Hassan Nasrallah:

Ein Stratege, aber kein „König der arabischen Welt“

Von Markus Bickel, Beirut

Nasrallah gilt auf den Straßen Beiruts als Held

Nasrallah gilt auf den Straßen Beiruts als Held

17. Juli 2008 Als Hassan Nasrallah Anfang Juli den Gefangenenaustausch mit Israel verkündete, wehrte er sich gegen eine Rolle, die dem Generalsekretär der Hizbullah nun wieder angetragen werden dürfte. „Das würde bedeuten, Nasrallah zum König der arabischen Welt zu krönen“, fasste er die israelische Kritik an der Entlassung von Samir Kuntar und vier Hizbullah-Kämpfern sowie der Überstellung fast 200 libanesischer und palästinensischer Gefallener zusammen.

Er wolle „weder König noch irgendetwas anderes“ werden: „Mein einziges Interesse besteht darin, Diener dieser ungerecht behandelten Mudschahedin zu sein, die in Gefängnissen des Feindes, von der Welt vergessen, vor sich hinrotten.“

Sohn eines schiitischen Obsthändlers

Nasrallah: „Keine Herrschaft des höchsten Religionsgelehrten“

Nasrallah: „Keine Herrschaft des höchsten Religionsgelehrten“

Anderthalb Monate vor seinem 48. Geburtstag am 31. August hat der im Ostbeiruter Stadtteil Karantina geborene und im südlibanesischen Bazouriyeh aufgewachsene Nasrallah allen Grund zur Untertreibung. Schon im Libanon-Krieg 2006 avancierte das älteste von neun Kindern eines schiitischen Obsthändlers zum Helden der – sunnitischen – Straße in Damaskus, Ramallah und Kairo.

Die Rückkehr Kuntars und vier seiner 2006 in israelische Gefangenschaft geratenen Milizionäre ist geeignet, seinen Ruhm zu mehren. Seit den sechziger Jahren, als Ägyptens Präsident Gamal Abdel Nasser die Jugend der arabischen Welt begeisterte, hat es in Nahost keinen politischen Führer mehr gegeben, der die Menschen von Teheran bis Tunis so in ihren Bann zog, noch dazu ein Schiit. Und auch der spröde Charme des jungen säkularen Palästinenserführers Jassir Arafat verblasst gegenüber Nasrallahs stets religiös unterlegtem Charisma.

Bruch mit der säkularen Doktrin

Wie kein Zweiter verkörpert der in den siebziger Jahren im irakischen Nadschaf theologisch Ausgebildete den ideologischen Wandel der arabischen Bewegungen seit Nassers Niederlagen gegen Israel 1967 und 1973: Was einst marxistisch motiviert war – die Befreiung ganz Palästinas von israelischer Besatzung –, begründet der seit 1992 an der Spitze der nach der israelischen Libanon-Invasion 1982 gegründeten „Partei Gottes“ stehende Nasrallah nun theologisch, wobei er Elemente linker Befreiungsdialektik bewusst aufgreift.

Widerspruch aus den großen palästinensischen Organisationen oder den linken Parteien im Libanon erntet er nicht. Im Gegenteil: Dass Samir Kuntar, ein säkularer Druse, der in den siebziger Jahren für die Palästinensische Befreiungsfront (PLF) in den arabisch-israelischen Krieg zog, am Mittwochabend Nasrallah seine Loyalität versicherte, macht den Bruch mit der säkularen Doktrin deutlich. Vor Tausenden Hizbullah-Anhängern verpflichtete Kuntar sich, künftig den „islamischen Widerstand“ zu unterstützen.

Den Wandel hin zur Hegemonie islamistischer Volksparteien wie Hamas und Hizbullah hat Nasrallah auch deshalb erreicht, weil er Drusen, Christen und Sunniten im Libanon das iranische Prinzip der „Herrschaft des höchsten Religionsgelehrten“ nie überstülpen wollte. Die Befreiung Kuntars widmete er der „Nation“ – so wie er schon die „Niederlage“ Israels 2006 allen Bevölkerungsgruppen des Landes geschenkt hatte.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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