Irak

In der Matrix des Terrors

Von Rainer Hermann, Istanbul

11. Februar 2004 Die jüngsten Anschäge von Al Iskandarija und Bagdad folgen dem Strategiepapier. Zum zweiten Mal innerhalb von 24 Stunden hat ein Selbstmordattentäter im Irak Dutzende von Menschen mit in den Tod gerissen. Bei der Explosion einer Autobombe vor dem zentralen Rekrutierungsbüro der neuen irakischen Armee in Bagdad starben am Mittwoch mindestens 39 Menschen. Wie bereits bei dem Anschlag vom Dienstag, bei dem in Iskandarija südlich von Bagdad rund 50 Iraker ums Leben gekommen waren, die sich für den Polizeidienst melden wollten, wurden auch diesmal wieder Zivilisten zu Opfern, die sich um eine Arbeit in einer von den Amerikanern organisierten Sicherheitstruppe bewerben wollten.

Selbstmordanschläge haben bisher meist islamistische Terroristen verübt, und Iskandarija ist eine Stadt mit schiitischer Bevölkerung. Der Anschlag folgt damit dem Strategiepapier, das den Amerikanern in Bagdad in die Hände gefallen war und das sie zu Wochenbeginn präsentiert haben. Es soll von Al Qaida stammen und von Abu Musab al Zarqawi verfaßt worden sein.

Strategie der gezielten Eskalation

Darin entwickelt al Zarqawi auf siebzehn Seiten eine Strategie, um in den nächsten Monaten im Irak den Terror eskalieren zu lassen: Mit Angriffen auf die Schiiten sollen diese zu Racheaktionen gegen die Sunniten angestachelt werden. Dadurch soll dann unter Sunniten eine Radikalisierung beginnen, und sie sollen bereit werden, sich von Al Qaida rekrutieren zu lassen. Schon vor dem Fund des Papiers in einem Bagdader Wohnhaus hatte Washington für Hinweise, die zur Ergreifung al Zarqawis führen, eine Belohnung von fünf Millionen Dollar ausgesetzt. Auf der jüngsten amerikanischen Fahndungsliste steht al Zarqawi deshalb schon an zweiter Stelle. Nur für die Ergreifung von Izzat Ibrahim al Duri, dem ehemaligen Stellvertreter Saddam Husseins, gibt es eine Belohnung von zehn Millionen Dollar.

Die Zahl der Iraker auf den amerikanischen Fahndungslisten nimmt ab. Dafür sind auf ihnen immer mehr islamistische Terroristen zu finden. So nahmen amerikanische Soldaten am Dienstag den früheren Führer der Baath-Partei und ihrer Miliz in Qadissijah, Muhsin Chadar al Chafadschi, fest. In dem Kartenspiel, das die Amerikaner im vergangenen Mai auf der Grundlage ihrer ersten 55 Personen umfassenden Fahndungsliste veröffentlicht hatten, stand er auf Platz 48. Auf Hinweise zu seiner Ergreifung war eine Belohnung von bis zu einer Million Dollar ausgesetzt. Aus dem Kartenspiel fehlen nur noch 13 Iraker. Die Festnahme des 1966 geborenen al Zarqawi ist den Amerikanern aber fünf Millionen Dollar wert - ebenso wie die seiner Al-Qaida-Gefährten Dschamal Muhammad al Badawi und Abdullah al Saub. Es ist keine Überraschung, daß Washington gerade al Zarqawi als den gefährlichsten Al-Qaida-Terroristen im Irak einschätzt. Auf der neuen Fahndungsliste findet sich auch sein Stellvertreter Muammer Ahmad Yusuf al Dschaber.

Festnahme eines Al-Qaida-Kuriers

Die Amerikaner stochern bei der Suche nach Al Qaida im Irak nicht mehr im dunkeln. Das verdanken sie der Festnahme eines Al-Qaida-Kuriers, des Pakistaners Hassan Ghul. Damit konnten sie die Präsenz des Terrornetzwerks im Irak nachweisen. Nur wenige Tage nach der Verhaftung Ghuls fiel den Amerikanern das Dokument al Zarqawis in die Hände. Darin brüstet er sich, Al Qaida habe im Irak 25 Selbstmordanschläge verübt. Die Anzeichen verdichten sich, daß das Netzwerk für die Anschläge auf den schiitischen Geistlichen al Hakim verantwortlich ist, bei dem 126 Menschen getötet worden sind, sowie für die Attentate auf das Hauptquartier der Vereinten Nationen in Bagdad und auf italienische Soldaten in Nassirija.

Al Zarqawi nimmt in der Matrix des islamistischen Terrors eine zentrale Stellung ein, und er verkörpert die Funktionsweise dieses Terrors stärker als andere. Der in Jordanien geborene Palästinenser hatte im Kampf gegen die sowjetische Armee in Afghanistan den Führungszirkel von Al Qaida kennengelernt. Heute ist er deren Verbindungsmann zu einer Reihe regionaler Terrorgruppen, deren Gedankengut ebenfalls auf dem Dschihad basiert. Auf Anordnung Bin Ladins hatte er diese Kontakte nach dem Beginn der amerikanischen Offensive in Afghanistan intensiviert. Daraus sind wenig strukturierte und durchlässige Netzwerke des Terrors entstanden. Al Qaida übernahm wohl die ideologische Führung, die anderen Gruppen arbeiteten nun bei Bedarf zusammen - finanziell, logistisch und bei Anschlägen.

In dieser Matrix des Terrors gilt al Zarqawi als der operative Kopf der Gruppen Al Tawhid und Bayat al Imam. Geistlicher Führer von Tawhid ist Abu Qatada, der seit vergangenem Jahr in einem Londoner Gefängnis sitzt, und von Bayat al Imam Abu Muhammad Al Maqdisi. Beide sind radikale islamische Theologen palästinensischer Herkunft. Gegen vier mutmaßliche Mitglieder von Tawhid hat am Dienstag vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht ein Verfahren begonnen. Sie sollen im Auftrag von al Zarqawi Anschläge gegen jüdische Einrichtungen geplant haben. Dem Kommando von al Zarqawi sollen zudem im nordirakischen Bergland die Gruppe Ansar al Islam unterstehen. Kontakte unterhält der in Jordanien aufgewachsene Palästinenser mutmaßlich auch zur libanesischen Hizbullah.

In vielen Ländern gesucht

Al Zarqawi ist "Veteran" des Dschihads und gehört zum inneren Kreis von Al Qaida. Bei der Planung der rechtzeitig aufgedeckten "Millenniumsattentate" sollte er Anschläge auf ein Luxushotel in Amman sowie auf christliche, amerikanische und israelische Einrichtungen in Jordanien organisieren. Im Jahr 2000 kehrte er nach Afghanistan zurück. Dort übernahm er ein Trainingslager und wurde zum Spezialisten von Al Qaida für biologische und chemische Waffen.

Im Mai 2002 soll ihm nach einem Unfall in Bagdad ein Bein amputiert worden sein. Gesucht wird al Zarqawi in vielen Ländern. Die Bundesanwaltschaft hat ein Ermittlungsverfahren gegen ihn eingeleitet. Die Türkei macht ihn als Drahtzieher für die Anschläge im November verantwortlich. Neben der Türkei soll Bayat al Imam auch in Afghanistan und Pakistan, in Iran und Syrien sowie Georgien und Deutschland mit Zellen vertreten sein.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.02.2004, Nr. 35 / Seite 3
Bildmaterial: dpa/dpaweb

 
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