Von Michael Martens, Jochen Buchsteiner, Jasper von Altenbockum
10. Oktober 2008 Dass Martti Ahtisaari, der Friedensnobelpreisträger dieses Jahres, von März 1994 bis Februar 2000 Staatspräsident Finnlands war, wirkt heute wie ein sonderbarer Irrweg seiner Biographie. Der Finne ist zwar ein Diplomat mit politischem Verstand, aber weniger ein Politiker mit diplomatischem Gespür. Er beeindruckt im Gespräch unter vier Augen, doch fällt es schwer, sich diesen Mann als Redner vorzustellen, der Massen überzeugt, gar mitreißt. Sein Charisma wirkt im kleinen Kreise, nicht vor einer Fernsehkamera. So blieb es für ihn denn auch bei nur einer Amtszeit an der Spitze Finnlands. Danach tat Ahtisaari wieder, was er schon davor getan hatte: Er vermittelte.
Mit dieser nicht erlernbaren Beschäftigung hat Ahtisaari Jahrzehnte verbracht. Begonnen hat er seine diplomatische Laufbahn 1965 im finnischen Außenministerium. Weniger als ein Jahrzehnt später erhielt er seinen ersten Botschafterposten in Tansania, danach ging er zu den Vereinten Nationen und blieb als deren Vermittler in Afrika, in Namibia.
In Belgrad wurde er zum neuen Star Europas
Die erste Mission auf dem Balkan übernahm Ahtisaari 1999, als er sich zuhause gerade von der politischen Bühne verabschiedet und mitgeteilt hatte, er wolle nicht noch einmal Staatspräsident werden. Von Mitte Mai an führte er die Verhandlungen zwischen dem jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic, Russland und den Vereinigten Staaten. Im Juni, auf dem Höhepunkt des Krieges der Nato gegen Milosevics Restjugoslawien, war Ahtisaari mit dem russischen Beauftragten Viktor Tschernomyrdin in die serbische Hauptstadt gereist, um den zunehmend wirklichkeitsresistenten Belgrader Herrscher zum Einlenken zu bewegen. Schon am Tag darauf stimmten Milosevic und das serbische Parlament dem Friedensplan zu, Belgrad zog seine Streitkräfte und Polizeieinheiten aus dem Kosovo ab, die Nato beendete ihre Luftangriffe auf serbische Ziele. Ahtisaari, so titelte die F.A.Z. damals, war zum neuen Star Europas geworden.
Dahinter steckte eine Menge diplomatisches Geschick und rhetorische Millimeterarbeit. Ahtisaari sagte einmal, dass der Balkan für Vermittler ein besonders hartes Pflaster sei, so hart, dass er sich, als er mit den Konflikten der Region befasst war, oft nach Afrika zurückgesehnt habe: Was mich am meisten beeindruckt hat während meiner afrikanischen Jahre war die Fähigkeit der Afrikaner, zu vergeben. Leider habe ich dieselbe Einstellung in Europa nicht vorgefunden.
Amerikas Doppelmagnet im Kosovo
Als Finne war Ahtisaari deshalb so gut für die Kosovo-Diplomatie geeignet, weil sein Land damals wie heute außerhalb der Nato stand, beste Kontakte nach Moskau unterhält, Mitglied der EU ist und das Vorgehen der Amerikaner auf dem Balkan mit Wohlwollen verfolgte. Ahtisaari diente als das europäische Eisen im Doppelmagnet der Amerikaner: Er sollte erst Russland für eine Friedenslösung für das Kosovo gewinnen, mit Russland dann Serbien anziehen - das alles vor dem Hintergrund amerikanischer Militäroptionen.
Die Kosovo-Mission machte Ahtisaari zum international gefragten Diplomat. Er wurde bei den Inspektionen von Waffenlagern der Irisch-Republikanischen Armee (IRA) in Nordirland eingesetzt, im Sommer 2000 ernannte ihn der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte zu einem der drei Weisen, die überprüfen sollten, ob sich Österreich trotz einer Regierungsbeteiligung der FPÖ und Jörg Haiders an die europäischen Grundwerte hält. Ernster wurde es für Ahtisaari im April 2002, als er die Kommission leitete, die ein mutmaßliches Massaker der israelischen Armee im palästinensischen Flüchtlingslager Dschenin untersuchen sollte.
Als der Name Martti Ahtisaari das erste Mal in Indonesien auftauchte, war die Hoffnung nicht groß. Zu viele erfolglose Vermittler hatte der seit dreißig Jahren andauernde Konflikt zwischen der Bewegung Freies Aceh (Gam) und der Regierung in Jakarta schon gesehen. Aber die Gespräche, die im Februar 2005 im finnischen Vantaa unter der Moderation Ahtisaaris geführt wurden, nahmen dann rasch einen vielversprechenden Verlauf.
Beherzt hatte der finnische Vermittler die Gelegenheit beim Schopf gepackt, die der tragische Tsunami zwei Monate zuvor eröffnet hatte. Die unvorstellbare Zerstörung in der indonesischen Provinz und die hohen Opferzahlen auf beiden Seiten des Bürgerkrieges hatten die Beteiligten gewissermaßen im Leid vereint und einen neuen Versöhnungswillen aufflammen lassen. Im Vordergrund stand der gemeinsame Wiederaufbau der verwüsteten Provinz, der Feindschaften nicht vertrug.
Gescheitert - und am Ende doch erfolgreich
Ahtisaari erkannte aber auch die nützlichen Schwachstellen beider Seiten. Während die Gam wegen ihrer hohen Verluste von Kämpfern und Kriegsmaterial empfindlich geschwächt war, ging es dem damals noch neuen indonesischen Präsidenten Susila Bambang Yudhoyono vor allem darum, durch Gesten das Vertrauen der internationalen Gemeinschaft zu erwerben, ohne die der Wiederaufbau kaum zu stemmen gewesen wäre.
Nicht einmal fünf Monate nach dem Beginn der Verhandlungen verkündeten die Regierung und die Gam ein Friedensabkommen, das im August 2005 unterzeichnet wurde. Zunächst abgesichert von einer Mission aus Beobachtern der EU und der Vereinigung Südostasiatischer Nationen (Asean) wurde es in den vergangenen Jahren Schritt für Schritt nach Plan umgesetzt. Trotz kleinerer Rückschläge hält das Abkommen bis heute.
Ahtisaari kehrte vor drei Jahren wieder auf den Balkan zurück: Anfang November 2005 ernannte ihn der UN-Sicherheitsrat einstimmig zum Leiter der Verhandlungen, die den künftigen Status der noch zu Serbien gehörenden Provinz festlegen sollten. Im Juli 2006 brachte er in Wien das erste Treffen zwischen den höchsten Vertretern Serbiens und des Kosovo zustande. Im Februar 2007 legte er dann beiden Seiten seinen Plan vor: Das Kosovo sollte die Verwaltung der Provinz durch die Vereinten Nationen in eine bedingte Unabhängigkeit unter Aufsicht der Europäischen Union übergehen.
Doch Russland und Serbien blockten ab. Im März 2007 war Ahtisaaris Mission gescheitert - und doch indirekt erfolgreich: In Wien wurden die Verhandlungen zwar für beendet erklärt, und im UN-Sicherheitsrat blockierte Russland eine Lösung. Dennoch erklärten Amerika, Frankreich, Großbritannien und Deutschland, dass sie auch ohne Moskau auf der Grundlage der Vorschläge Ahtisaaris weiterarbeiten wollen. Für das Kosovo war es das Signal, die Unabhängigkeit zu erklären. Ende 2007 war es soweit.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, dpa, REUTERS