Merkel und Bush

Deutsches Wochenende in Crawford

Von Matthias Rüb, Texas

„Dear George”: Auf Bushs Ranch ging es bei Merkels Besuch locker zu

„Dear George”: Auf Bushs Ranch ging es bei Merkels Besuch locker zu

11. November 2007 Auch in Crawford in Texas ist heute nichts mehr, wie es einmal war. Früher habe sich der Präsident, der sich 1999 die „Prairie Chapel Ranch“ ein paar Kilometer vor den Toren der 800-Seelen-Gemeinde gekauft hat, öfter einmal sehen lassen im Dorf, erzählt Joe Stanton vom Souvenirladen „The Red Bull“ am Lone Star Parkway. Er habe hin und wieder einen Kaffee getrunken in der „Coffee Station“ gleich neben der Tankstelle, wo die einzige Ampel von Crawford über der Durchgangsstraße baumelt.

Damals sei der Präsident ja noch frisch im Amt gewesen und zumal in Texas sei alle Welt mächtig stolz gewesen auf den einstigen texanischen Gouverneur. „An jedem Wochenende hatten wir Hochbetrieb, die Autos stauten sich kilometerlang“, sagt Joe. „The Red Bull“, der erste Andenkenladen am Platze und der einzige von Einheimischen geführte dazu, bekam rasch Konkurrenz. Die Konjunktur für Bush-Souvenirs war gut. Das ist lange her. Die meisten Andenkenläden am Lone Star Parkway haben wieder zugesperrt, und auch vom letzten verbliebenen Wettbewerber ein paar Häuser weiter heißt es, er wolle den Betrieb bald aufgeben.

Bush lädt liebe Gäste in familiäre Atmosphäre

Der Umstand, dass der Präsident vor allem wegen des missratenen Irak-Kriegs seit Jahren in allen Umfragen immer schlechtere Zustimmungswerte zu seiner Amtsführung bekommt, fördert die Geschäfte mit Thermoskannen, Kaffeetassen, Kalendern und Christbaumschmuck mit dem Konterfei oder dem Namenszug des 43. Präsidenten nicht. Noch gut 14 Monate ist aber Bush im Amt - im Weißen Haus und an Wochenenden sowie in den Ferien auf seiner Ranch in Crawford. Dorthin pflegt er Gäste einzuladen, die besonders wichtig sind für Amerika und ihm besonders am Herzen liegen.

Als Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Mann Joachim Sauer am Wochenende zu Besuch beim Präsidenten und „First Lady“ Laura Bush in familiärer Atmosphäre auf der „Prairie Chapel Ranch“ in Crawford waren, blickte Amerika jedoch nach Des Moines in Iowa. Dort und anderswo in dem Bundesstaat liefern sich die Präsidentschaftskandidaten der Demokraten und der Republikaner seit Wochen eine Dauerschlacht um die Wählergunst.

Um Iran ging es zuerst und zuletzt

Aber bis zum 20. Januar 2009 bleibt Bush der mächtigste Mann der Welt. Mit der Warnung vor einem möglichen „dritten Weltkrieg“ hatte er jüngst die Welt wachzurütteln versucht, damit diese mit allen diplomatischen Mitteln der Drohung eines atomar bewaffneten Iran entgegentrete. Bei dieser Linie blieb er auch während des „deutschen Wochenendes“ in Crawford: Das Kriegsmenetekel erwähnte Bush nicht, er beschwörte stattdessen einzig die diplomatischen Bemühungen.

Um Iran ging es zuerst und zuletzt bei den zusammengenommen gut sechsstündigen Gesprächen, die Bush und die Bundeskanzlerin führten - am Freitag bei der obligatorischen Rundfahrt übers gut 640 Hektar große Ranchgelände, beim Abendessen mit Rucolasalat, gegrilltem Rinderfilet und Nusskuchen, am Samstag beim Morgenspaziergang, beim Frühstück und beim Mittagessen sowie in den Gesprächsrunden im kleinen Delegationskreis. Aus Washington waren mit Bush Außenministerin Rice und Sicherheitsberater Hadley gekommen. Die Kanzlerin hatte Regierungssprecher Wilhelm und ihren außenpolitischer Berater Heusgen nach Texas mitgebracht.

„Dear George“ leger in Freizeitkleidung

Zu den Treffen auf seiner Ranch, auf die Bush seit seinem Amtsantritt vor knapp sieben Jahren 15 Staats- und Regierungschefs eingeladen hat, verordnet Bush das Tragen von „Freizeitkleidung“, in seinem Fall sind das Bluejeans und karierte Hemden. Die Kanzlerin wählte bequeme Hosen und legere Blazer. Angela Merkel pflegt sich an Bush mit „dear George“ zu wenden, und in der kurzen Abschlusspressekonferenz pries sie dessen Ranch als „wunderschönes Fleckchen Erde“. Bush hatte schon zum Empfang seiner Gäste, die er mit seinem Pickup am Hubschrauberlandeplatz abgeholt hatte, die Einladung als „Zeichen von Wärme und Respekt“ bezeichnet - „und so empfinde ich auch für Kanzlerin Merkel“, sagte Bush.

