Von Jörg Bremer, Jerusalem
16. Juli 2008 Die Familien der beiden Soldaten Eldad Regev und Ehud Goldwasser erleben die Übergabe ihrer Söhne am Grenzpunkt Rosh Hanikra am Fernsehbildschirm mit. Bis zuletzt hofften sie noch, wenigstens einen der beiden lebend wiederzusehen.
Als das Fernsehen die schwarzen Särge zeigte, konnte ich nicht mehr hinschauen, sagt Vater Zvi Regev einem Rundfunkreporter. Am Mittwoch gibt es in Israel keinen Unterschied mehr zwischen trauernden Angehörigen und den berichtenden Journalisten, alle rücken zusammen. Alles ist vorbei, und die Bastarde haben die gesamte Zeit mit uns gespielt, bis zum letzten Tag, schimpft der Reporter.
Peres: Erfüllt von Bitterkeit
Er meint damit die schiitische Hizbullah, die nie eindeutig Auskunft darüber gab, was mit den beiden Soldaten seit 2006 geschehen ist. Stattdessen ließ die Hizbullah Israel hoffen, die beiden seien noch am Leben, um möglichst viele in Israel inhaftierte Libanesen freizubekommen - vier Hizbullah-Kämpfer und der Terrorist Samir Kuntar wurden jetzt freigelassen.
Nach einem DNA-Test übergab Israel Hizbullah-Miliz vier inhaftierte Hizbullah-Kämpfer und den in Israel wegen dreifachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilten Terroristen Samir Kuntar. Die Hizbullah bereitete ihnen in Beirut einen triumphalen Empfang.
Ihm zittere die Hand bei der Unterzeichnung der Amnestie für Samir Kuntar, sagte der israelische Präsident Peres. Er sei erfüllt von Bitterkeit. Mit seiner Unterschrift sei Kuntar keineswegs unschuldig gesprochen worden, fügte er an. Obwohl die israelische Regierung seit langem den Tod der beiden Soldaten vermutet hatte, ließ sie sich auf den Gefangenenaustausch ein. Ohne Frage sei die Schiitenmiliz ein grausamer Feind, der die Familien unserer Soldaten foltert, sagte Umweltminister Esra. Aber wir mussten sie um jeden Preis nach Hause bringen.
Traurige Erinnerungen
Mit den Bildern von der Übergabe der beiden Särge am Morgen in Rosh Hanikra werden Erinnerungen an den 12. Juli 2006 wieder wach. Damals hatte eine Hizbullah-Einheit bei Zarit die Grenze überquert und zwei israelische Armeefahrzeuge in einem Hinterhalt überfallen.
Die Kämpfer kannten sich offenbar dort aus, denn sie nutzten einen toten Winkel, der von keinem der beiden nächsten Kontrollposten eingesehen werden konnte. Sie töteten drei Soldaten sofort, verletzten vier und verschleppten zwei von ihnen, die offenbar noch am Leben waren, über die Grenze. So hieß es damals jedenfalls, und viele Israelis gaben ihre Hoffnung deshalb nicht auf.
Dabei konnte man damals schon im Fernsehen die zerstörten Fahrzeuge sehen. Dieser Anblick ließ Rückschlüsse auf den heftigen Kampf und die vermutlich schweren Verletzungen zu. Man entdeckte Blutspuren, die einem der verschleppten Soldaten zugeordnet wurden. (Siehe auch: Die vermissten Israelis: Regev, Goldwasser, Arad) Danach begann damals der 33 Tage dauernde Libanon-Krieg.
Die Hizbullah wird das zu bezahlen haben
Im Haus der Familie Regev versammeln sich am Mittwoch zahlreiche Nachbarn und Freunde. Sie zünden Kerzen an und singen ein Trauerlied. Die Hizbullah wird das zu bezahlen haben, droht ein Besucher hilflos. Eine Nachbarin erinnert sich daran, wie ihre Kinder mit Eldad Regev aufgewachsen seien: Eldad war ein so wundervoller, fröhlicher und charismatischer Junge, sagt sie.
Ein Mann mit der Kipa auf dem Kopf, die ihn als religiösen Juden kenntlich macht, kritisiert den israelischen Ministerpräsidenten Olmert: Der Libanon-Krieg war umsonst, die Jungs starben umsonst. Die Familie möchte gerne wissen, ob ihr Sohn während des Kampfes umkam oder erst, als er verschleppt wurde. Sie will seine sterblichen Überreste nicht sehen, sondern ihn lebendig in Erinnerung behalten.
Vielleicht gibt es jetzt auch so etwas wie Erleichterung, denn jeder Zweifel ist vorbei. Wir können die jungen Männer beerdigen und an ihrem Grab beweinen, sagt die Nachbarin. Ist das nun ein Erfolg der schiitischen Hizbullah? Wenn es nun die größte Errungenschaft der Hizbullah ist, den Terroristen Kuntar ausgeliefert zu erhalten, der nichts als ein widerlicher Mörder ist, dann habe ich Mitleid mit denen, sagt Ehud Goldwassers Vater Schlomo.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS