Von Anne Schneppen, Seoul
30. Mai 2003 Nordkorea hat sich jahrelang Devisen über den Export von Rauschgift beschafft. Ein Wissenschaftler, der zur Herstellung von Opium abkommandiert war, bestätigte entsprechende Vorwürfe gegenüber der FAZ. Auch heute lasse die nordkoreanische Armee in großem Stil Opium herstellen. Die Äußerungen stützen Vermutungen der Vereinigten Staaten, die Regierung in Pjöngjang operiere wie ein Verbrechersyndikat, um ihr System zu erhalten: mit Hilfe von Rauschgiftschmuggel, des Verkaufs von Raketentechnik und Geldfälscherei.
Der nordkoreanische Biologe erhielt einen klaren Auftrag: im Dienst der nationalen Devisenbeschaffung Opium zu erzeugen. Sieben Jahre hatte Lee Joo-il studiert und der Wissenschaft gedient, als er dem "Geheimprojekt" zugewiesen wurde. Die Mohnfelder lagen in Pyongsung, Provinz Pyongannamdo. Lees Einheit, etwa 40 Personen, war für eine Fläche von zehn Hektar zuständig. Der Wissenschaftler begleitete den Arbeitsprozeß vom Anbau bis zur Opiumgewinnung. Von Ende Mai bis Mitte Juni war Erntezeit, dann wurden die Kapseln und Stengel des Schlafmohns mit Messern aufgeritzt, man wartete, bis sich der weißliche Milchsaft braun färbte, trocknete und sich leicht abschaben ließ. Sieben bis acht Kilo Opium wurden auf diese Weise gewonnen.
"Opiumerzeugung war ein Regierungsmonopol"
"Wir wußten, daß das Rauschgift für den Export bestimmt ist, aber wir wußten nicht, wohin es geliefert wird. Die Opiumerzeugung war ein Regierungsmonopol und diente dem Ziel, ausländische Währungen zu beschaffen", berichtet Lee Joo-il über seine "geheime Arbeit" in den Jahren 1993 bis 1996. Im Sommer 1998 flüchtete er nach China, zwei Jahre später weiter nach Südkorea. Jetzt gehört er zu denen, die aus der sicheren Freiheit vor dem Regime ihrer Heimat warnen, obwohl er fürchten muß, seine in Nordkorea lebende Familie zu gefährden.
Lee berichtet von Anbaugebieten in den Bergen, im Norden des Landes. In Bujeon, Provinz Hamgyongnamdo, habe das Militär auf 600 bis 800 Hektar Opium erzeugt. Dies weiß er allerdings nur aus zweiter Hand. "Das Wort Opium fiel bei uns nicht, wir hatten ein anderes, unverfängliches Wort dafür: Paektoraji", sagt Lee. Das war der Name einer ähnlich aussehenden Pflanze, die keine Rückschlüsse auf illegale Aktivitäten zuließ. Zur Erntezeit wurden Schüler herangezogen, die während dieser Wochen unter Aufsicht zusammenlebten und abends nicht in ihre Wohnorte zurückkehren durften: So habe man verhindert, daß einzelne Opium für sich abzweigten, um es als Schmerzmittel zu nutzen oder nach China zu verkaufen.
Die staatlich organisierte Devisenbeschaffung beschränkte sich nicht auf die Erzeugung von Opium. "Weil die Wirtschaft am Boden lag und es fast nichts mehr zu exportieren gab, wurde jede Einnahmequelle genutzt. Wir wurden auch zum Goldschürfen und Goldsieben eingeteilt, in meiner Gruppe lag das Jahresergebnis bei 300 bis 400 Gramm." Außerdem wurden Pilze gezüchtet und nach Japan verschifft. "Das wurde in verschiedenen Provinzen so gemacht und wie die Opiumfarmen von der Partei kontrolliert", sagt der Neununddreißigjährige, der heute in Seoul lebt.
Diplomaten beim Rauschgiftschmuggel ertappt
Seit den siebziger Jahren gibt es immer wieder Berichte, die den Verdacht nahelegen, daß der nordkoreanische Staat Rauschgift erzeugt oder damit handelt, um die marode Wirtschaft durch Devisen zu stützen. Nordkoreaner, unter anderen Diplomaten, sind beim Rauschgiftschmuggel ertappt worden. In jüngster Zeit wurden einige aufsehenerregende Funde mit Nordkorea in Verbindung gebracht: Am 2. Juli 2002 kamen die Behörden in Taiwan einem nordkoreanisch-taiwanischen Schmugglerring auf die Spur; neun Männer wurden festgenommen, die versucht hatten, 79 Kilogramm Heroin mit einem Schwarzmarktwert von mehr als zehn Millionen Euro aus Nordkorea einzuschmuggeln.
Verbindungen zum organisierten Verbrechen in Japan
Am 6. Januar 2002 beschlagnahmte die japanische Küstenwacht 150 Kilogramm Metamphetamine vor der Küste von Fukuoka. Nach japanischen Angaben hatte ein chinesisches Schiff zuvor ein nordkoreanisches Schiff in nordkoreanischen Gewässern getroffen und dessen Ladung übernommen; übergeben wurde die Fracht angeblich von zehn uniformierten Nordkoreanern. Aufgrund des Reinheitsgrads des Rauschgifts schloß die Polizei auf nordkoreanische Herstellung, ohnehin schätzen die japanischen Behörden, daß etwa ein Drittel der nach Japan geschmuggelten Metamphetamine aus Nordkorea stammt. Des weiteren haben die Japaner Hinweise auf nordkoreanische Verbindungen zum organisierten Verbrechen in Japan und Hongkong.
