Von Walter Haubrich, Santiago de Chile
13. November 2007 Der König von Spanien hatte vor Beginn der 17. Iberoamerikanischen Gipfelkonferenz in Santiago ein eher freundliches Gespräch mit dem venezolanischen Präsidenten Chávez im Beisein der chilenischen Präsidentin Bachelet geführt. Juan Carlos I. hatte dabei einige der üblichen Witze des Obersten Chávez belächelt.
Am ersten Tag des Gipfels bei der nicht öffentlichen Verhandlung konnte man am Fernsehapparat, an dem der Ton abgedreht war, die chilenische Präsidentin, den brasilianischen Präsidenten Lula und den spanischen Ministerpräsidenten Rodríguez Zapatero längere Zeit zusammen sehen. Offensichtlich redeten sie erregt über die erste Intervention Chávez', der gleich nach seiner Ankunft in Santiago das von allen vereinbarte Thema des Gipfels, die Soziale Kohäsion, als unsinnig bezeichnet hatte.
Als wirklichen Faschisten beschimpft
Zapatero antwortete bei seiner Rede am zweiten Tag auf die Polemik des venezolanischen Präsidenten gegen die soziale Marktwirtschaft und dessen Plädoyer für Verstaatlichungen als Allheilmittel gegen die großen Ungleichheiten in Lateinamerika. Wenn Chávez uns abermals angreift, werden wir antworten und zwar beide, der Ministerpräsident Zapatero und der König als Staatschef, hieß es in der spanischen Delegation.
Chávez unterbrach dann Zapatero mehrmals, indem er dessen Vorgänger und innenpolitischen Gegner Aznar als wirklichen Faschisten beschimpfte. Zapatero antwortete: Ich bin wirklich politisch weit entfernt von dem früheren Ministerpräsidenten Aznar, doch Aznar wurde von den Spaniern gewählt und ich verlange, dies zu respektieren. Chávez unterbrach ihn wieder mit den Worten: Sagen Sie Aznar, er solle erst einmal uns respektieren.
Der König verließ die Verhandlung
Die chilenische Präsidentin versuchte in ihrer Rolle als Moderatorin die Diskussion zwischen Chávez und Zapatero zu beenden, doch Chávez legte nach: Aznar mag ja Spanier sein, doch er ist ein Faschist. Der nicht weit von Chávez sitzende König Juan Carlos zeigte mit dem Finger auf den Venezolaner und rief ihm zu: Warum hältst du nicht den Mund!
Kurze Zeit später, als der nicaraguanische Präsident Daniel Ortega Chávez recht gab und einer spanischen Firma Nachlässigkeiten und zu hohe Preise bei der Stromversorgung seines Landes vorwarf, stand der König demonstrativ von seinem Stuhl auf und verließ die Verhandlung. Die chilenische Präsidentin überzeugte ihn, kurz danach in den Sitzungssaal zurückzukehren. Später sagte Chávez im Gespräch mit Journalisten, er wolle Juan Carlos fragen, ob dieser über den Putsch im Jahre 2002 gegen ihn, Chávez, informiert sei.
Unterstützung der Putschisten
Der König mag ja König sein, aber er kann mir nicht den Mund verbieten. Ich bin genauso Staatschef wie er, mit dem Unterschied, dass ich dreimal gewählt wurde. Chávez machte der damaligen Regierung Aznar den Vorwurf, über ihren Botschafter von dem Vorhaben des Putschversuches gewusst und die Putschisten bei ihren Vorbereitungen unterstützt zu haben.
Die Vereinigten Staaten und Spanien unterzeichneten damals eine gemeinsame Erklärung, in der sich beide Länder mit dem venezolanischen Volk solidarisieren. Diese Erklärung wurde allgemein als Unterstützung der Putschisten betrachtet. Der Anführer der Putschisten und Präsident des Unternehmerverbandes, Carmona, wurde von den Botschaftern Washingtons und Madrids empfangen. Argentinien, Chile, Brasilien und Mexiko weigerten sich, die gemeinsame Erklärung der Vereinigten Staaten und Spaniens zu unterzeichnen.
Ecuadors Präsident verhielt sich neutral
Mit der Regierung Zapatero verbesserte sich das Verhältnis zwischen Spanien und Venezuela. Der Handel nahm zu, Venezuela bestellte bei spanischen Firmen Fregatten für seine Marine und Transportflugzeuge.
Chávez wurde bei der Konferenz in Santiago nur vom bolivianischen Präsidenten Evo Morales und von Ortega unterstützt. Der als linker Populist geltende ecuadorianische Präsident Rafael Correa verhielt sich neutral.
Empört über die Geltungssucht des Venezolaners
Linksgerichtete Staats- und Regierungschefs wie Lula aus Brasilien, Frau Bachelet aus Chile und der Sozialdemokrat Alán García aus Peru zeigten sich über die Geltungssucht des Venezolaners empört.
Die Chilenen hatte Chávez schon verärgert, als er gleich bei seiner Ankunft den Zugang zum Meer für Bolivien verlangte, was in der Praxis bedeutete, dass Chile Bolivien einen Korridor durch das eigene Territorium, nach Möglichkeit in der früher bolivianischen Region Antofagasta, gewähren solle.
Verbilligtes Erdöl gern akzeptiert
Außerdem hielt Chávez eine stundenlange Rede bei dem von linken Gruppen organisierten alternativen Gipfel. Während seiner Gespräche mit Journalisten rief Chávez über Mobiltelefon mehrmals den kubanischen Präsidenten Fidel Castro an, der wegen seiner schweren Erkrankung nicht nach Santiago kommen konnte und vom stellvertretenden Ministerpräsidenten Carlos Lage vertreten wurde. Über den Inhalt seiner Gespräche mit Castro wollte Chávez nichts sagen.
In Santiago de Chile zeigte es sich, dass Chávez außer dem Populisten Morales aus Bolivien und dem Alt-Sandinisten Ortega aus Nicaragua keine Verbündeten unter den 19 spanisch- oder portugiesischsprachigen Präsidenten Iberoamerikas findet, wenn auch sein verbilligtes Erdöl von manchen Ländern gern akzeptiert wird.
Auch einige konkrete Maßnahmen beschlossen
Der spanische Außenminister Moratinos sagte, der Zwischenfall in Santiago werde keine länger andauernden Folgen für das spanisch-venezolanische Verhältnis haben. Der ehemalige Ministerpräsident Aznar bedankte sich bei König Juan Carlos I. und beim Ministerpräsidenten Zapatero dafür, dass diese ihn gegen die Vorwürfe Chávez' verteidigt haben. Der spanische Oppositionsführer Rajoy sagte, die verfehlte Außenpolitik Zapateros sei Schuld an solchen Zwischenfällen.
Einige konkrete Maßnahmen wurden in Santiago auch noch beschlossen. So wird in Zukunft die Sozialversicherung allen Immigranten in den iberoamerikanischen Ländern zugute kommen. Spanien stellt außerdem eine Milliarde Euro für die Trinkwasserversorgung in den Ländern Iberoamerikas zur Verfügung.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP