Von Eckart Lohse
22. März 2008 Berlin. Am 26. Februar durchpflügt ein dänischer Kampfpanzer vom Typ Leopard 2 den Boden Afghanistans. Er fährt abseits der Straßen und Wege - Normalbetrieb für ein solches Fahrzeug. Plötzlich übertönt ein ohrenbetäubender Knall das Brüllen des Zwölf-Zylinder-Motors, der das 55-Tonnen-Gefährt antreibt. Die Dänen sind von einer Sprengladung getroffen worden, wissen bis heute nicht genau, ob es eine ferngezündete Ladung oder eine Mine war. Eine Kette des Fahrzeugs wird zerfetzt. Verletzt wird niemand. Der Panzer ist noch so manövrierfähig, dass er aus eigener Kraft zurück ins Lager kommt und repariert werden kann. Um die Kette eines Leopard 2 zu zerstören, ist eine große Sprengladung erforderlich. In der dänischen Armee hat man anschließend nur lobende Worte für das Fahrzeug des deutschen Rüstungsherstellers Krauss-Maffei Wegmann (KMW) übrig: Eine phantastische Waffe.
Der Leopard ist überall gerne gesehen
Knapp zwei Wochen später spricht Bundeskanzlerin Angela Merkel vor der Crème de la Crème deutscher Offiziere über Kampfpanzer. Vor der Kommandeurtagung der Bundeswehr sagt sie am Montag, wenn Deutschland ein international geachteter Partner sein wolle, müsse es bereit sein, seine Soldaten gut ausgerüstet in die Welt zu schicken, damit nicht andere von oben auf uns herabschauen. Was die technischen Fähigkeiten angeht, die Deutschland zu bieten hat, macht sich die Kanzlerin keine Sorgen. Sie erlebe, dass man auf manches, was wir haben, ganz scharf ist in der Welt. So erfreuten sich unsere schönen Fregatten größter Beliebtheit beim Libanon-Einsatz, auch die schönen Tornados erwähnt Frau Merkel, die gleich darauf mit ihren mangelnden militärischen Kenntnissen kokettiert. Und weiter spricht die Kanzlerin: Der Leopard ist auch überall gerne gesehen.
Womit wir wieder bei den Dänen wären. Und bei den Kanadiern. Die haben nämlich auch Leopard-2-Panzer im Süden Afghanistans im Einsatz. So verärgert die Kanadier darüber sind, dass die Bundeswehr nicht ihre Soldaten zum Kämpfen in den Süden des Landes am Hindukusch schickt, so dankbar sind sie dafür, dass sie wenigstens Schutz und Kampfkraft aus deutschen Landen in Form des Leopard 2 bekommen. Hundert gebrauchte Exemplare haben sie von den Niederländern gekauft, zwanzig von der Bundeswehr gemietet.
Der Inbegriff des mililtärischen Kampffahrzeugs
Anfang November gerieten kanadische Soldaten im Süden Afghanistans in eine Sprengfalle mit, wie es später hieß, extrem großer Sprengkraft. Alle vier Insassen des Leopard 2 überlebten weitgehend unverletzt, lediglich der Fahrer hatte sich die Hüfte gebrochen, weil er seine Sitzgurte nicht korrekt angelegt hatte. Der Kommandant des Fahrzeugs schickte den Deutschen anschließend ein humorvolles Dankesschreiben dafür, dass der Panzer das Leben der vier Insassen gerettet habe. Diese würden somit in die Geschichte eingehen als die erste Besatzung, die das neue Schutzpaket des Leopard A26M getestet habe. Der Panzerführer entschuldigte sich für ein bisschen mehr Arbeit auf Ihrem Schreibtisch, den der Vorfall mit dem gemieteten Panzer verursachen werde.
