03. September 2006 Schon mit seiner Teilnahme am Tag der Heimat betritt ein Bundespräsident offenbar jenen imaginären Raum, den die deutsch-polnische Danziger Erklärung von 2003 entdeckt hatte: Deshalb darf es heute keinen Raum mehr geben für das Aufrechnen der Verbrechen und Verluste. Zwar gehörte das Aufrechnen noch nie zum Geschäft der Vertriebenen - wie sollten sie das tun?
Doch dem polnischen Ministerpräsidenten Jaroslaw Kaczynski reicht allein Horst Köhlers Anwesenheit beim Festakt der Vertriebenen (mittlerweile eine Tradition der Bundespräsidenten), um ihn dem Verdacht des Revanchismus auszusetzen. Es bestätigen sich damit die Zweifel jener an der Erklärung von 2003, die den Unterzeichnern, den Präsidenten Rau und Kwasniewski, vorwarfen, eine Formel zugelassen zu haben, die nicht der Versöhnung diene, sondern all jenen eine Argumentationshilfe biete, die in Wahrheit dem Vergessen, Verstecken, Verharmlosen das Wort reden wollten.
Der Besuch Köhlers (und seiner Vorgänger) bei den Vertriebenen hat gerade das allerdings nicht im Sinn. Köhler beließ es aber nicht bei der Aufforderung, die eigene Geschichte anzunehmen und weiterzugeben. Er redete vielmehr besonders jenen ins Gewissen, die von polnischen Ängsten nichts hören wollen, gerade weil wir sie für unbegründet halten. Auch die Äußerung des Bundestagspräsidenten Lammert, der Erinnerungskultur unserer Nachbarn nicht die Vokabeln (Vertreibung statt Umsiedlung oder, tschechisch, Abschub) vorzuschreiben, die aus deutscher Sicht die einzig richtigen sind, geht in diese Richtung. Das wären honorige Bemerkungen gewesen, wenn es denn in der Auseinandersetzung tatsächlich um Dialog, aufrichtige Erinnerung und Geschichtsschreibung ginge.
Doch Kaczynskis hysterische Äußerungen, die denen aus Prag zum Zentrum gegen Vertreibungen allzu ähnlich sind, deuten in eine andere Richtung. Sie wollen Deutschland darauf festlegen, daß sich in einem vereinten Europa der Nationalstaaten nur richtig verhält, wer die unangenehme Vergangenheit im Nebel von Unverbindlichkeiten schönredet, um sie anschließend um so besser instrumentalisieren zu können. Ein Ausweg ist so lange nicht in Sicht, wie ein Mann wie Jaroslaw Kaczynski mitten in jenem Raum steht, in dem er immer nur andere wittert.
Text: F.A.Z., 04.09.2006
Bildmaterial: dpa