21. März 2007 Wenn Mouhannad Almallah abends in Madrid seine Bin-Ladin-Videos anschaute oder mit ein paar Kumpanen im Wohnzimmer über den Heiligen Krieg redete, durfte seine Frau das Schlafzimmer nicht verlassen. Der gebürtige Syrer hatte seine zweite Ehefrau Nouzha - die erste und seine vier Kinder hatte er ihr verschwiegen - aus Marokko nach Spanien gebracht. Dort feierte er mit ihr Hochzeit, und als sie mit Zwillingen schwanger war, verprügelte er sie, so dass eines der Kinder starb. Allmallah fand, das sei eine vortreffliche Lektion, und sagte zu ihr: Eine solche Abtreibung ist ein wahrer Schlag für eine Frau - so wie für die Amerikaner das Attentat vom 11. September in New York.
Bei Almallah geht es nun aber um den Anschlag vom 11. März 2004 in Madrid. Er ist als mutmaßliches Mitglied und Helfer einer terroristischen Vereinigung, für den die Anklage zwölf Jahre Haft verlangt, allerdings nur ein kleiner Fisch. Sein Fall wirft nach dem Ende des ersten Prozessmonats aber einen Lichtpunkt in das Labyrinth eines Verfahrens, welches durch die Summe der Strahlen zu einem überzeugenden Urteil führen soll. Wenn man die besorgten Gesichtszüge dieses Mannes zum Maßstab stimmt, dann vergeht den insgesamt 29 wegen des Madrider Massakers Angeklagten allmählich das Lachen.
Sie hatten im ersten Akt das Wort, und alle erklärten sich einhellig für nicht schuldig. Schuldig waren für sie allenfalls die sieben Selbstmordattentäter, die nicht mehr befragt werden konnten. Deshalb knirschten die Angehörigen der Opfer im Saale so hörbar mit den Zähnen, dass der Vorsitzende Richter Javier Gomez Bermudez, der weder Unsinn noch Gefühlsausbrüche oder Abschweifungen duldet, zu ihnen sagte: Bewahren Sie Ihre Würde, was auch immer geschieht und was auch immer Sie hören mögen. Das bezog sich auch auf den als den Hauptsprengstofflieferanten verdächtigten spanischen Bergbauarbeiter Emilio Suarez Trashorras, der zu Protokoll gab: Die Anschläge vom 11. März haben mich überhaupt nicht berührt.
Im zweiten Prozessmonat - das Verfahren dürfte bis zum Juli dauern - beißen die Angeklagten im ihrem Glaskäfig nun stumm auf die Fingernägel und stoßen sich nur noch selten kollegial mit den Ellenbogen an. Jetzt haben die Zeugen, die Sachverständigen und die Polizisten das Wort.
Die Staatsanwaltschaft, die sich bei der Befragung der Angeklagten im Ton auffallend zurückgehalten hatte und dafür schon von einigen spanischen Medien kritisiert worden war, präsentiert etliche Indizien wie DNA-Proben, Fingerabdrücke und Telefonkarten. Die Ankläger haben dabei sechs überlebende mutmaßliche Haupttäter im Blick, von denen vier auf der Anklagebank sitzen, einer flüchtig und einer in Marokko inhaftiert ist.
Die Fachleute der Geheimdienste haben vor Gericht ausgesagt, dass die spanische Islamistenzelle den ferngesteuerten Direktiven des Al-Qaida-Anführers Bin Ladin gehorcht habe. Dieser hatte das Land als Unterstützer der Amerikaner und Briten im Feldzug gegen den Irak als legitimes Ziel genannt. Spanien sei, so gab jetzt der Chef der Abteilung Terrorabwehr zu Protokoll, die schwache Stelle der Länder mit Truppen im Irak gewesen.
Die allmählich erschöpfend anmutenden Aussagen der Polizisten und Analytiker lassen nicht viel übrig von jener Verschwörungstheorie, nach der es zwischen den islamistischen Fanatikern und den einheimischen Eta-Terroristen Berührungspunkte gegeben haben musste, im Zweifel bei dem verwendeten Sprengstoff.
