23. Februar 2005 An einer Stelle der gemeinsamen Pressekonferenz machte der Bundeskanzler einen Scherz, der für den Tag in Mainz bezeichnend war: Der Präsident und er hätten eigentlich ausgemacht, daß man nicht mehr immer nur über Meinungsunterschiede sprechen wolle, sagte Gerhard Schröder.
Er war gefragt worden, was die beiden Männer denn hinsichtlich der vom Kanzler unlängst angeregten Nato-Reform eine und was sie trenne. Auch Bush wollte seinem Gastgeber offenkundig nicht in den Rücken fallen und pflichtete dem Kanzler zumindest insofern bei, daß die Allianz der Ort für bedeutsame strategische Dialoge sein müsse. So wurden die Irritationen, die Schröder mit seiner auf der Münchner Sicherheitskonferenz vorgetragenen Einschätzung hergerufen hatte, in der Nato würde nicht über die großen sicherheitspolitischen Themen gesprochen, elegant überspielt.
Zur Schau gestellte Einmütigkeit
Die Gesichter, die der Kanzler und sein Gast im Forstersaal des Mainzer Schlosses im Blitzlichtgewitter der Kameras machten, vermittelten nicht den Eindruck, als ob zwischen den beiden Männern noch einmal eine tiefe persönliche Freundschaft erblühen wird. Zuvorkommend, respektvoll war der Umgang, herzlich wirkte er nicht. Auch der Begleittroß aus Ehefrauen, Ministern und Beratern betrat den Saal mit ernster, konzentrierter Miene. Dafür gab es aber viele freundliche Worte. Schröder sprach von einem sehr, sehr intensiven sowie einem außerordentlich erfolgreichen und außerordentlich freundschaftlichen Gespräch, über das er sehr froh sei.
Bush hob hervor, daß Amerika ein Interesse an einem starken und vitalen Deutschland habe und daß sein Aufenthalt in Mainz eine wichtige Reise für mein Land und für mich bedeute. In den großen Fragen der Weltpolitik, vom Irak (Anerkennung des deutschen Beitrags durch Bush) über Nahost (Würdigung des amerikanischen Engagements durch Schröder) bis zu Iran (Betonung des Diplomatischen durch beide), stellten sie große Einmütigkeit zur Schau.
Wenige greifbare Ergebnisse
Mit diesen Gesten hatte der Besuch in Mainz seine wichtigste Funktion erfüllt: Der deutschen Öffentlichkeit sollte vorgeführt werden, daß die Zeiten des steifen Händedrucks vorüber sind. Noch vor der Abreise hatte das Weiße Haus die amerikanische Presse darauf vorbereitet, daß es wenige greifbare Ergebnisse der Reise geben werde. Wichtig sei, daß die angespannte Atmosphäre überwunden werde, die seit dem Irak-Zerwürfnis in den transatlantischen Beziehungen herrschte. In Berlin wurde zur gleichen Zeit beteuert, der Kanzler freue sich über die amerikanische Charme-Offensive, die mit der Europareise von Außenministerin Rice zu Beginn des Monats begonnen hatte.
Eigentlich hatten sich Bush und Schröder schon vor eineinhalb Jahren wieder zusammengerauft. Im September 2003 trafen sie sich am Rande der UN-Vollversammlung zu einem 40 Minuten dauernden Gespräch in New York. Nach den langen Monaten, in denen die beiden einander bei internationalen Gipfelkonferenzen aus dem Weg gegangen waren, stellte die Zusammenkunft im Hotel Waldorf Astoria den ersten ernsthaften Versuch dar, den Streit über den Irak beizulegen. Es folgten weitere Treffen, unter anderem eines im Weißen Haus im Februar 2004, die aber alle unter einem Vorbehalt standen: Bush war mit dem Wahlkampf beschäftigt, und in Berlin schien man erst einmal abzuwarten, ob nicht ein Machtwechsel im Weißen Haus stattfinden würde.
Chirac mußte sich mit einem Dinner begnügen
Es war Frau Rice, Bushs treue Beraterin für alles Strategische, die diese Fäden nach der Wiederwahl des Präsidenten rasch aufnahm. Schon wenige Tage nach dem Wahlsieg legte sie ihm ein langes Memorandum vor, in dem die Verbesserung der Beziehungen zu den Europäern als Priorität für die zweite Amtszeit beschrieben wurde. Daß daraus eine Europa-Reise hervorging, in der die Deutschen eine hervorgehobene Rolle spielen, hat man in Berlin in den vergangenen Wochen mit Genugtuung registriert. Der französische Präsident Chirac, der mit Schröder den Protest gegen den Irak-Krieg angeführt hatte, mußte sich mit einem Abendessen in der Residenz des amerikanischen Botschafters in Brüssel begnügen; Chirac war es auch nicht gelungen, noch vor Bushs Europareise ins Weiße Haus eingeladen zu werden.
