05. Januar 2006 Kaum hat Frankreich den Notstand aufgehoben, ist die Debatte über die öffentliche Sicherheit mit der sogenannten Vandalenzug-Affäre neu entbrannt. Randalierende Jugendbanden aus den Vorstädten Marseilles terrorisierten am Neujahrsmorgen 600 Bahnreisende auf ihrer Fahrt in einem Regionalzug von Nizza nach Lyon. Wie die staatliche Bahngesellschaft SNCF erst nach mehreren Tagen bestätigte, hatten die annähernd 100 jungen Männer den Zug nach dem Bahnhof Saint Raphael in ihre Gewalt gebracht und Fahrgäste unter Gewaltandrohung ihrer Wertsachen beraubt, mehrere junge Frauen sexuell belästigt sowie ein Dutzend Bahnabteile schwer beschädigt.
Ein Großteil der Randalierer konnte bei einem durch Auslösen der Notbremsen kurz vor Marseille eingelegten Halt unerkannt entkommen. Die zur Hilfe gerufenen Polizeikräfte nahmen lediglich sechs mutmaßliche Täter fest, von denen sich noch zwei in Polizeigewahrsam befinden. Angesichts der öffentlichen Empörung über den Bahnvandalismus sah sich Innenminister Sarkozy gezwungen, am Mittwoch abend in einem Fernsehgespräch zu reagieren und Verbesserungen bei der Zugsicherheit anzukündigen.
Sarkozy verspricht null Toleranz
Eine nationale Bahnpolizei mit 1000 bis 1500 Beamten soll künftig die Reisenden in Regionalzügen vor Gewaltübergriffen schützen. Sarkozy sagte, die Bahnpolizei solle noch in diesem Jahr einsatzbereit sein. Er versprach null Toleranz gegenüber jugendlichen Straftätern, kritisierte aber zugleich die Rechtslage, die gegenüber minderjährigen Straftätern eine unerträgliche Nachsichtigkeit walten lasse. Der Innenminister lud am Donnerstag Opfer der Jugendbanden in sein Ministerium ein und versprach, die Vorgänge schonungslos aufklären zu lassen.
Sarkozy versuchte mit seinem Fernsehauftritt auch, von dem offensichtlichen Versagen der Polizei- und SNCF-Sicherheitskräfte abzulenken, die aufgrund von Absprachefehlern die Passagiere des Regionalzugs ihrem Schicksal überlassen hatten, obwohl die Polizei in Nizza vor der Anwesenheit von alkoholisierten jugendlichen Randalierern gewarnt hatte.
Wie erst am Donnerstag bekannt wurde, waren die jungen Männer aus den Sozialbausiedlungen vor den Toren Marseilles schon am Silvestertag den Sicherheitskräften aufgefallen, als sie am Bahnhof von Nizza ankamen. Mehrere Bahnsitze waren mit Messern aufgeschlitzt worden; ein Reisender erstattete Klage wegen Diebstahls. Die Polizei in Nizza kontrollierte die Ausweispapiere von 70 der jungen Unruhestifter. 22 von ihnen wurden in Polizeigewahrsam genommen, aber wieder auf freien Fuß gesetzt. Am Neujahrsmorgen begleitete zwar ein Polizeiaufgebot die Abfahrt des Zuges aus Nizza, aber eine Dreiviertelstunde später, in Saint-Raphael, verließen die Sicherheitsbeamten die Regionalbahn.
Kritik am niedrigen Preis
Die meisten Reisenden waren offensichtlich so eingeschüchtert, daß sie keine Strafanzeige erstatteten. Die Polizeileitung kritisierte die Werbeaktion der Staatsbahn, welche mit Fahrkarten zum Spottpreis von 1,20 Euro zum Jahreswechsel die Unruhestifter geradezu angelockt habe. Es ist löblich, einer sozial benachteiligten Jugend das Reisen zu ermöglichen, aber dann muß die Reise auch entsprechend begleitet werden, sagte der zuständige Präfekt des Departements Alpes Maritimes.
Die inakzeptable Gewalt an Bord des Zuges hat auch Präsident Chirac kritisiert, was aber mehr als eine Spitze gegen seinen Innenminister verstanden wurde. Auf die zunehmende Gewalt an öffentlichen Orten hat die rechtsbürgerliche Regierung bislang keine andere Antwort als die Verstärkung der Polizeikräfte gefunden. Erst vor kurzem schlug Bildungsminister Gilles de Robien die Schaffung von Polizeiwachen in besonders schwierigen öffentlichen Schulen vor. Eine Polizeidienststelle in der Schule solle das Sicherheitsgefühl der Lehrkräfte stärken und gewaltbereite Schüler abschrecken. Mit seinem Vorstoß reagierte der Bildungsminister auf die schweren Verletzungen, die einer Kunstlehrerin von einem Schüler an einer Berufsschule in dem Pariser Vorort Etampes zugefügt worden waren. Die Lehrerin, die noch immer in ärztlicher Behandlung ist, will Klage gegen die zuständige Schulaufsicht einreichen, weil diese den Schutz der Lehrkräfte vor gewalttätigen Übergriffen vernachlässigt habe.
Die wichtigsten Lehrergewerkschaften lehnten den Vorschlag des Bildungsministers jedoch ab. Es sei wichtiger, das Aufsichtspersonal an den Schulen zu verstärken sowie Übergriffe von Schülern entschieden zu ahnden. Aus Angst um den Ruf ihrer Schule verschwiegen oder banalisierten Schulleiter nach Angaben der Lehrergewerkschaft Gewalttaten. Das führe unter den Schülern zu dem Eindruck der Straflosigkeit.
Text: F.A.Z., 06.01.2006, Nr. 5 / Seite 5
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