21. Januar 2007 Einen Tag nach der Ermordung des armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink hat die Polizei den Täter gefasst. Die Polizei habe den 17-jährigen in Samsun am Schwarzen Meer festgenommen, sagte Ministerpräsident Tayyip Erdogan. Er habe die Tat bereits gestanden. Fernsehsender hatten am Vorabend die Bilder einer Überwachungskamera veröffentlicht, auf denen der junge Mann zu sehen war. Dessen Vater hatte ihn erkannt und der Polizei den entscheidenden Hinweis gegeben. Der 53-jährige Dink war am Freitag in Istanbul auf offener Straße erschossen worden. Der bekannteste Vertreter der armenischen Minderheit in der Türkei hatte sich als Herausgeber der zweisprachigen Wochenzeitung Agos für die Rechte der armenischen Minderheit eingesetzt.
Suche nach möglichen Hintermännern
Der Verdächtige stamme aus der Schwarzmeer-Stadt Trabzon, sagte der Istanbuler Gouverneur Muammer Güler. Er war offenbar auf dem Rückweg in seine Heimatstadt, als er festgenommen wurde. Gemeinsam mit sechs anderen Festgenommenen soll er in Istanbul verhört werden. Angaben zu den Motiven des Täters lagen zunächst nicht vor.
Auf der Suche nach möglichen Hintermännern beschlagnahmte die Polizei in Trabzon Computer aus Internet-Cafés, in denen sich der Jugendliche häufiger aufgehalten haben soll. Türkischen Medienberichten zufolge hatte der junge Mann die Schule nicht beendet und war zuletzt ohne Beschäftigung. Aus einem Fußballclub für Amateure soll er wegen Disziplinlosigkeit hinausgeworfen worden sein.
Verbrechen hat Entsetzen ausgelöst
Dink war vor dem Redaktionsgebäude auf offener Straße mit mehreren Schüssen getötet worden. Die Tat hatte in der Türkei Entsetzen ausgelöst. Tausende Menschen protestierten spontan gegen den Mordanschlag. Türkische Gerichte hatten Dink wiederholt wegen Beleidigung des Türkentums angeklagt; von radikalen Nationalisten hatte er Morddrohungen erhalten. Dennoch hatte er keinen Polizeischutz bekommen. Dink soll am Dienstag auf einem armenischen Friedhof in Istanbul beigesetzt werden.
Der 52-jährige Dink war Chefredakteur der WochenzeitungAgos und galt als bekannteste Stimme der Armenier in der Türkei. Der Journalist sah sich wegen seiner Äußerungen zum Völkermord an Armeniern im Osmanischen Reich während es Ersten Weltkriegs massiven Anfeindungen von Nationalisten, Politikern und Staatsanwälten ausgesetzt. Die Türkei als Nachfolger des Osmanischen Reiches bestreitet, dass es sich bei den Tötungen um Völkermord handelte.
Sensibles Thema
In Zeitungen wurde der Regierung vorgeworfen, Dink trotz zahlreicher Drohungen gegen ihn nicht ausreichend geschützt zu haben. Der vor den Wahlen im Mai und November zunehmende Rassismus und Nationalismus sei Triebfeder hinter dem Mord. Erdogan hatte das Attentat als einen Angriff auf den Frieden und die Stabilität des Landes verurteilt. Das tödliche Attentat dürfte die politischen Spannungen in der Türkei erhöhen, die einen Beitritt zur Europäischen Union (EU) anstrebt. Wegen der Einschränkung der Meinungsfreiheit und der Strafverfolgung von Intellektuellen, die sich zum Völkermord an den Armeniern geäußert haben, war Erdogans Regierung auch bei der EU in die Kritik geraten.
Das Massaker an Armeniern ist ein politisch hoch sensibles Thema in der Türkei. Wegen seinen Äußerungen dazu stand auch der spätere türkische Literatur-Nobelpreisgewinner Orhan Pamuk vor Gericht. Der Prozess wurde aber eingestellt.
Text: FAZ.NET mit Material von AFP, dpa, AP
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS