11. August 2006 Einen Tag nach der Vereitelung der Terroranschläge in Großbritannien hat die italienische Polizei bei Sicherheitsrazzien 40 Menschen festgenommen. Das teilte das Innenministerium in Rom am Freitag mit. Die Festnahmen seien an Versammlungsplätzen von Muslimen in Rom, Mailand, Venedig, Florenz, Neapel und weiteren Städten erfolgt.
Die Razzien seien Teil eines Sondereinsatzes nach der britischen Anti-Terror-Operation gewesen, erklärte das Ministerium. 28 Menschen seien wegen Verstößen gegen das Aufenthaltsrecht festgenommen worden und zwölf wegen Eigentumsdelikten. Ziel der Razzien seien unter anderem Call Center und Internet-Cafés gewesen. Wie aus Kreisen des Innenministeriums verlautete, wurde jedoch keine der Personen vor dem Hintergrund der Terrorbekämpfung festgenommen.
Gibt es einen Plan B in Großbritannien?
Großbritannien ist auch am Freitag im Alarmzustand geblieben. Nach amerikanischen Erkenntnissen soll es fünf Verdächtigen gelungen sein, unterzutauchen. Die Polizei will nicht ausschließen, daß die Gruppe einen Plan B hat, dem sie sich jetzt widmen könnte.
Bis Freitag mittag waren in Großbritannien 24 junge Männer vorwiegend pakistanischer oder nordafrikanischer Abstammung in Haft. Die Sicherheitsbehörden glauben, daß sie einen Anschlag auf zehn Flugzeuge amerikanischer Gesellschaften vorbereitet haben, dessen Ausführung unmittelbar bevorstand. Die Bank von England hat die britischen Bankkonten von 19 Mitgliedern der Runde gesperrt und bei der Gelegenheit ihre Namen veröffentlicht. Im Zusammenhang mit den britischen Ereignissen sind in Pakistan ebenfalls zwei Männer festgenommen worden. Der pakistanische Hintergrund soll weitere Aufschlüsse versprechen.
Märtyrer-Video aufgetaucht?
Scotland Yard hat 28 Tage, um die Verhafteten zu verhören und eine Anklage zu ermöglichen. In Fällen terroristischer Konspiration ist das schwieriger als eine Aufklärung durch den Geheimdienst, der keine Beweise braucht, die vor Gericht Bestand haben. Immerhin soll der Polizei ein Märtyrer-Video für die Zeit nach dem Massaker in die Hände gefallen sein, also eine Selbstbezichtigung, die für eine Aufführung durch den arabischen Sender Al Dschazira vorbereitet war. Ansonsten war auch am Tag nach den Razzien in London, Oxfordshire und Birmingham nur in groben Zügen zu sehen, wie die Geschichte sich ein Jahr lang entwickelt hatte.
Zum dramatischen Abschluß, die kurzfristige Entscheidung zum Zugriff, gibt es drei Versionen. Eine sagt, die Verhaftungen in Pakistan hätten den britischen Verschwörern als Warnung gedient, und sie seien bereit gewesen abzutauchen. Andere glauben, die pakistanischen Häftlinge hätten dem pakistanischen Geheimdienst beim Verhör so viel enthüllt, daß die pakistanischen Behörden den britischen Kollegen genug Material für einen Zugriff geben konnten. Wieder andere meinen, die konspirative Verbindung nach Pakistan sei intakt gewesen und die Spur sei nur heiß geworden, weil eine Geldüberweisung aus Pakistan am britischen Ende für Aufmerksamkeit sorgte. Die Anweisung der Bank von England scheint das zu bestätigen.
Nur eine Generalprobe?
Die Beschattung hat aber anscheinend auch genug unabhängige Hinweise gegeben. Die Polizei war ohnehin wegen des nahenden Jahrestags der New Yorker Anschläge vom 11. September 2001 besonders aufmerksam. Es heißt, die Überwachten hätten sich für eine Generalprobe vorbereitet, bei der getestet werden sollte, ob es einfach sei, bestimmte Flüssigkeiten und getarnte Zünder an Bord eines Flugzeugs mitzunehmen.
Sicher ist nur, daß für die zuständigen Behörden der Schrecken nicht aus heiterem Himmel kam; vielmehr hat die Überwachung eine Geschichte, die älter ist als ein Jahr. Damals waren die jetzt Festgenommenen nur ein Teil jener Sammlung von rund tausend Verdächtigen, denen der Inlandsgeheimdienst MI5 routinemäßig seine besondere Aufmerksamkeit zuwendet. Nur allmählich wurde deutlich, daß die Gruppe Verbindungen im ganzen Land knüpfte und Kontaktpersonen hatte in Ostlondon, Birmingham und High Wycombe. Auch im Ausland gab es Freunde.
Auch ein junger weißer Brite beteiligt
Die nächste Alarmstufe wurde erreicht, als den Beobachtern auffiel, daß diese Leute ein ungesundes Interesse entwickelten für Flugzeuge, hausgemachte Sprengstoffe und Wege, sie in ein Flugzeug zu bringen. Bei der weiteren Auswertung der Gruppe fiel auf, daß zwar die meisten von islamischer Herkunft aus Pakistan und Nordafrika waren; doch auch ein etwa 20 Jahre alter weißer Brite mit gutbürgerlichem Hintergrund war darunter, der vor sechs Monaten zum Islam konvertiert war. Das fiel auf, weil Terroristen dieses Kalibers nach Erfahrung der Dienste gerne einen Konvertiten aufnehmen, um ihn später als Märtyrer herauszustellen und dergestalt zu zeigen, wie der Islam in die westliche Gesellschaft hineinwachse.
Seit Dezember vergangenen Jahres war auch der Auslandsgeheimdienst MI6 eingeschaltet. Doch selbst die weitergespannte Überwachung soll nicht einen direkten, organisatorischen Zusammenhang mit Al Qaida enthüllt haben oder einem prominenten auswärtigen Drahtzieher. Vielmehr wird vermutet, die 24 Festgenommenen hätten sich ebenso autark vorbereitet wie die Londoner Selbstmordattentäter vom 7. Juli vorigen Jahres.
Text: Hr./F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS
