21. März 2005 Kaktovik ist ein Dorf am Rande der Welt. Ein paar hell gestrichene Holzhäuser, ein paar verwitterte Schuppen aus grauem Sperr- und Treibholz. Dazwischen liegt, großzügig verstreut, der Schrott des modernen Lebens in der Arktis: morsche Holzpaletten, rostige Ölfässer, kaputte Schneemobile, Reste ausgeweideter Wal-Kadaver. 256 Menschen leben in Kaktovik, 88 Prozent davon sind Eskimos.
Die Welt hätte sie vermutlich nie zur Kenntnis genommen, wäre da nicht eine Besonderheit: Kaktovik ist die einzige menschliche Siedlung im Arctic National Wildlife Refuge (ANWR), einem Naturschutzgebiet so groß wie Österreich. Und hier, südlich von Kaktovik, in der Küstenebene von ANWR, soll nun nach einem Beschluß des amerikanischen Senats nach Öl gebohrt werden.
Weitere Ölreserven vermutet
Gut hundert Kilometer westlich von ANWR liegt das größte Ölfeld Nordamerikas - Prudhoe Bay. Seit 1977 wurden dort mehr als zehn Milliarden Faß Öl gefördert - zum Wohl nicht zuletzt des Staates Alaska. Doch nun sinkt die Fördermenge in Prudhoe Bay seit Jahren. So richtete sich der Blick nach Osten - auf ANWR, wo weitere Ölreserven vermutet werden. Bisher blieb das Gebiet unangetastet. Der Kongreß hatte es 1980 nach einer Initiative des damaligen Präsidenten Jimmy Carter unter Schutz gestellt.
Doch das Interesse der Öl-Lobby wuchs mit dem steigenden Ölpreis. Es gilt vor allem der Küstenebene, einem vierzig Kilometer breiten Feuchtgebiet, eingekeilt zwischen der Beaufortsee im Norden und der Gebirgskette der Brooks Range im Süden. Die Tundra ist durchzogen von verzweigten Flußläufen, die sich in unzähligen Windungen von der Brooks Range herab durch die sanft gewellten Hügel ins Meer schlängeln.
Karibus, Schneegänse, Eisbären
Über Tausende von Kilometern ziehen im Frühjahr die 120.000 Karibus der Porcupine-Herde durch Alaska und Nordkanada, um in der Ebene Ende Mai ihre Jungen zur Welt zu bringen. Eisbären überwintern von November an in Schneehöhlen, gebären dort im Dezember oder Januar ihren Nachwuchs und füttern ihn in der Höhle bis März oder April durch. Abermillionen von Vögeln nisten im Sommer in der Küstenebene, bis zu 300.000 Schneegänse ziehen im Herbst hierher, um ihre Fett- und Energiereserven für den langen Weg in den Süden anzulegen.
Und nicht zuletzt leben auch die Eskimos in Kaktovik größtenteils von Jagd und Fischerei - von Walen und Walrossen, Karibus und Moschusochsen, Seehunden und Dallschafen. Würden hier Straßen, Gebäude, Pipelines und Bohrplattformen gebaut, so befürchten Fachleute, würde das sensible Ökosystem zerstört. Bohrbefürworter bestreiten das. Sie verweisen auf die technischen Fortschritte bei der Ölförderung, die eine umweltverträgliche, schonende Erschließung von ANWR ermöglichten.
Gesetzgeberischer Trick der Republikaner
Knapp dreißig Kilometer südöstlich von Kaktovik hat die Zukunft von ANWR schon begonnen. Im Winter 1984/1985 nahmen Chevron und British Petroleum hier die bisher einzige Testbohrung im Schutzgebiet vor. Die Ergebnisse sind bis heute geheim geblieben. Eine aktuelle Studie des US Geological Survey schätzt die Reserven auf 10,4 Milliarden Faß, rund zwei Drittel davon seien wirtschaftlich zu erschließen.
Die Auseinandersetzung über ANWR wird aber schon seit zwanzig Jahren geführt. Bisher gelang es den zumeist demokratischen Gegnern der Bohrungen im Kongreß stets, die zumeist republikanischen Erschließungsvorstöße abzuwehren. Mit den Wahlen im vergangenen November aber änderten sich die Sitzverhältnisse im amerikanischen Senat zugunsten der Republikaner. Zusammen mit einem gesetzgeberischen Trick reichte das für eine Mehrheit von 51 zu 49 Stimmen. Dabei wurde über die Zukunft von ANWR nicht in einer eigenen Vorlage abgestimmt, sondern als Teil eines umfassenden Haushaltsplans. Statt der sonst erforderlichen 60 Stimmen war so nur die einfache Mehrheit nötig.
