auf „Putins Friedhof“

Von Michael Ludwig, Beslan

Drei Jahre danach: Es bleibt die Trauer um die tote Schwester

Drei Jahre danach: Es bleibt die Trauer um die tote Schwester

03. September 2007 An diesem Montag jährt sich das Ende der Geiselnahme von Beslan zum dritten Mal. Am 1. September 2004, dem Schuljahresbeginn, hatte eine Gruppe von schwerbewaffneten Terroristen die Schule Nummer eins in der nordossetischen Stadt Beslan unweit der Landeshauptstadt Wladikawkas überfallen. Die Terroristen, von denen die meisten aus Tschetschenien und dem benachbarten Inguschetien kamen, nahmen 1116 Geiseln - Kinder, Mütter, Väter, Geschwister, Lehrer, Verwandte, Besucher. In der Russischen Föderation ist es üblich, dass Eltern und Verwandte die Schulanfänger auf ihrem ersten Schulweg begleiten. Für viele sollte es der letzte sein.

Zwei Tage später, gegen 13 Uhr, begann die Erstürmung. Explosionen erschütterten die Schule, Sicherheitskräfte drangen in den Turnsaal ein. Zu diesem Zeitpunkt waren noch 1072 Geiseln im Schulgebäude, die meisten von ihnen in der Turnhalle. Von den Geiselnehmern bewacht, bedroht und verhöhnt, hatten sie ohne Essen und Wasser schon unglaubliche Qualen durchlitten, als das Inferno über sie hereinbrach. Es dauerte mehrere Stunden. Am Ende waren 333 Geiseln tot, unter ihnen 186 Kinder. Später übernahm der tschetschenische Terroristenführer Schamil Bassajew die Verantwortung für die Geiselnahme. Er starb 2006 durch eine auf ihn abgeschossene Rakete (so die Version des russischen Geheimdienstes FSB).

Verfahren gegen Milizangehörige eingestellt

Gedenken in Beslan: Turnhalle des Terrors

Gedenken in Beslan: Turnhalle des Terrors

Die Wunden sind noch lange nicht verheilt. Hinzu kommt, dass sich die russischen Behörden bei der Aufarbeitung der Geschehnisse nach Auffassung der Opferverbände, des Komitees der Mütter von Beslan und des Komitees Stimme von Beslan, nur mit der Schuld der Terroristen befassten und die mögliche Verantwortung des Krisenstabes, der Geheimdienste, Generäle und Politiker für das blutige Ende der Geiselnahme zu verschleiern suchten.

Der einzige überlebende Terrorist wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Verfahren, das gegen nordossetische Milizangehörige wegen möglicher Mitschuld angestrengt worden war, wurde eingestellt. Saur Dsarachochow, ein nordossetischer Milizoberst im Ruhestand, kritisierte vor kurzem, dass die Miliz vor den Ereignissen in Beslan von Moskau leichtfertig geschwächt und ein gutbewaffnetes, eingespieltes Regiment zur Terrorbekämpfung aufgelöst worden sei. Auch sei es offizielle Politik gewesen, die Verwaltungsgrenzen in der Föderation nicht zu überwachen, um die Einheit des Staates zu betonen.

In der Zeitung „Ossetija“ brachte der Oberst dieser Tage auch das Verhalten der Zentrale bei den Ermittlungen auf den Punkt: „Unsere eigenen Leute liefern wir auf keinen Fall ans Messer.“ Zur Auseinandersetzung zwischen den Angehörigen der Opfer und der Staatsmacht ist damit ein Streit zwischen der Region und der Machtzentrale in Moskau gekommen.

Offizielle Version nicht haltbar

Israil Totoonti wird die schrecklichen Zahlen der Tragödie in seinem Buch „Beslan - drei Jahre danach“ veröffentlichen und seine Version der Ereignisse vorstellen. Totoonti war die treibende Kraft des Untersuchungsausschusses, den das nordossetische Regionalparlament eingesetzt hatte. Dessen Bericht wurde nie ganz veröffentlicht, und die Opferverbände waren mit dem Ergebnis nicht zufrieden, weil die ganze Wahrheit auch danach noch ausstand. Totoonti, Berater der gegenwärtigen Parlamentspräsidentin von Nordossetien, gilt heute als einer der besten Kenner der Tragödie. In der zerstörten Turnhalle erläutert er den Hergang, sagt aber, dass es noch immer unbeantwortete Fragen gibt.

