Vor zehn Jahren

Das Verbrechen von Srebrenica

Von Edith Kohn

11. Juli 2005 Als sie hören, man müsse sich als Bewohner Srebrenicas an Sammelstellen einfinden, beschließen die Männer zu fliehen. Sich jedenfalls nicht kampflos zu ergeben wie Schafe. Am Abend des 11. und Morgen des 12. Juli 1995 brechen sie zu Hunderten, Tausenden auf in die Wälder, eine gewaltige Kolonne. Männer mit Gewehren und ohne, alte wie junge. Nachts lagern sie notdürftig unter Bäumen, ohne genügend Proviant oder Wasser. Bloß durchkommen bis Tuzla, in den sicheren Teil Bosniens. Es soll nicht gelingen.

Am 11. Juli beginnen "vereinzelte Erschießungen", wie es später im Bericht des Generalsekretärs der Vereinten Nationen an die Vollversammlung heißen wird. Dabei bleibt es nicht.

„Kommt raus, beeilt euch!“

Zwei Tage später, gegen zwei Uhr nachmittags, filmt ein serbisches Fernsehteam, wie serbische Soldaten, selbstsicher wie Herrenmenschen, Männern auf einem bewaldeten Hügel zurufen: "Kommt raus, beeilt euch!" Einige der Soldaten tragen zur Täuschung UN-Jacken. Etliche derer, die schließlich aus dem Wald hervorkommen, können nicht mehr vor Erschöpfung. Es sind bleiche, bärtige, übermüdete Gestalten, einige müssen getragen werden. "Hatten Sie Angst?" hört man aus dem Off eine Stimme fragen, der da spricht, bemerkt den Zynismus seiner Frage nicht. "Wer hätte nicht Angst", wirft ihm einer der vorbeihastenden Muslime zu. Schüsse aus einer automatischen Waffe sind zu hören.

Diese Filmsequenz ist ein Beweisstück im Prozeß gegen den ehemaligen General Radislav Krstic beim Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag. Angeklagt ist Krstic unter anderem wegen Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Nach 98 Verhandlungstagen lautet das Urteil 2001 zunächst 46 Jahre Haft. Nach der Berufung bleiben 35 Jahre. Der operative Chef der serbischen Truppen in Bosnien, Ratko Mladic, ist bis heute nicht gefaßt.

Serben in den Begleitfahrzeugen der UN

Als Srebrenica am 11. Juli in die Hände der serbischen und serbisch-bosnischen Truppen fällt, geschieht dies unter den Augen von UN-Soldaten, die eigentlich das Schlimmste verhindern sollen. Die UN-Soldaten vom "Dutchbat III" sind als "Peacekeeper" nur leicht bewaffnet. Doch einige von ihnen trinken auch Sekt mit den bosnisch-serbischen Generälen.

Wohl ahnen die UN-Soldaten, daß etwas vor sich geht. Sie versuchen auch, mit jeweils einem Fahrzeug der UN, die Busse zu eskortieren, mit denen die Muslime abtransportiert werden. Doch am Ende sitzen in UN-Begleitfahrzeugen auf einmal Serben. Der Kommandeur der "Dutchbat III", Thomas Karremans, tritt später nicht persönlich als Zeuge in Den Haag auf. Seine Aussage wird nur per Video eingespielt.

Dokumentiert wie ein Familienfest

Auch die Täter nutzen Videokameras. Kaum ein moderner Krieg ist so ausführlich mit Fernseh- und Videoaufnahmen dokumentiert wie der in Bosnien-Hercegovina. Tausende Stunden Videobänder lagern allein in Den Haag. Die Aufnahmen zeigen nicht nur Verbrechen, sondern auch Harmlosigkeiten.

Doch 50 bis 60 Stunden des Materials sind bislang in zwei Prozessen als Beweismaterial verwendet worden: Beweise, so selbstverständlich aufgezeichnet, als würde ein Grillfest fürs Familienalbum dokumentiert. Dennoch ist man sich der Bedeutung des Geschehens bewußt - deshalb wird es ja festgehalten.

„Die Tasche brauchst du nicht mehr“

Im Prozeß gegen Radislav Krstic sagt Zeuge "P" aus, seine Identität bleibt geschützt. Ein bosnischer Muslim, 40 Jahre alt. Auch er war in die Wälder aufgebrochen und in die Hände serbischer Soldaten gefallen. Aus seiner Aussage über den 12. und 13. Juli 1995: "Ich denke, es war um fünf Uhr am Nachmittag. Als wir das Fußballfeld verließen und auf Lkw kletterten, hörte ich, wie serbische Soldaten zu einem von uns, der seine Tasche mitnehmen wollte, sagten: ,Die Tasche brauchst du nicht mehr.' (...) Wir verbrachten die ganze Nacht auf den Lkw, und wir konnten Schreie hören, Seufzen, Hilferufe. Und wieder Schreie. Leute riefen: ,Bitte, schlagt mich nicht. Tötet mich nicht. Schlachtet mich nicht.' (...) Wir konnten es nicht mehr aushalten. Ich weiß, daß fünf Männer von meinem Lkw weggebracht worden waren in dieser Nacht. Ich habe nicht gesehen, daß sie an Ort und Stelle getötet wurden, aber sie kamen nicht mehr zum Lkw zurück."

