Polen

Heftige Kritik aus Warschau an Ausstellung über Vertreibungen

11. August 2006 Warschaus amtierender Bürgermeister Kazimierz Marcinkiewicz hat seinen geplanten Besuch in Berlin wegen der umstrittenen Ausstellung über Vertreibungen abgesagt. So lange die Ausstellung laufe, werde er auf die Reise verzichten, sagte der Politiker dem polnischen Fernsehsender TVN 24. „Mein Besuch in Berlin könnte unter diesen Umständen mißverstanden und mißbraucht werden.“

Anlaß der ursprünglich für Freitag geplanten Reise war der 15. Jahrestag der Städtepartnerschaft zwischen Warschau und Berlin. Der frühere Ministerpräsident Marcinkiewicz ist übergangsweise noch bis zu den Wahlen im Herbst Bürgermeister der polnischen Hauptstadt.

„Versuch, die Geschichte zu relativieren“

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) bedauerte die Absage. Deren Gründe seien aber nicht in der Partnerschaft zu suchen, sagte Wowereit. Er sei gleichwohl „fest davon überzeugt, daß eine positive Entwicklung von Beziehungen im gemeinsamen Interesse nur dann gelingen wird, wenn man den Dialog sucht und nicht meidet“.

Die am Donnerstag eröffnete Schau „Erzwungene Wege“ wird in Polen heftig kritisiert. So wertete der konservative Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski sie am Donnerstag als „Versuch, die Geschichte des Zweiten Weltkrieges zu relativieren“. Bei einer Pressekonferenz im ehemaligen Konzentrationslager Stutthof bei Danzig sagte Kaczynski: „Es ist wichtig, in Erinnerung zu behalten, wer die Mörder und wer die Opfer waren.“ Die Ausstellung bringe nichts Gutes für Polen, Deutschland oder Europa. „Das ist ein sehr schlimmes, beunruhigendes und trauriges Ereignis“, sagte Ministerpräsident Kaczynski.

„Sehr gefährlich“

Die Ausstellung in Berlin wurde vom Zentrum gegen Vertreibungen organisiert, hinter dem der Bund der Vertriebenen (BdV) steht. Sie wird noch bis Ende Oktober im Kronprinzenpalais gezeigt und gibt einen Überblick über verschiedene Erscheinungsformen von Flucht, Vertreibung und Völkermord im 20. Jahrhundert.

Kritiker werfen dem Zentrum unter Leitung von BdV-Präsidentin Erika Steinbach (CDU) vor, das Leid der deutschen Vertriebenen zu stark in den Vordergrund zu rücken. Die konservative Regierung Polens und ein Großteil der dortigen Bevölkerung halten den Organisatoren vor, die Deutschen als Opfer eines Krieges darzustellen, den sie selbst begonnen hatten. Der BdV hofft indes, daß die Ausstellung den Weg bereitet für ein permanentes Zentrum gegen Vertreibungen in Berlin.

Dieses Vorhaben stößt in Polen auf besonders große Ablehnung. Der stellvertretende polnische Außenminister Pawel Kowal sagte der Nachrichtenagentur PAP: „Es ist sehr gefährlich zu versuchen, die Geschichte des Zweiten Weltkrieges auf das Problem der Vertreibungen zu reduzieren, ohne den Mord an den Polen und den Holocaust zu thematisieren.“

(Siehe auch: Zentrum gegen Vertreibung: Erzwungene Wege)



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa

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