Für den Bericht des russischen Parlaments über die Geiselnahme, den sogenannten „Torschin-Bericht“, der Ende 2006 vorgelegt wurde, hat er darum auch nur Hohn und Spott übrig: „Dieser Bericht ist ein Machwerk, eine Schande.“ Es sei nur darum gegangen, die Zentrale und den Krisenstab von aller Schuld reinzuwaschen. Dasselbe gelte für die bisherigen Ermittlungen der Generalstaatsanwaltschaft.

Kerzen für die Opfer

Kerzen für die Opfer

Die russischen Behörden behaupten bis heute, dass die Terroristen an jenem 3. September vor drei Jahren in der Turnhalle Sprengladungen gezündet und dadurch die Einsatzkräfte zum Beschuss der Schule und zum Sturm auf das Gebäude gezwungen hätten. Doch diese Version wurde von den „Müttern von Beslan“ sehr bald in Frage gestellt. Ein Bericht des russischen Parlamentsabgeordneten Jurij Saweljew erhärtete vor einem Jahr ihre Zweifel. Videoaufzeichnungen vom 3. und 4. September 2004, die als verschollen galten und dem Komitee erst kürzlich zugespielt wurden, beweisen nach Auffassung der Vorsitzenden Susanna Dudijewa, dass die offizielle Version auf keinen Fall zu halten sei. Dem Video nach seien die ersten Detonationen durch den Beschuss der Halle aus Panzerfäusten und mit speziellen Brandgranaten (Schmel) von außen hervorgerufen worden.

Sollten tschetschenische Vermittlungsversuche verhindert werden?

Die Beweise für den Einsatz dieser Waffen wurden noch am Tag des Sturms sichergestellt. Ebenso eine ganze Reihe von Sprengladungen der Terroristen in der Turnhalle, die nicht gezündet worden waren. Nach Auffassung unabhängiger Fachleute starben die meisten Opfer in der Turnhalle durch den Beschuss mit Brandgranaten, deren Einsatz die Führung jedoch leugnete, genauso wie sie abstritt, dass aus Panzergeschützen auf die Schule geschossen worden sei, als sich noch Geiseln darin befanden. Totoonti sagt: „Die Einsatzkräfte haben am 3. September einfach mit Granaten draufgeballert, um die Erstürmung der Turnhalle zu rechtfertigen, wobei ihnen das Schicksal der Geiseln gleichgültig war.“ Susanna Dudijewa meint sogar den Namen des Generals zu kennen, der das Losschlagen befahl.

Trauer: Mutter und Großmutter am Grab eines Opfers

Trauer: Mutter und Großmutter am Grab eines Opfers

Weshalb sich die Einsatzkräfte so verhielten, ist vielen ein Rätsel. Die einen sagen, es sei typisch russisch, bei Erstürmungen nicht auf die Folgen für die Geiseln zu achten, überdies habe ein furchtbares Durcheinander geherrscht. Andere vermuten das Motiv darin, mit einem „SuperGAU“ die Abschaffung der Volkswahl der Gouverneure und die Stärkung der Machtvertikale des Präsidenten zu rechtfertigen.

Wieder andere glauben, dass womöglich erfolgreiche Vermittlungsversuche des tschetschenischen Exils in London oder des damaligen tschetschenischen Untergrundpräsidenten Aslan Maschadow verhindert werden sollten. Vor allem habe gezeigt werden sollen, dass Russland niemals Terroristen nachgebe. Daran knüpft sich die Vermutung, dass die Forderung nach einem Abzug der Russen aus Tschetschenien, die von den Terroristen am 2. September 2004 angeblich an den vormaligen Präsidenten von Inguschetien, Ruslan Auschew, übergeben wurde, im Krisenstab oder vom FSB „fabriziert“ worden sei, um die Erstürmung zu rechtfertigen.