Einer der spektakulärsten Fälle...
Einer der spektakulärsten Fälle ereignete sich vor einem Monat vor der Küste von New South Wales, Australien. Am 20. April brachte die australische Marine nach viertägiger Verfolgungsfahrt auf stürmischer See die nordkoreanische "Pong Su" auf. Ihr Kapitän und 29 Besatzungsmitglieder wurden festgenommen, nachdem, so die bisherigen Erkenntnisse der Behörden, 50 Kilogramm Heroin von Bord des Schiffes entladen worden waren. Damals wurde spekuliert, daß während der Flucht und vor der Entdeckung noch weiteres Rauschgift über Bord gegangen war oder an Land gebracht wurde. Am Dienstag nun berichtete die australische Polizei von einem weiteren Heroinfund, 75 Kilogramm, vergraben im Westen der Stadt Lorne, Victoria. Der nordkoreanische Botschafter hatte eine Beteiligung Pjöngjangs am Rauschgiftschmuggel zurückgewiesen, von der nordkoreanischen Nachrichtenagentur KCNA wurden die Verdächtigungen als Verleumdung abgewehrt. Der australische Außenminister Downer hielt dem entgegen, daß nach seinen Erkenntnissen ein Mitglied der Koreanischen Arbeiterpartei an Bord war. Es handele sich um ein nordkoreanisches Schiff und Nordkorea sei ein totalitäres Regime, ergo gehöre das Schiff dem Staat, schloß Downer.
Nordkorea arbeitet mit internationalen Schmugglern
In Washington ist der jüngste Vorfall, zumal vor dem Hintergrund möglicher Sanktionen gegen Nordkorea, eine Bestätigung der seit Jahren gehegten Vermutung, daß die nordkoreanische Regierung wie ein Verbrechersyndikat operiere, um ihr System zu erhalten: mit Hilfe von Rauschgiftschmuggel, des Verkaufs von Raketentechnologie und Geldfälscherei. Die Berichte nordkoreanischer Überläufer werden stärker als früher wahrgenommen - oder zumindest derzeit mehr publik gemacht. Am 20. Mai trat ein langjähriger hochrangiger Mitarbeiter einer nordkoreanischen Regierungsbehörde vor einen Ausschuß des amerikanischen Senats und berichtete detailliert und offenbar gestützt auf eigene Informationen von einer geheimen Rauschgiftproduktion in Nordkorea, die in den späten siebziger Jahren in den Bergregionen begonnen habe.
Der Staat habe jede landwirtschaftliche Kooperative angewiesen, auf zehn Hektar Schlafmohn anzubauen. Das produzierte Opium werde an die Regierung weitergegeben und zu Heroin verarbeitet. Dies geschehe in einer pharmazeutischen Fabrikanlage in der Stadt Chungjin, Provinz Hamgyong, unter Mithilfe thailändischer Spezialisten. "Nordkorea verkauft Drogen an China, Hongkong, Macao und Rußland und arbeitet mit internationalen Schmugglern auf dem Seeweg zusammen", sagte der Überläufer, der 1998 nach Südkorea kam.
Nur "begrenzte Informationen" verfügbar
Der am 1. März 2003 in Washington vorgelegte "International Narcotics Control Strategy Report" (INCSR) für das Jahr 2002 weist darauf hin, daß die Informationen über einen nordkoreanischen Schlafmohnanbau in großem Stil entweder alt seien oder auf Indizien beruhten. "Mangel an Dünger, Energie, Insektiziden macht die gesamte Landwirtschaft, einschließlich des Schlafmohnanbaus, schwierig." Es gebe immer noch Hinweise von nordkoreanischen Überläufern, daß in großem Stil illegal Opium produziert und zumindest zum Teil zu Heroin veredelt werde. Aber selbst neuere Berichte bezögen sich auf Ereignisse, die mehr als zehn Jahre zurücklägen, heißt es in der Studie, die allerdings die jüngsten Fälle nicht berücksichtigt. Außerdem seien die Angaben durch keine unabhängige Überprüfung bestätigt worden. Der INCSR führt mehrere Beispiele an, die den Verdacht stärken, daß sich Nordkorea durch Drogenschmuggel oder -produktion Devisen beschafft. Gleichwohl wird angemerkt, daß es nur "begrenzte Informationen" gibt: Die Vereinigten Staaten seien nicht in der Lage festzustellen, in welchem Maße die nordkoreanische Regierung in die Herstellung und den Schmuggel illegaler Drogen verwickelt sei.
Es könne auch nicht ausgeschlossen werden, daß kriminelle Kreise oder einzelne militärische Gruppierungen das Rauschgiftgeschäft auf eigene Faust betrieben. Da keinem anderen Staat vorgeworfen werde, sich durch Rauschgiftgeschäfte Devisen zu beschaffen, sei es legitim zu fragen, ob andere "Aktionen" Pjöngjangs solche Verdächtigungen erhärten könnten. Anschließend wird darauf hingewiesen, daß Nordkorea im vergangenen Jahr zu aller Überraschung die Entführung japanischer Staatsbürger und das heimliche Festhalten an einem Atomwaffenprogramm eingestanden hat.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.05.2003, Nr. 124 / Seite 3
Bildmaterial: AFP