EU-Lateinamerika-Gipfel

„Vergeben sie mir. Hier ist meine Hand“

Es gibt nur dieses eine Fotomotiv: Merkel und Chavez

Es gibt nur dieses eine Fotomotiv: Merkel und Chavez

17. Mai 2008 Humorlosigkeit kann man dem venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez nicht vorwerfen. Seinen Vortrag über Armutsbekämpfung auf dem EU-Lateinamerika-Gipfel leitete er mit den Worten ein: „Es ist die Stunde des Esels.“ Erst nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „So nennen wir die Stunde nach dem Mittagessen.“ Zu seinem Publikum zählte Bundeskanzlerin Angela Merkel, die den Einstieg mindestens mit einem Schmunzeln gewürdigt haben dürfte.

Kurz zuvor war es im Nationalmuseum der peruanischen Hauptstadt Lima zu einer denkwürdigen Begegnung der beiden gekommen. Beim Familienfoto begrüßten sie sich, wechselten ein paar freundliche Worte, und gingen dann wieder auseinander. Normalerweise ist das die übliche Gipfelroutine. Die Vorgeschichte der letzten Woche machte den Small Talk aber zu einer diplomatischen Geste von höherer Bedeutung. Merkel hatte am vergangenen Wochenende ein Interview gegeben, in dem sie Chavez das Recht absprach, die Interessen anderer lateinamerikanischer Staaten zu vertreten. Der venezolanische Präsident rückte sie darauf hin in die Nähe von Adolf Hitler, und legte später mehrmals nach. Noch kurz vor seinem Abflug nach Lima sprach er ihr jegliche Vernunft ab und ermahnte sie, sich wie eine Staatsfrau zu benehmen.

Chávez will Merkel geküsst haben

Innerhalb von 24 Stunden nahm er eine Kehrtwende um 180 Grad vor. Bei der Begegnung in Lima entschuldigte Chávez sich überraschend für seine Attacken. „Ich habe ihr gesagt: Wenn ich etwas Hartes gesagt habe, vergeben sie mir. Hier ist meine Hand“, beschrieb er die Situation später. Das war aber noch nicht alles. Er habe Merkel zur Begrüßung auch geküsst, fügte Chavez hinzu. „Sie hat mich sogar nach Deutschland eingeladen.“

Von deutscher Seite wurde das Treffen ganz anders beschrieben. Die Entschuldigung des Präsidenten wurde zwar bestätigt, alles andere aber nicht. Statt eines Kusses war von einem Handschlag die Rede. Und auch eine Einladung will Merkel nicht ausgesprochen haben. Chávez habe ihr von seinen vier bisherigen Deutschlandreisen erzählt, berichtete die Kanzlerin. „Darüber hinaus ist das Gespräch nicht gegangen“, sagte sie. „Weitergehende Planungen habe ich im Augenblick nicht.“

Dass die unterschiedlichen Darstellungen eine neue Auseinandersetzung zwischen Merkel und Chávez hervorrufen werden, gilt aber als unwahrscheinlich. Merkel führte beim Gipfeltreffen noch eine Reihe weiterer bilateraler Gespräche, die allesamt länger waren als das mit Chávez. Mit dem bolivianischen Präsidenten Evo Morales, der wegen der Abspaltungstendenzen einer Provinz unter Druck steht, saß sie eine ganze Stunde zusammen.

Gemeinsam gegen Armut

Und dann gab es noch den eigentlichen Gipfel, der die Armutsbekämpfung und den Klimaschutz zu Schwerpunkten der künftigen Zusammenarbeit zwischen beiden Kontinenten erklärte. Die Armutsbekämpfung sei entscheidend für „die Leistungsfähigkeit unser bi-regionalen Partnerschaft“, hieß es in der zum Abschluss des Gipfels veröffentlichten „Erklärung von Lima“. Vertreter aus 27 europäischen und 33 lateinamerikanischen Staaten bekannten sich zu den Zielen, die extreme Armut bis 2015 im Vergleich zur Jahrtausendwende zu halbieren und bis 2009 zu einem Nachfolgeabkommen für das Kyoto-Protokoll zu kommen. Hinsichtlich der umstrittenen Produktion von Biokraftstoffen wurde ein „Erfahrungsaustausch“ zu Technologie, Normen und Vorschriften vereinbart. Merkel sagte, die Kooperation mit Lateinamerika sollte „eine hohe Bedeutung haben in der täglichen Arbeit der Europäischen Union“.

Am Ende zog die Bundeskanzlerin eine positive Bilanz. Das Treffen sei „sehr nützlich und sehr weiterführend“ gewesen.

Text: FAZ.NET mit Matrerial von AP und AFP
Bildmaterial: dpa

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