„Putin hat sein Wort nicht gehalten“

In Beslan oder Wladikawkas sind alle Versionen zu hören. Auch die Rolle des Präsidenten ist unklar geblieben. Susanna Dudijewa sagt, der Sturm sei womöglich nicht direkt befohlen worden. Es habe genügt, Anregungen zu geben oder etwas nicht direkt zu verbieten. Gewiss ist vorläufig nur, dass vier Fünftel der Russen die offizielle Darstellung der Ereignisse nicht glauben. Aber das wiederum interessiert die Obrigkeit nicht, solange sich daraus keine nachteiligen politischen Folgen für sie ergeben. Und danach sieht es nicht aus. In Moskau wurde am Wochenende der Stadtgründung vor 860 Jahren gedacht, nicht aber der Opfer von Beslan. Nur einige hundert Menschen, unter ihnen der frühere Schachweltmeister Garri Kasparow von der Vereinigten Bürgerfront, hörten zu, als Ella Kessajewa am Samstag auf einem Moskauer Platz abermals die „Wahrheit über Beslan“ verlangte.

Dieser Tage forderten die Mütter von Beslan den FSB-Chef Nikolaj Patruschew abermals auf, den Ermittlern endlich alles relevante Material aus dem Geheimdienstarchiv zur Verfügung zu stellen. Aber die Hoffnung ist gering, dass es dazu kommt. Im Beslaner Büro des Komitees sagt Frau Dudijewa, „irgendjemand“ versuche, eine gründliche Untersuchung zu vereiteln. Dabei hatte ihr Präsident Putin vor zwei Jahren hoch und heilig versichert, dass alles genau untersucht werde und die Verantwortlichen ohne Ansehen ihrer Position zur Rechenschaft gezogen würden. Doch stattdessen seien viele Leute sogar noch befördert worden, sagt Frau Dudijewa mit Blick auf die Karrieren beteiligter Sicherheitskräfte und Politiker, denen die Mütter zumindest Versagen vorwerfen. „Putin hat sein Wort nicht gehalten.“

Moskau stiftete Marmor für die Gräber

Dass Putin nicht helfen würde, davon war Ella Kessajewa vom Komitee „Stimme Beslans“ freilich von Anfang an überzeugt. Wie Frau Dudijewa fordert sie Aufklärung bis zum bitteren Ende und ohne Ansehen der Person. Sie erinnert daran, dass die Mütter von den Ermittlern als „hysterisch“ verspottet wurden, wenn sie neues Material vorlegten, das die Behörden, Militärs, Geheimdienstler oder den Krisenstab von damals belastete. Frau Kessajewas Organisation hat mittlerweile den Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg angerufen. Mit Frau Dudijewa wehrt sie sich auch gegen Pläne, die Reste der Turnhalle abzureißen und an dieser Stelle eine Kirche zu errichten. „Die Turnhalle muss bleiben. Sie ist nicht nur der Ort, an dem unsere Kinder starben, sondern auch ein Symbol der Schande, die die Staatsmacht auf sich geladen hat.“

Die meisten Opfer der Geiselnahme liegen in sechs langen Reihen auf dem Friedhof von Beslan begraben. Moskau stiftete rötlichen Marmor für die Einfassungen der Gräber und die Grabsteine. Asa, ein zwölf Jahre altes Mädchen aus Beslan, das bei der Geiselnahme umkam, hatte im August 2004 ein Gedicht geschrieben, das die Eltern auf die Rückseite ihres Grabsteins meißeln ließen: „Für mich ist bereits eine Fahrkarte ins Paradies bestellt, und wenn die erste Reise stattfindet, kann ich es bald sehen“, heißt es darin. Die Mutter kommt jeden Tag zum Grab. Der Vater sagt: „Das ist Putins Friedhof“, und er meint damit nicht das edle Grabgestein, sondern die Verantwortung für den Tod seiner Tochter, für ihre viel zu frühe „Reise ins Paradies“.

Text: F.A.Z., 03.09.2007
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, dpa/dpaweb, F.A.Z., REUTERS

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