Gasleitungen

Projekt „Nabucco“ für Europa

Von Michaela Seiser, Wien

Langer Weg, unklare politische Vorgaben: Erdgasleitung zum Endverbraucher

Langer Weg, unklare politische Vorgaben: Erdgasleitung zum Endverbraucher

18. Januar 2009 Bulgarien hat die Folgen des russisch-ukrainischen Gasstreits schmerzlicher als alle anderen EU-Mitglieder zu spüren bekommen. Obwohl die in Sofia regierenden Sozialisten traditionell moskaufreundlich sind und am Anfang des Streits die russische Darstellung übernommen haben, die Ukraine habe den Streit provoziert, fordert der sozialistische Staatspräsident Georgi Parwanow nun, ein von Russland seit langem bekämpftes Pipeline-Projekt zu beschleunigen: Nabucco. Über diese Leitung soll einmal über die Türkei Gas aus dem Kaspischen Raum, Zentralasien und dem Nahen Osten an Russland und der Ukraine vorbei nach Europa gelangen, doch das Vorhaben ist immer wieder ins Stocken geraten und stand sogar ganz in Frage.

Das vom österreichischen Erdöl- und Erdgaskonzern OMV geführte Nabucco-Konsortium hofft nun aber auf eine baldige Entscheidung. Dessen Geschäftsführer hofft Reinhard Mitschek sagte vergangene Woche, 2010 solle mit dem Bau begonnen werden, von 2013 an soll das erste Gas geliefert werden. Die Pipeline, die von der Türkei über Bulgarien, Rumänien und Ungarn nach Österreich führen soll, wird von der EU als eines ihrer wichtigsten Infrastrukturprojekte angesehen. Bis 2020 könnten dann bis zu 30 Milliarden Kubikmeter Gas im Jahr durch die 3300 Kilometer lange Röhre transportiert werden. Das wäre weniger als ein Zehntel des jährlichen Bedarfs in Europa oder rund ein Drittel des Jahresverbrauchs in Deutschland. Die Hälfte des über Nabucco transportierten Gases sollen die beteiligten Länder erhalten, der Rest wird Dritten angeboten.

Streitpunkt iranisches Gas

Das Projekt wurde vor sieben Jahren von den nationalen Gasgesellschaften ins Leben gerufen, musste in den zurückliegenden Jahren allerdings Rückschläge hinnehmen. Eines der Hauptprobleme seien Sonderwünsche der Türkei, die Gas zu Sonderpreisen beziehen wolle, sagt Mitschek. Überdies steht nicht fest, aus welchen Quellen das Gas kommen soll. In erster Linie sei an Gas aus Aserbaidschan gedacht, aber auch aus Turkmenistan, dem Irak und Iran. Lieferungen aus Iran stehen derzeit jedoch wegen des Streits über das iranische Nuklearprogramm politische Widerstände entgegen.

Manche Fachleute sind jedoch der Ansicht, Nabucco könne nur dann gegen das vom russischen Konzern Gasprom vorangetriebene Pipeline-Projekt South Stream bestehen, wenn auch iranisches Gas eingespeist wird. South Stream soll zum einen Konkurrenz zu Nabucco sein, in dem Moskau eine Gefahr für sein Monopol auf den Transport zentralasiatischen Gases nach Europa sieht; zum anderen ist die geplante Leitung das südliche Pendant zur umstrittenen Ostsee-Pipeline Nord Stream. An South Stream ist neben Gasprom der italienische Energieversorger Eni beteiligt; die Leitung, die ebenfalls eine Durchleitungskapazität von 30 Milliarden Kubikmeter haben soll, soll aus Südrussland durch das Schwarze Meer nach Bulgarien führen, wo sie sich in eine Südroute, die über die Adria Italien erreicht, und eine Nordroute nach Österreich verzweigt.

Kosten verdoppelt

Johannes Benigni, geschäftsführender Gesellschafter des Wiener Energieberaters JBC, sagt zu der Frage, ob es genügend Gas für Nabucco geben wird: „Wenn wir es nicht schaffen, die Nabucco-Pipeline mit Gas aus Iran zu speisen, dann wird Iran sein Gas den Russen anbieten. Und wir werden die Nabucco-Pipeline, wenn überhaupt, mit russischem und nicht mit iranischem Gas speisen.“ Gas aus dem Iran werde also ohnehin nach Europa fließen, es sei nur die Frage, mit wem verhandelt werde.

Unklar sind noch die Kosten für Nabucco. Zunächst waren sie auf gut vier Milliarden Euro veranschlagt, im Vorjahr hat die Nabucco-Geschäftsführung die Kosten dann auf fast acht Milliarden verdoppelt. Mitschek hofft aber, dass es nicht ganz so teuer wird. Denn in den zurückliegenden Monaten ist der für die Röhren wichtige Stahlpreis gesunken. Ein Drittel des Finanzierungsbedarfs wird nach bisherigen Angaben von den Anteilseignern aufgebracht – neben der OMV sind das die ungarische MOL, die nationale rumänische Gas-Transportgesellschaft Transgaz, die Bulgargaz, die staatliche türkische Botas und als jüngstes Konsortiumsmitglied Deutschlands zweitgrößter Energiekonzern RWE. Zwei Drittel sollen von institutionellen Geldgebern wie der Europäischen Investitionsbank (EIB), der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) und der Österreichischen Kontrollbank kommen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.

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