Von Petra Kolonko, Chengdu
07. April 2008 Das tibetische Viertel von Chengdu steht rund um die Uhr unter Polizeibewachung. Ein Mannschaftswagen und mehrere Einsatzfahrzeuge patrouillieren in der Tibet-Straße der Provinzhauptstadt und haben ein wachsames Auge auf rotgewandete Mönche, tibetische Reisende und ein paar Touristen, die hier unterwegs sind. In den kleinen, meist von Tibetern betriebenen Läden des Viertels gibt es die roten und gelben Mönchskutten zu kaufen, goldene Buddha-Figuren, bunte Tempel-Ornamente und tibetische Schriften. Der Mönch aus Kardze, einem tibetischen Kreis in der Bergregion von Sichuan, der sich in einem der vielen kleinen Läden goldene Figuren für sein Kloster aussucht, schaut vorsichtig in Richtung Polizeiwagen, bevor er von der Lage in seiner Heimat berichtet.
Vor drei Tagen hat die Polizei am Kloster Tongkor, das hinter einem Bergzug noch 60 Kilometer hinter dem Ort Kardze (chinesisch: Ganzi) liegt, das Feuer auf Demonstranten eröffnet. Vier Menschen seien getötet, 70 verletzt worden. Genaues über den Hergang kann er nicht sagen. Viele Tibeter seien verhaftet worden, und die Lage sei gespannt. Ich kann nicht alles erzählen, dann bekommen wir Schwierigkeiten, sagt er. Und dann setzt er doch nach: Haben Sie die Berichte über Tibet im chinesischen Fernsehen gesehen?, fragt er. Alles Lügen!
Warten auf die Rückkehr des Dalai Lama
Nach den offiziellen chinesischen Berichten haben am vergangenen Donnerstag in Kardze chinesische Sicherheitskräfte in Notwehr auf einen Mob Warnschüsse abgegeben. Aufrührer hätten den Sitz der Kreisverwaltung angegriffen. Ein Funktionär sei schwer verletzt worden. Von Toten und verletzten Tibetern war da nicht die Rede. Die International Campaign for Tibet in London will dagegen sogar von 20 Toten erfahren haben.
Die Beziehungen zwischen den tibetischen Viehzüchtern auf der Hochebene von Sichuan und den chinesischen Herrschern haben sich in den vergangenen Jahren verschlechtert, sagt der Mönch aus Kardze. Die Mönche und die einfachen Leute in den tibetischen Regionen von Sichuan warten darauf, dass der Dalai Lama zurückkommt. Und viele hatten Hoffnung geschöpft, als sich vor einigen Jahren herumsprach, dass Verhandlungen zwischen den Abgesandten des Dalai Lamas und der chinesischen Regierung aufgenommen wurden.
Immer neue Regeln
Doch in den vergangenen Jahren sei klargeworden, dass die chinesische Regierung überhaupt keine Zugeständnisse machen wollte. Die Tibeter haben gehört, dass der Dalai Lama im vorigen Jahr die chinesische Regierung gebeten hat, eine Pilgerreise zu einem Kloster im chinesischen Kernland machen zu dürfen. Doch die chinesische Regierung habe selbst das nicht gestattet. Die einfachen Leute bei uns sind sehr enttäuscht und traurig.
Die Aktivitäten der Klöster und Mönche werden durch immer neue Regeln kontrolliert, sagt der Mönch aus Kardze. Traditionell sei es in der Region üblich gewesen, dass Jungen mit acht bis zehn Jahren in die Klöster gehen und dort unterrichtet werden. Im vergangenen Jahr hat die chinesische Regierung festgelegt, dass nur Personen, die älter als 18 Jahre sind, in die Klöster gehen dürfen. Das sei eine Maßnahme, um die Entwicklung der Klöster zu beschränken.
Wir wollen bei China bleiben
Wir wollen keine Unabhängigkeit für Tibet, beteuert der Mönch, wir wollen bei China bleiben. Wir wollen so etwas wie die Menschen in Hongkong haben. Wie nennen die Chinesen das noch? Ein Land, zwei Systeme. Doch jetzt sei die Lage so schwierig, und man könne wirklich nicht wissen, wie alles weitergeht. Alle Tibeter, egal welcher Sekte des lamaistischen Buddhismus sie anhängen, wollten aber, dass der Dalai Lama zurückkommt.
Chengdu, die Hauptstadt der südwestchinesischen Provinz Sichuan, ist Chinas Tor zu Tibet. Bevor die Qinghai-Tibet-Eisenbahn gebaut wurde, rollten alle Güter für Tibet von Chengdu aus auf dem Landweg nach Lhasa. Auch jetzt noch gibt es viel Frachtverkehr zwischen beiden Städten. Drei bis vier Tage dauert es, um von hier aus Tibet zu erreichen. Von Chengdu aus starten auch die innerchinesischen Flüge nach Lhasa, selbst wer von Peking aus nach Tibet fliegt, muss in Chengdu umsteigen.
Seit den Unruhen ist Tibet noch immer für Touristen und Journalisten geschlossen. Ausländer dürfen gar nicht nach Tibet und wir empfehlen auch einheimischen Touristen, nicht dorthin zu fahren, heißt es in den Reisebüros in Chengdu. Es sei nicht sicher, lautet die vage Begründung. Man solle im Mai wiederkommen, dann will die chinesische Regierung Tibet angeblich wieder für Touristen öffnen.
