11. März 2006 Mit dem Einsatz von Schlagstöcken und Tränengas hat die französische Polizei am Samstag morgen die erste gewaltsame Besetzung der Pariser Sorbonne-Universität durch Studenten seit den Mai-Unruhen 1968 beendet. Hunderte von Studenten errichteten zeitweilig auf den Straßen Barrikaden, bewarfen die Beamten mit Stühlen und Feuerlöschern und demolierten die Filiale eines Fast-food-Restaurants. Innenminister Nicolas Sarkozy verkürzt wegen der Unruhen seine Karibikreise.
Etwa 80 Bereitschaftspolizisten (CRS) stürmten in der Nacht die Sorbonne, um gegen rund 200 Studenten vorzugehen, die ihren Protest aufrechterhielten. Zuvor waren die Beamten von den Fenstern aus mit Stühlen, Feuerlöschern und anderen Gegenständen beworfen worden. Die Präfektur teilte am Samstag mit, es habe elf Festnahmen gegeben. Bei den Auseinandersetzungen seien ein Fotograf und ein Student verletzt worden, ebenso wie 31 Polizisten. Die Polizei sei vom Rektor der Akademie Paris angefordert worden, unterstrich die Präfektur.
Plastikflaschen, Schlagstöcke, Tränengas
Die Sicherheitskräfte verschafften sich über einen Hintereingang Zugang zu dem Gebäude, wo die Studenten vergeblich versuchten, sich mit Stühlen und Tischen zu verbarrikadieren. Sie wurden auf den Boulevard Saint-Michel herausgedrängt. Eine Studentin berichtete, die Bereitschaftspolizisten seien bei ihrem Eindringen von einigen Demonstranten mit Plastikflaschen beworfen worden. Die 20 Jahre alte Frau sagte, die Polizei habe Tränengas und Schlagstöcke eingesetzt. Die Auseinandersetzungen hatten am Freitag abend begonnen.
Die Studenten wollten mit der Besetzung erreichen, daß die Regierung die Lockerung des Kündigungsschutzes für Berufsanfänger für eine zweijährige Probezeit zurücknimmt. Jede zweite Universität wird deswegen bestreikt oder blockiert, darunter die Symbole der 68er Unruhen, Sorbonne und Nanterre. Anders als vor 38 Jahren haben die Studenten keine gesellschaftlichen Utopien oder revolutionären Forderungen. Sie werden zwar von den oppositionellen Linksparteien unterstützt, lassen sich von ihnen aber nicht vereinnahmen. Der sozialistische Senator Jean-Luc Mélenchon wurde am Freitag abend aus der Sorbonne gedrängt.
Wende zur Gewalt
Bildungsminister Gilles de Robien sprach am Samstag von einer Wende zur Gewalt, die er nicht hinnehmen werde. Eine kleine radikale Minderheit zerstöre in langen Jahrhunderten aufgebautes nationales Erbe und schicke junge Leute auf die Straße, die sich der Tragweite ihrer Taten gar nicht bewußt sei. Sie schreckten nicht einmal davor zurück, Behinderte auf der Treppe umzustoßen. Damit spielte Robien auf einen Vorfall an, bei dem eine gehbehinderte Studentin unter ungeklärten Umständen gestürzt war.
Die Studenten wollen den Druck aufrechterhalten, bis Premierminister Dominique de Villepin seine Reform des Arbeitsrechts zurückzieht. Ihr nächster nationaler Protesttag ist für kommenden Samstag geplant. Auch die Gewerkschaften planen nach zwei Aktionstagen weitere Streiks und Kundgebungen.
Text: FAZ.NET mit Material von AP, dpa
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, Reuters