Von Matthias Rüb, Guantánamo Bay
31. Mai 2006 Es geht ausgesprochen ruhig zu dieser Tage in Camp 4. Doch vor zwei Wochen war Großalarm in diesem Teil des Gefangenlagers auf dem amerikanischen Militärstützpunkt Guantanamo Bay auf Kuba. An sich sollten es kooperationswillige Gefangene mit guter Führung sein, die hier zu zehnt in Gemeinschaftszellen untergebracht wurden. Doch am 18. Mai inszenierten die Insassen einer Zelle den Selbstmordversuch eines Häftlings, um die Wachmannschaften anzulocken. Zuvor hatten sie, wie es das Lagerkommando schildert, den Zellenboden mit Fäkalien, Urin und Seifenwasser präpariert, um die Wachleute zu Boden zu bringen. Dann griffen die Gefangenen die zehn einrückenden Militärpolizisten mit herabgerissenen Überwachungskameras, Ventilatorenteilen und zerbrochenen Leuchtröhren an.
Die Wachmannschaften setzten Pfefferspray und Gummigeschosse ein. Fünf der zehn Gefangenen wurden leicht verletzt und mußten in der Krankenstation des Lagers behandelt werden. Aus Solidarität mit den Revoltierenden beschädigten Gefangene in weiteren Zellen des Lagers 4 mit jeweils zehn Gefangenen Überwachungskameras und weitere Einrichtungsgegenstände. Insgesamt entstand nach Angaben des Lagerkommandeurs, Konteradmiral Harry Harris, ein Schaden von 110.000 Dollar. Es war die bisher schlimmste Gefangenenrevolte in Guantanamo Bay, seit dort im Januar 2002 die ersten unrechtmäßgen feindlichen Kämpfer (unlawful enemy combattants) untergebracht wurden.
Harry Potter ist der Favorit
Die Besichtigung von Lager 4, jenes Teils des Camp Delta genannten Gesamtlagers, in dem Medium Security (Mittlere Sicherheitsstufe) gilt, ist trotz des Aufstands vom 18. Mai weiterhin Teil des Besuchsprogramms, welches das Pentagon für Gruppen amerikanischer und ausländischer Berichterstatter regelmäßig organisiert. Vier von fünf Gefangenen aus Camp 4 wurden nach der Revolte wieder in die benachbarten Zellenblöcke von Lager 2 und 3 verlegt, in deren Einzelzellen Maximum Security (Höchste Sicherheitsstufe) gilt. Jene Gefangenen, die als renitent, besonders gefährlich oder nicht kooperationswillig eingestuft werden, tragen weiterhin die orangefarbenen Häftlingsanzüge.
Wer sich bei den Vernehmungen durch Mitarbeiter der militärischen und zivilen Geheimdienste kooperationswillig zeigt und auch sonst gute Führung beweist, bekommt ein weißes Gewand - und dazu Bücher aus der Bibliothek (Harry Potter sei der beliebteste Titel, heißt es), Gesellschaftschaftsspiele wie Schach und Backgammon sowie weitere Komfortartikel, zum Beispiel eine ganze Rolle Toilettenpapier. Die Männer in den orangefarbenen Anzügen müssen die Wachen jeweils um Papier bitten, wenn sie ihre Notdurft in den Toiletten verrichten wollen, die in der Ecke jeder Zelle in den Boden eingelassen sind.
Jede Form der Kontaktaufnahme ist untersagt
Es ist Mittagszeit. Eine Gruppe von zehn Männern im Camp 4 nimmt im Freien unter einem Blechdach, wo sich die Gefangenen bis zu neun Stunden pro Tag aufhalten dürfen, ihr nach den muslimischen Vorschriften zubereitetes Essen ein. Verstohlene Blicke durch den Maschendraht zwischen den Gefangenen, die ihr Gesicht verbergen, wenn sie näher kommen, und den Berichterstattern. Jede Form der Kontaktaufnahme ist untersagt. Film- oder Fotoaufnahmen von den Gefangenen - es sind sehr junge und auch betagte Männer unter ihnen, einige haben lange, andere kurze Bärte, alle einen dunklen Teint - sind nicht erlaubt; die Gefangenen wünschten es nicht, heißt es.
Doch dann ist die Besichtigung von Camp 4 abrupt zu Ende, weil aus einer Zelle lautes Geschrei erklingt. Wachen eilen zu der Zelle, deren Tür offen steht. Die Unruhe verfliegt bald wieder, offenbar nur ein Streit zwischen Gefangenen. Doch die Nervosität der Wachen ist größer als früher. Seit Dienstag weiß die Welt auch noch, daß 75 Gefangene am Wochenende in den Hungerstreik traten - zusätzlich zu jenen drei Männern, die seit Monaten die Nahrungsaufnahme verweigern und zweimal täglich, festgeschnallt auf einem Stuhl, mit einer Nasensonde zwangsernährt werden.