Schröder dagegen bekam die Gelegenheit, den Präsidenten im eigenen Land zu empfangen. Zählt man Bushs dreitägigen Aufenthalt in Brüssel als Arbeitsbesuch bei den europäisch-atlantischen Institutionen, dann wurde auf dieser Reise nur noch der Slowakei die Ehre eines wirklichen Staatsbesuches zuteil. In der feinen Welt des diplomatischen Protokolls sagen solche Unterschiede viel.
Der Versuch, häßliche Worte auszuschließen
Dazu paßte, daß Bush beim Mittagessen im Mainzer Schloß in seiner Tischrede feststellte: Dieses großartige Land ist das Herz Europas. Um den Präsidenten bei den Deutschen beliebter zu machen, hatten die Amerikaner auch eine Begegnung mit Mainzer Bürgern vorgesehen. Im eigenen Land nutzt die amerikanische Regierung dieses Instrument gern und achtet dabei stets auf eine sorgfältige Planung. Die Deutschen konnten dem Weißen Haus aber nicht versprechen, daß bei einer solchen Veranstaltung mit ein paar hundert Teilnehmern nicht auch ein paar häßliche Worte fallen würden. Deshalb ersann man kurzerhand eine kleine Diskussionsrunde von Präsident und Kanzler mit 24 jungen deutschen Führungskräften, die am Mittwoch nachmittag im Mozartsaal des Schlosses stattfand.
Die jungen Leute waren von deutsch-amerikanischen Austauschorganisationen wie der Atlantik-Brücke, dem Marshall Fund oder der Fulbright-Kommission nominiert worden. Bei der Auswahl orientierten sich die Amerikaner offenbar an vertrauten Namen: Zu den Teilnehmern gehörten Mitarbeiter von amerikanischen Firmen wie der Unternehmensberatung McKinsey und der Investmentbank Goldman Sachs oder Sprößlinge der Familien Bismarck und Ribbentrop. Ein Teilnehmer der Runde berichtete hinterher von einer lockeren, entspannten Atmosphäre. Beide Politiker wollten wirklich ein neues Kapitel in den Beziehungen beider Länder aufschlagen.
Vom Tisch ist die Causa Irak nicht
Völlig vom Tisch ist die Causa Irak aber nicht, das konnte auch der wohlinszenierte Tag in Mainz nicht verdecken. Vor seiner Weiterreise nach Bratislava (Preßburg) besuchte Bush am späten Nachmittag amerikanische Soldaten in Wiesbaden-Erbenheim. Die dort stationierte 1. gepanzerte Division war erst kürzlich aus dem Irak zurückgekehrt, wo sie einige harte Kämpfe zu bestehen hatte. Die Bundesregierung hatte dem Weißen Haus angeboten, der Kanzler könne Bush bei dieser Visite begleiten. Das wurde von den Amerikanern aber abgelehnt. Seinen eigenen Soldaten wollte der amerikanische Oberbefehlshaber wohl nicht unbedingt im Beisein des erklärten Kriegsgegners den Dank aussprechen. Als Kompromiß fand im Mainzer Schloß eine Begegnung der beiden mit jeweils zehn amerikanischen und deutschen Soldaten statt, die in Afghanistan im Einsatz waren.
Aber auch die Bundesregierung achtete sorgfältig auf die Kraft der politischen Symbolik. Als Frau Rice den Besuch ihres Chefs vorzubereiten begann, da fragte sie, ob man sich nicht in Hannover treffen wolle. Das wiederum erschien dem Kanzleramt zu viel des Guten. Ähnlich wie Bush, der besonders enge Verbündete auf seine Farm nach Texas bittet, versteht Schröder eine Einladung in seine Heimatstadt als Würdigung eines besonders guten Einvernehmens. Daß die beiden so weit nicht sind, ließ sich auch daran ablesen, daß Bush in Mainz nicht das Wort seines Vaters aufnehmen wollte, Deutschland und Amerika hätten eine Partnerschaft in der Führung (partnership in leadership). Er sagte, die beiden Länder teilten das Ziel einer freien und friedlichen Welt. So würde ich Deutschland einen Partner nennen, der wie wir seine Pflicht tut.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: AP, dpa, dpa/dpaweb, REUTERS