In Chengdu leben Tausende Tibeter. Viele chinesische Behörden in Tibet kaufen ihren Angestellten Wohnungen in Chengdu. Als Prämie für die Arbeit in Tibet können sich die Staatsangestellten in Sichuan niederlassen, wenn sie pensioniert werden. Auch Tibeter, die zu Geld gekommen sind, kaufen sich Wohnungen hier, um einen Wohnsitz im Tiefland zu haben, wo die Luft dicker und das Klima gesünder ist. Tibeter, die wollen, dass ihre Kinder die Aufnahmeprüfung für die Universität schaffen, um eine gute Stellung in der chinesischen Verwaltung oder in chinesischen Betrieben zu bekommen, schicken ihre Kinder in Sichuan auf die Schule, damit sie gut Chinesisch lernen.
Aus der dichtbesiedelten Provinz Sichuan mit ihren mehr als 70 Millionen Einwohnern kommen auch die meisten der han-chinesischen Zuwanderer, die in Tibet arbeiten. Auf der Suche nach Arbeit gehen sie nach Tibet. Sie verdingen sich auf dem Dach der Welt als Taxifahrer, treiben Kleinhandel oder sind im Tourismus tätig. Junge Frauen aus Sichuan arbeiten in tibetischen Städten als Friseurinnen und in Restaurants.
Die Provinz Sichuan ist auch die Heimat der größten Tibeter-Gruppe außerhalb der jetzigen Autonomen Region Tibet. Etwa zwei Millionen Tibeter leben in der Provinz Sichuan. Die heutigen tibetischen Gebiete auf der Hochebene und in den hohen Bergen Sichuans unterstanden früher Tibet. Nachdem die chinesischen Truppen in Tibet einmarschiert waren, wurde ein Teil tibetischen Gebietes anderen Provinzen Chinas zugeschlagen. Dazu gehören auch die Präfekturen Aba und Kardze, in denen es in den vergangenen Wochen zu Protesten kam, die gewaltsam niedergeschlagen wurden.
Ein genaues Bild ist nicht möglich
In Aba, das man in Sichuan Klein-Tibet nennt, begannen die Proteste am 16. März. Nach Darstellungen der Exil-Tibeter wurden 18 Tibeter getötet, als die Polizei das Feuer auf eine Demonstration eröffnete. Die Demonstranten trugen nach Angaben der Exil-Tibeter Bilder des Dalai Lama. Die offizielle Darstellung lautet, dass die Polizei sich in Notwehr gegen eine aggressive Menge verteidigen musste.
Die Tibeter in Chengdu erfahren vor allem über Mobiltelefone von den Ereignissen in ihren Heimatregionen. Doch viele sagen, dass es noch immer nicht möglich sei, sich ein genaues Bild zu machen. Eine Ladenbesitzerin in der Tibet-Straße, die aus Lhasa stammt, erzählt, dass viele Geschäfte in Lhasa noch immer geschlossen seien. Aus der Nachbarfamilie in Lhasa seien zwei Männer verschwunden, die Nachbarn nähmen an, dass sie festgenommen wurden. Es seien sehr viele Tibeter verhaftet worden.
Die chinesische Darstellung, nach der der Dalai Lama die Unruhen organisiert hat, glaubt sie nicht. Warum sollte so ein guter Lama Gewaltakte organisieren? Wir kennen die Hintergründe nicht, sagt sie. Man wisse eben nicht genau, was in Lhasa passiert ist, und der chinesischen Darstellung könne man nicht glauben. Es sind nur wenige Tibeter, die eine Unabhängigkeit Tibets fordern, sagt sie, die meisten wollten nur in Frieden leben. Doch jetzt sei die Lage so gespannt, dass man nicht wisse, wie es weitergehen werde.
Tibeter wehren sich gegen Repressalien
Tibeter und Chinesen in Chengdu berichten von großen Truppentransporten nach Tibet und in die tibetischen Regionen Sichuans. Die chinesische Regierung will mit großer Militärpräsenz offenbar sichergehen, dass sich die Proteste nicht doch noch zu einem Flächenbrand ausweiten. Und doch flammen sie, wie jetzt in Kardze, immer wieder auf, weil die Tibeter sich gegen Verhaftungen und neuerliche Repressalien wie die Patriotischen Erziehungskampagnen in den Klöstern wehren.
Die Tibeter auf der Hochebene von Sichuan sind besonders treue Anhänger des Dalai Lama, erzählt ein chinesischer Student aus Chengdu, der öfter nach Aba fährt. Die Nomaden dort seien in den letzten Jahren wohlhabender geworden, sie seien sehr gläubig und spendeten ihr ganzes Geld für die Tempel und Klöster. Für viele Chinesen sind die Tibeter schwer zu verstehen. Sie seien gar nicht am Konsum interessiert und gäben ihr ganzes Geld nur für die Lamas aus, wundert sich der Student.
Verständnis der Chinesen wächst
Immerhin gibt es jetzt aber auch in der chinesischen Bevölkerung Stimmen, die ein gewisses Verständnis für das Anliegen der Tibeter äußern. Eine Unabhängigkeit will ihnen zwar niemand zugestehen. Doch sagen einige in Chengdu, man sollte den Tibetern mehr Autonomie gewähren. Immer mehr Chinesen haben jetzt die tibetischen Regionen als Touristen besucht und bringen mehr Verständnis für die tiefe Religiosität der Tibeter auf.
In der Zehn-Millionen-Metropole Chengdu blieb bislang alles ruhig. Nur in der Universität hat es eine kleinere Demonstration von tibetischen Studenten gegeben. Die wurde aber sofort von der Polizei aufgelöst, berichtet der Mönch aus Kardze. Die chinesische Regierung lässt jetzt nicht einmal mehr die kleinste Aktion der Tibeter durchgehen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, F.A.Z.