Erbitterte Kontroverse
Was sich dagegen in den zwei Jahrzehnten der Debatte kaum verändert hat, sind die Argumente. Die Befürworter der Erschließung von ANWR sagen, das Projekt schaffe Wachstum und Arbeitsplätze, stärke die nationale Sicherheit und verringere die Abhängigkeit von Ölimporten. Die Gegner führen an, daß die Ölvorkommen maximal vier Prozent des täglichen Bedarfs der Vereinigten Staaten decken würden, der Ölpreis damit nur minimal sinken würde und die Vorkommen spätestens nach 30 Jahren erschöpft wären.
Die Linien verlaufen dabei nicht nur entlang der Parteigrenzen. Im Senat stimmten drei Demokraten für die Bohrerlaubnis und sieben Republikaner dagegen - die Zukunft von ANWR ist auch eine Gewissensfrage. Das läßt die Kontroverse manchmal erbittert und emotional werden. Die Entscheidung ist für mich genauso wichtig wie der erste Schritt von Neil Armstrong auf dem Mond, sagte Ted Stevens, republikanischer Senator für Alaska. Heute haben wir einen hinterhältigen Angriff auf eines unserer meistgeschätzten Naturwunder erlebt, erwiderte der demokratische Senator John Kerry.
Geringe Erfolgsaussichten der Naturschützer
Für dessen einstigen Wahlkampfgegner, Präsident George W. Bush, war die Senatsentscheidung eine wichtige Bestätigung seiner Energiepolitik. Seine Gegner setzen ihre Hoffnungen nun darauf, daß sich der Trick der Republikaner noch gegen sie wendet und der umfangreiche Haushaltsplan, der neben ANWR einige weitere strittige Posten enthält, an einer der noch bevorstehenden Hürden scheitert.
Die Aussichten scheinen gleichwohl gering. Das Repräsentantenhaus steht weit geschlossener hinter Ölbohrungen in ANWR als der Senat, und der Senatsausschuß für Energie und Bodenschätze, der die Vorlage ebenfalls gutheißen muß, setzt sich aus zwölf republikanischen und zehn demokratischen Senatoren zusammen - von denen zwei zudem für die Bohrerlaubnis gestimmt haben.
Wir brauchen auch die Entwicklung
In Kaktovik sehen die Menschen die Zukunft von ANWR gespalten. Drei Viertel der Bewohner befürworten die Erschließung, wollen sie aber auf das Land beschränkt wissen. Das Meer ist ihre Lebensgrundlage. Wir wollen die Wildnis schützen, sagt George Tagarook, der stellvertretende Bürgermeister. Aber wir brauchen auch die Entwicklung.
Die Eskimos sehen nicht ein, warum sie ihre Ressourcen nicht genauso zum eigenen Wohl nutzen dürfen, wie es für die Menschen im Rest des Landes selbstverständlich ist. Das Öl ist für sie die Chance auf ein besseres Leben. Die Einnahmen aus Prudhoe Bay haben ihnen Häuser, eine Schule, ein Feuerwehrhaus gebracht. Der Haushalt des Bezirks North Slope, zu dem Kaktovik zählt, speist sich nahezu komplett aus den Einnahmen des Ölgeschäfts. Der Anteil im Etat des Staates Alaska beträgt mehr als 80 Prozent.
Eine Sehnsuchtslandschaft
Die meisten Menschen in Alaska befürworten daher die Erschließung des ANWR. Bundesweit sprechen sich 55 Prozent dagegen aus. Für viele Amerikaner außerhalb Alaskas ist ANWR eine Art Sehnsuchtslandschaft, eine Ahnung dessen, was Amerika einst war. Das Arctic National Wildlife Refuge ist einzigartig, das letzte, wahrhaft großartige Wildnisgebiet der Vereinigten Staaten, schrieb Jimmy Carter einmal, der ANWR mehrmals bereist hat.
Es wird ein grandioser Triumph für Amerika sein, wenn es uns gelingt, ANWR in seinem reinen, unberührten Zustand zu erhalten. Dieses außergewöhnliche Land sich selbst zu überlassen wäre das größte Geschenk, das wir künftigen Generationen machen könnten. Nach der Entscheidung des Senats ist das unwahrscheinlicher denn je. Die Studie des US Geological Survey schätzt, daß die Öllieferungen aus ANWR im Jahr 2013 beginnen können.
Text: F.A.Z., 22.03.2005, Nr. 68 / Seite 3
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