Kurz vor dem Rückflug gab es, vom Präsidenten als uramerikanische Wohltat verkündet, für die Kanzlerin „einen Hamburger, genau hier in Crawford, Texas“. Sie erwiderte, dies sei für sie als gebürtige Hamburgerin „natürlich eine besonders wunderbare Sache“. Der Präsident und die Kanzlerin, so hieß es von deutscher und amerikanischer Seite, verstanden sich bestens während des etwa zwanzigstündigen Aufenthalts der Gäste aus Deutschland. Deren Hin- und Rückflug nahm mehr Zeit in Anspruch, als sie im spätsommerlich milden Texas verbringen konnten. Besonders gelöst schienen Bush und seine Besucherin nach ihrem gemeinsamen Spaziergang gleich nach dem Aufstehen. Ein „wundervoller Morgen“ bei aufgehender Sonne und beginnendem Vogelgezwitscher sei das gewesen, sagt Bush später.

Zur Stabilisierung Afghanistans fällt keine Mahnung

Die Harmonie hielt auch den politischen Meinungsunterschieden stand - zumal beim Thema Iran. „Wir arbeiten zusammen“, lautete Bushs und Merkels Credo, und zwar auf diplomatischem Weg. Washington ist weiter für abermals verschärfte Sanktionen der einzelnen Partnerländer und der EU, wenn China und Russland eine schärfere Resolution des UN-Sicherheitsrates weiter blockierten. Berlin pocht weiter darauf, dass einzig der Rat in New York das Forum bleibt, in dem die Staatengemeinschaft die politische und wirtschaftliche Isolierung Teherans vorantreibt. Und es bleibt bei der Mahnung der Kanzlerin, die Staatengemeinschaft müsse geschlossen handeln.

Wenn sich aber bei den Mitte Dezember fälligen Berichten des EU-Außenbeauftragten Solana und des IAEA-Direktors El Baradei erwartungsgemäß zeigen solle, dass in Teheran „die Entwicklung weiter so negativ verläuft“, würde Deutschland als eine Art Vorleistung auf zu erwartende weitere UN-Sanktionen die „Handelsaktivitäten weiter einschränken“, wie es die Kanzlerin formuliert. Kein Wort der Mahnung fällt, dass Deutschland seine Mission zur Stabilisierung Afghanistans nicht ausreichend erfülle, weil der Einsatz der Bundeswehr auf den Norden des Landes konzentriert ist. Vielmehr spricht Bush den deutschen Soldaten am Hindukusch ausdrücklich seinen Dank aus, weil sie „dem afghanischen Volk helfen, die Segnungen der Freiheit zu verstehen“.

Klimaschutz: Andere Wege, gleiche Ziele

Auch dass man beim Klimaschutz andere Wege gehen, aber zum gleichen Ziel der deutlichen Reduktion der sogenannten Treibhausgase kommen will, wird als Zeichen der Gemeinsamkeit herausgestrichen. „Wir haben gute Chancen, dass Bali erfolgreich wird“, sagt die Bundeskanzlerin; im Dezember sollen auf der Insel die Verhandlungen über ein Nachfolgeabkommen zum Kyoto-Protokoll beginnen. Da wirft Bush auf Deutsch ein zackiges „Jawohl!“ dazwischen, obwohl seine Regierung das Kyoto-Protokoll für gescheitert und feste Emissionsobergrenzen für einen die Wirtschaft schädigenden Irrweg hält.

In die Debatte über eine Reform des UN-Sicherheitsrates bringt Angela Merkel den Gedanken einer „semi-permanenten“ Ratsmitgliedschaft für Deutschland und andere Anwärter ein. Ob ausgerechnet diese Idee den Stillstand in der Reformdebatte überwinden kann, steht dahin. Bush antwortet sibyllinisch: „Ich bin bereit, guten Ideen zuzuhören.“ Doch in der Substanz bleibt es dabei, dass Washington einzig die Kandidatur Japans für einen ständigen Ratssitz unterstützt und es im übrigen mit der Erweiterung des Sicherheitsrates nicht so eilig hat wie mit der Verwaltungs- und Strukturreform der UN. Ohne, gar gegen Amerika kann man selbst bei den UN nichts erreichen. Und ein amerikanischer Präsident ist so lange Präsident, wie er Präsident ist.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa

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