Neue Gefängnisgebäude
Der Fortgang der Besichtigung des Lagers offenbart, daß von einer bevorstehenden Abwicklung oder auch nur Verkleinerung des Lagers nicht die Rede sein kann. Außerhalb von Camp Delta, dem von einer doppelten Zaunreihe und Stacheldraht umgebebenen labyrinthischen Zellenblocksystem, dessen Lager von 1 bis 4 durchnummeriert sind, erheben sich die jüngsten Neubauten des Gefangenenlagers Guantanamo Bay. Camp 5 ist ein modernes, zweistöckiges Gefängnisgebäude aus Beton mit 100 Einzelzellen, das im Mai 2004 in Betrieb genommen wurde - gebaut von dem Unternehmen KBR, einer Tochterfirma des einst von Vizepräsident Dick Cheney geführten Unternehmens Halliburton. Die teilweise behinderengerecht ausgestatteten Zellen sind 1,83 mal 2,43 Meter groß und auf etwa 25 Grad Celsius klimatisiert. Drei Viertel der Zellen sind belegt - jeweils zur Hälfte von kooperationswilligen und -unwilligen Gefangenen. Das Gebäude wurde nach dem Vorbild eines Gefängnisses im amerikanischen Bundesstaat Indiana gebaut. Die Gefangenen haben bis zu zwei Stunden täglich die Möglichkeit, sich jeweils einzeln im Freien in den Sportanlagen aufzuhalten. Auch in Camp 5 werden die Gefangenen weiter verhört, zum Schutz der Vernehmer werden die Gefangenen während der Befragungen auf einer Art Fernsehsessel mit einer Fußfessel angekettet.
Gleich nebenan erhebt sich der fertige Rohbau von Camp 6, einem weiteren Gefängnisgebäude mit Platz für 200 Insassen, das einem Gefängnis im Bundesstaat Michigan nachempfunden ist. Es soll auch Gemeinschaftszellen umfassen und ist vor allem für die Unterbringung von Gefangenen aus Camp 4 gedacht - vorausgesetzt, diese verdienen sich nach der Revolte vom 18. Mai durch gute Führung wieder das Recht, in die angeblich unter den Gefangenen sehr begehrten Gemeinschaftszellen zurückverlegt zu werden. Hinter Camp 5 und Camp 6 ragt ein neuer, etwa drei Meter hoher grüner Metallzaun hervor, der seit etwa einem Jahr das gesamte Lagergelände umgibt. Vom neuen Wachtrum auf dem Hügel muß man einen prächtigen Blick haben auf das Lager - und auf das von Tiefblau nach Türkis changierende Wasser der Karibik.
Als Schatzkiste unverzichtbar
Schließlich ist das neue Hauptquartier der Lagerleitung zu besichtigen, ein mächtiges, fast fensterloses Gebäude von drei Stockwerken, in dem die Generäle, Admiräle und ranghohen Offiziere des Joint Task Force genannten Lagerkommandos von Heer und Marine ihre Dienst- und Besprechungsräume haben. Hier arbeiten auch die Vernehmer der verschiedenen Geheimdienste sowie der Bundespolizei FBI, die nach Angaben von Brigadegeneral Ed Leacock seit Anfang 2002 die Ergebnisse von mehr als 33.000 Vernehmungssitzungen verarbeitet und daraus mehr als 4.000 Berichte destilliert haben. Auch nach mehr als vier Jahren erfahre man von den Gefangenen wichtige Informationen, versichert Leacock. Daß das Lager bald geschlossen wird, kann er sich nicht vorstellen, es sei zum Schutz der Bürger der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten sowie als eine Art Schatzkiste für Informationen über den internationalen Terrorismus vorerst unverzichtbar.
George W. Bush dagegen sagt dieser Tage oft den Satz, er würde das Lager gern schließen, wenn seine Regierung doch nur wüßte, wer dann die noch etwa 460 Insassen aus gut drei Dutzend Ländern aufnehmen würde. Zudem gelte es, pflegt der Präsident hinzuzufügen, das Urteil des Obersten Gerichts abzuwarten, das bis Ende Juni darüber entscheiden muß, ob die von der Regierung vorbereiteten Verfahren gegen die Häftlinge vor Militärtribunalen in Guantanamo verfassungskonform sind oder ob sich nicht vielmehr amerikanische Zivilgerichte der mutmaßlichen Terroristen annehmen müssen. Auch Außenministerin Condoleezza Rice hat in der vorigen Woche bekundet, ihr Land wolle nicht der Gefängniswärter der Welt sein. Doch müsse man das Lager so lange betreiben, bis sich andere Staaten anböten, die gefährlichen Männer sicher zu verwahren.
Text: F.A.Z., 01.06.2006, Nr. 126 / Seite 3
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