Das Festhalten an dieser Theorie hatte damals binnen weniger Tage die konservative Volkspartei um ihre sicher geglaubte Wiederwahl gebracht. Denn das Dynamit war offenkundig nicht die Sorte, welche Eta zu benutzen pflegte, und auch die Verbindungen von Muslimen und Basken in diversen Gefängnissen ging wohl nicht über praktisch folgenlose Zufallsbekanntschaften hinaus.
Die aufwühlendsten Aussagen kommen derweil von Angehörigen der Angeklagten. Sie, die die höchsten Angst- und Loyalitätsschwellen überwinden müssen und zum Teil aus dem islamistischen Milieu in Spanien schon bedroht wurden, haben zum Teil eigene Rechnungen zu begleichen. Almallahs geschiedene Frau Nouzha ist nicht die einzige Verstoßene. Auch der Ägypter Rabei Osman, der als einer von drei Drahtzieher angeklagt ist, wurde einst von seiner tunesischen Frau angezeigt, deren Mitgift er nicht zurückgezahlt hatte.
Und dann ist da noch die Witwe des durch eigene Hand gestorbenen Logistikchefs der Attentäter, des Marokkaners Jamal Ahmidan alias der Chinese. Sie heißt Rosa, ist Spanierin und wurde als Fünfzehnjährige von dem damals zehn Jahre älteren Mann im Madrider Rauschgiftmilieu aufgegabelt. Nach gemeinsamen Jahren in Freiheit und im Gefängnis hatten sie einen Sohn. Ahmidan hörte plötzlich auf zu trinken und zu spritzen und verschrieb sich nach ihren Angaben dem Heiligen Krieg. Als er mit den sechs übrigen Selbstmordterroristen in Madrid von der Polizei gestellt wurde, galt ihr sein vorletzter Anruf. Er bat sie, wie er sagte, um Verzeihung und rief dann noch in Marokko seine Mutter an. Dieses Gespräch wurde unterbrochen, als der Sprengstoffgürtel explodierte.
Hatte Ahmidan eine Witwe und einen älteren Bruder namens Youssef, der ihm noch zu Lebzeiten einen Massenmord vorwarf, so hat der lebende Angeklagte Abdelmajid Bouchar, für den die Staatsanwaltschaft fast vierzigtausend Jahre Haft fordert, einen untröstlichen Vater. Abdesalan Bouchar stammt wie sein Sohn aus einem desolaten Vorort von Casablanca. Als er nun den Gerichtssaal betrat, würdigte er den Sohn hinter den fünf Zentimeter dicken Panzerglasscheiben keines Blickes. Als ihn der Richter fragte warum, erwiderte der Berber: Weil ich, Euer Ehren, nach Spanien kam, um zu arbeiten, und nicht, um Menschen umzubringen.
In diesem Augenblick senkte der Sohn die Augen - genau so, wie es andere Kinder, Brüder und Ehemänner auf der Anklagebank getan hatten, als Angehörige, die sich nicht als durch anonyme Nummern geschützte Zeugen verbergen konnten, aussagten.
Zumindest einen Zeugen hat die Courage wohl verlassen. Der arabische Polizeispitzel mit dem Decknamen Cartagena, der vor dem Prozess wichtig erscheinende Informationen geliefert hatte, widerrief vor dem Richter jetzt all seine Aussagen und behauptete, er habe sie nur unter der Folter spanischer Polizisten gemacht.
Wie schwer es ist, alle Zeugenaussagen auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen, zeigt das Beispiel des Marokkaners Jamal Zougam. Er soll nicht nur die Handykarten für die Sprengstoffrucksäcke besorgt, sondern einige davon selbst in den Todeszügen deponiert haben.
Vier Zeugen haben bislang ausgesagt, ihn in drei verschiedenen Vorortzügen gesehen zu haben. Weil aber die Fahrpläne ein rechtzeitiges Umsteigen nicht erlaubt hätten, müsste es sich bei ihm, wie ein Prozessbeobachter sagte, um Supermann gehandelt haben.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: AFP, AP, dpa