Und die Deutschen? 2006 befahl Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU), wegen der schlechten Sicherheitslage dürften die Bundeswehrsoldaten nur noch in gepanzerten Fahrzeugen ihre Patrouillenfahrten antreten. Gemeint waren aber nur Geländewagen und Mannschaftstransporter. An einen Einsatz des Stolzes der deutschen Wehrindustrie, des Leopard 2, oder vergleichbarer schwerer Fahrzeuge denkt niemand in Berlin. Die verzweifelten Versuche der Regierung, das Wort Kampfeinsatz zu unterdrücken für das, was Tausende Bundeswehrsoldaten am Hindukusch leisten, wäre endgültig zum Scheitern verurteilt, wenn man mit dem Leopard 2 den Inbegriff des militärischen Kampffahrzeugs nach Afghanistan schickte - und sei es nur zum Schutz der Soldaten und für eine robustere Wirkung des eigenen Auftritts.
Ein hochwertiges Ziel
Es kommt aber ein Zweites hinzu. Zwar gibt es bislang erst einige wenige Fälle, in denen die in Afghanistan eingesetzten Leoparden der Kanadier und der Dänen zum Ziel von Sprengstoffangriffen wurden. Doch wächst in der militärischen Führung in Deutschland die Überzeugung, dass die Angriffe afghanischer Aufständischer auf die weltweit mit einem hervorragenden Ruf ausgestatteten Leopard-2-Panzer System haben. Hohe Bundeswehroffiziere sagen mittlerweile, sie würden das Gefühl nicht los, die Taliban wollten zeigen, dass sie auch einen Leopard 2 in die Luft sprengen könnten. Zwar sind bisher sämtliche Zwischenfälle glimpflich ausgegangen. Doch ist allen Beteiligten klar, dass es gelingen kann, schlicht durch extreme Mengen von Sprengstoff eines Tages auch einen solchen Panzer zu zerstören.
Winfried Nachtwei, sicherheitspolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion im Bundestag und regelmäßiger Besucher der Einsatzgebiete Afghanistans, hält die Einschätzung der Militärs für naheliegend. Es gehe den Taliban um sogenannte High value targets, also um hochwertige Ziele, deren Zerstörung die am Hindukusch engagierte internationale Staatengemeinschaft vor allem wegen der Symbolwirkung besonders empfindlich treffe. Ein Leopard 2 wäre nach Nachtweis Meinung ganz oben auf der Liste solcher Ziele. In Sicherheitskreisen will man einen solchen Trend zwar nicht erkennen. Allerdings zweifelt auch dort niemand daran, dass afghanische Angreifer eine besondere Erfolgsmeldung daraus machen würden, sollten sie ein Ziel wie einen Leopard-2-Panzer ausschalten.
Krieg der Bilder
Aufmerksam wird in Berlin registriert, wie schnell sich die Widersacher der internationalen Truppe in Afghanistan mit ihren einfachen Mitteln neuen Situationen anpassen. Als die Angreifer sich angewöhnt hatten, ihre Sprengsätze aus großer Entfernung mit Hilfe von Handys fernzuzünden, setzte die internationale Truppe Geräte zur Störung solcher Funkverbindungen ein, um Angriffe zu verhindern. Daraufhin stiegen die Angreifer wieder auf alte Drahtzünder um und unterliefen so die Störversuche.
Politische wie militärische Führung in Deutschland weiß, dass Afghanistan ein Krieg der Bilder ist. Der Widerstand gegen die Entsendung von schwerem Kriegsgerät wie dem Leopard 2 oder von Panzerhaubitzen hat auch mit der Angst vor deren Zerstörung zu tun. Diese würde einer am Afghanistan-Einsatz ohnehin längst mehrheitlich zweifelnden deutschen Bevölkerung postwendend im Internet vorgeführt. Besichtigen lassen sich solche Methoden am Beispiel der Sprengung amerikanischer Panzer im Irak. So schnell sind die Bilder im Internet zu sehen, dass die Einheiten der betroffenen Soldaten Mühe haben, die Angehörigen vorher zu informieren. Das alles ist nicht nur ein Problem für die Regierungen, die ihrer Bevölkerung den Einsatz am Hindukusch erklären müssen, sondern auch höchst motivierend für die afghanischen Kämpfer.
Deren Führung weiß, dass im nächsten Jahr ein neuer Bundestag gewählt wird. Die Vorstellung von publikumswirksamen Attacken auf die eigene oder befreundete Truppen im Wahljahr 2009 sorgt bei dem ein oder anderen in Berlin daher jetzt schon für Sorgenfalten auf der Stirn.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.03.2008, Nr. 11 / Seite 6
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