Barfuß im Blut

Später wird "P" mit anderen Gefangenen in einer leerstehenden Schule untergebracht: "Als wir das Klassenzimmer betraten, sah ich, daß es es eine Schule war, linker Hand war eine Tafel und auf dem Boden Kunststofffliesen, die noch Glanz hatten. (...) Die Fenster konnte man nicht öffnen. Die ganze Zeit über standen zwei Soldaten an der Tür, und sie sagten, wir dürften die Fenster nicht öffnen. Daß wir da sitzen sollen, daß wir Wasser und Essen bekämen. Es ging so weiter, bis der Raum voll war mit Menschen. Dann begannen andere Soldaten, nach Geld zu fragen. Sie gaben uns fünfzehn oder zwanzig Minuten, andernfalls würden wir getötet, wenn wir nicht eine gewisse Summe Geldes aufbrächten. Ich weiß nicht mehr, wieviel sie wollten. (...)

Plötzlich sah ich, daß nur noch ein paar Männer im Klassenzimmer übrig waren, fünfzehn oder zwanzig. Und ich konnte Blut auf den Fliesen ausmachen und Wasser oder eher Urin. Und dann sah ich Munib Admovic, der aufzustehen versuchte, und ich fragte ihn: ,Was ist passiert?' Und er konnte mir keine Antwort geben. Auf einmal kamen zwei Soldaten von draußen herein und gaben den Befehl: ,Die nächsten vier jetzt!' Und ich sah, daß ich aufstehen mußte.

Als wir den Korridor vor dem Klassenraum erreichten, nah am Geländer, waren da vier oder fünf serbische Soldaten in Uniform, die uns aufforderten, uns auszuziehen. Ich sah einen großen Stapel Kleider und Schuhe und Dokumente, Ausweise, medizinische Ausweise, Führerscheine und solche Sachen. Ich zog meine Schuhe aus, meine Socken. Ich hatte nur noch meine Weste an, und so ließen sie mich gehen. Sie hatten uns die Hosentaschen umdrehen lassen, jedes noch so kleine Papierchen, um sicherzugehen, daß nichts zurückblieb. Und als ich den Korridor hinuntersah, konnte ich fühlen, daß unter meinen bloßen Füßen Blut war."

Männer zwischen 17 und 70 Jahren

Im Bericht des UN-Generalsekretärs heißt es, auf der Grundlage von Zeugenaussagen sei klar, daß allein in einem Hangar bei Bratunac "etwa fünfzig Männer getötet worden" seien. Das Erschießen Hunderter unbewaffneter Jungen und Männer ging vom 13. Juli bis zum 17. Juli weiter. Bei Orahovac, am "Damm" bei Petkovici, auf dem Bauernhof Branjevo, am Pilica-Kulturzentrum und in Kozluk. Einer der Zeugen, den der Bericht erwähnt, erinnerte sich an insgesamt 15 bis 20 Busse, die angekommen seien, beladen mit Männern im Alter zwischen 17 und 70 Jahren.

Zu Hunderten werden sie erschossen und in Gräbern verscharrt. Zu diesen Leichen wird später vor Gericht in Den Haag auch der sachverständige Pathologe Clark befragt, Massengrab für Massengrab. Aus seiner Befragung:

"Frage: Herr Sachverständiger, wie viele Körper oder Körperteile wurden an dieser einen Stelle gefunden oder sichergestellt?

Antwort: Fünfundfünfzig Körper und zwei kleine Körperteile.

Frage: Dr. Clark, was für eine Art Leute war das?

Antwort: Es waren Leute, wie zuvor, mit großen Altersunterschieden. Ihr Alter reicht etwa von 13 bis möglicherweise 85 Jahren oder sogar älter. Soweit wir das sagen können, waren alle männlich. (...)

Frage: Was war die Todesursache der meisten Opfer an diesem Fundort?

Antwort: Wie an anderer Stelle starb die Mehrheit dieser Menschen an Schußverletzungen."

Über die Leichen an einer Fundstelle mit 12 Leichen bei Konjevic Polje berichtet Clark: "Wir hatten hier ein weibliches Opfer." Tödliche Wunden konnten die Sachverständigen aber nicht an ihr finden.

"Frage: Ist es möglich, daß sie lebend und verletzt im Grab plaziert worden ist und erstickte?

Antwort: Ja, das ist absolut möglich."

4454 Ermordete

Über ein anderes Grab, bei Glogova, faßt der Pathologe zusammen: "Es war ein großer komplexer Fundort, der 24 unterschiedliche Gräber umfaßte, davon wurden 25 Leichen 1999 exhumiert. Insgesamt wurden 90 Körper gefunden und 154 Körperteile. Alle Opfer waren männlich, und viele von ihnen waren jung. Die meisten erlitten ein oder zwei Schüsse meistens in den Rumpf und dann gewöhnlich in den Kopf."

Viele der Leichen waren zunächst verscharrt, später ausgegraben und dann an einem anderen Ort abermals vergraben worden. Um Spuren zu verwischen. Über die bereits exhumierten Körper hinaus geht man davon aus, daß 2571 Leichen begraben sind, die lokalisiert, aber noch nicht untersucht werden konnten. Insgesamt sind danach 4454 Menschen ermordet worden. Davon waren 1656 Opfer männlich und eines eindeutig weiblich, 212 Überreste konnten geschlechtlich nicht zugeordnet werden. Die Todesursachen: 1424 Erschossene, 169 wahrscheinlich durch Erschießen, 5 Opfer von Schrapnellverletzungen, 4 Opfer anderer Ursachen, etwa Ersticken. Bei 1374 Opfern ließ sich die Todesursache nicht mehr feststellen.

In den Massengräbern von Bosnien, die unter dem Begriff Srebrenica rangieren, fanden Fachleute 270 Augenbinden und 407 Fesseln. Davon 314 noch an Handgelenken.

Die Verfasserin lebt als freie Autorin in Frankfurt



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.07.2005, Nr. 27 / Seite 13
Bildmaterial: dpa, REUTERS

 
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