Italien nach der Wahl

Feldherr ohne eigene Truppen

Von Heinz-Joachim Fischer, Rom

Wie stabil wird Prodis Kabinett?

Wie stabil wird Prodis Kabinett?

„Ordnungsgemäß und regulär, gemäß der Tradition der italienischen Demokratie“, befand Staatspräsident Ciampi, seien die Parlamentswahlen in Italien verlaufen. Damit hatte er recht und sprach erleichtert denen aus dem Herzen, die einen Terroranschlag befürchtet hatten, für jenes Land, das ein Truppenkontingent im Irak unterhält.

Doch die turbulenten Vorgänge nach dem Schließen der mehr als 60.000 Wahllokale am Montag um 15 Uhr, die falschen Prognosen der Institute, das „unendlich lange Warten“, so der ehemalige Bürgermeister von Rom und Parteichef der linken „Margherita“, Rutelli, auf verläßliche Ergebnisse, diese qualvollen Stunden für die einen wie die anderen - das wird Ciampi nicht gemeint haben. Aber solche Schwierigkeiten kommen in den besten Demokratien vor.

Ein knapper Sieg

Es muß wohl auch nicht weiter alarmieren, daß der bisherige Ministerpräsident Berlusconi über die knappe Niederlage seines Mitte-rechts-Bündnisses nicht so schnell hinwegkommt. Berlusconi ist ein Politiker des schnellen und unverbrämten Wortes. Daß er davon sprach, niemand dürfe sich als Sieger fühlen, oder bohrend in Frage stellte, ob bei der Auszählung der Stimmen alles seine Richtigkeit gehabt habe - was in der Verantwortung seines Parteifreundes, des Innenministers Pisanu, lag -, und schließlich die Möglichkeit einer großen Koalition erwähnte - all das müssen die Italiener als die Erklärungen des künftigen Oppositionsführers nicht mehr so ernst nehmen. Daß sich Berlusconi und die anderen Parteiführer der rechten Mitte furchtbar ärgern - und die des anderen Lagers sich himmelhoch freuen -, ist verständlich.

Denn der Abstand zwischen der siegreichen Links-„Union“ von Romano Prodi und dem unterlegenen „Haus der Freiheiten“ der bisherigen Regierungskoalition betrug 25.224 Stimmen (oder 0,066 Prozent), bei mehr als 47 Millionen Wahlberechtigten (über 18 Jahre) für die Abgeordnetenkammer.

Für den Senat ergab sich bei rund 43 Millionen Wahlberechtigten sogar ein Übergewicht von rund 400.000 Stimmen für die Mitte-rechts-Parteien. Dennoch verschaffte das komplizierte Wahlrecht nach dem Proporzsystem mit einer Prämie für die Mehrheitskoalition, der Garantie von mindestens 340 Abgeordneten in der Kammer und der besonderen Behandlung der Regionen für den Senat der Union eine Regierungsmehrheit.

Berlusconi hätte gewonnen

Das Wahlrecht, das erst im Herbst vergangenen Jahres von Berlusconis Koalition erzwungen worden war, hatte es möglich gemacht. Mit dem alten Wahlrecht, so rechnete man jetzt nach, hätte Berlusconi seinen Sieg vom Mai 2001 wiederholen können.

Das geltende Wahlrecht, das Prodi damals als „verfassungswidrig“ verurteilt hatte, gereichte der Linken jetzt zum Vorteil. Doch verheißt es für die Zukunft nichts Gutes. Denn die Mehrheitsprämie (die absolute Mehrheit der Sitze in der Kammer) wird automatisch gewährt. Es reichte dazu, daß die einzelnen Parteien sich bündniswillig erklärten und bereit waren, einen Spitzenkandidaten zu akzeptieren, hier Prodi, dort Berlusconi. Bei dem früheren Wahlrecht mußten sie sich schon in den einzelnen Wahlkreisen auf einen Kandidaten des jeweiligen Bündnisses einigen. Das war ein lehrreicher und oft heilsamer Prozeß der politischen Harmonisierung.

Regierungschef ohne Hausmacht

So kann sich Prodi jetzt, als gleichsam direkt gewählter Ministerpräsident, sicher an der Spitze der Links-Union fühlen, auch wenn er keine eigene Partei-Hausmacht besitzt. Er hat allerdings hinter sich die Senatoren und Abgeordneten von neun Parteien, die ihm zwar die Regierungsmacht verdanken, aber nicht den Parlamentssitz. Den halten sie aus eigenem Verdienst. Wie reagieren sie, wenn sich bei strittigen Themen - Wirtschafts- und Sozialpolitik, Renten- und Gesundheitsreform, Irak-Mission, Umwelt und Infrastrukturen etwa - ihre Meinung nicht mit der Regierungslinie Prodis deckt?

Da hat es Prodi zunächst mit den Linksdemokraten als stärkster Regierungspartei und der „Margherita“ zu tun, der er selbst verbunden ist. Beide haben sich für die Kammer zum „Ulivo“ (Ölbaum) zusammengetan, der jetzt also nicht mehr das ganze Linksbündnis, die Union, bezeichnet wie zwischen 1996 und 2001, und bringen es dort auf 31,3 Prozent der Sitze. Sie sind das Rückgrat der Regierung Prodi.

Die Linksdemokraten (DS mit 17,5 Prozent der Wählerstimmen im Senat) sind aus dem „Partito Comunista“ hervorgegangen und noch aus jener Zeit Disziplin und Integration gewohnt. Sie haben jedoch nicht verhindern können, daß sich von ihnen gleich zwei kommunistische Parteien abspalteten, die „Wiedergründung des Kommunismus“ (PRC; 5,8 in der Kammer - 7,4 im Senat) und die „Kommunisten Italiens“ (PdCI; 2,3 in der Kammer - 4,2 zusammen mit den Grünen im Senat). Diese Kommunisten haben in der Vergangenheit Prodi in Verlegenheit gebracht, schon einmal als Regierungschef gestürzt (Oktober 1998) und im Wahlkampf manche Probe ihres Eigensinns gegeben.

Gesellschaftsthemen mit Zündstoff

Die „Margherita“ (10,7 Prozent im Senat) hingegen sammelt jene, die sich als Linke der Mitte nahe fühlen. Liberale, Radikale und Grüne wie Rutelli (als deren Präsident) und linkskatholische Christdemokraten wie Castagnetti und Parisi finden sich da. Sie sehen Prodi als einen der Ihren und unterstützen ihn willig, wenn nicht bei Rutelli eine gewisse Rivalität dazwischenkäme, weil er als Spitzenkandidat der Linken im Mai 2001 gegen Berlusconi unterlegen war und diese Scharte gern selbst noch einmal auswetzen würde. Radikale und Sozialisten haben sich zur „Rosa nel Pugno“ (Rose in der Faust) (2,6 - 2,5) verbündet und wenden sich mit Vorliebe „weichen“ Minderheitsthemen zu.

In diesen Gesellschaftsthemen liegt Zündstoff, weil schwer abzuschätzen ist, ob die Wünsche von Minderheiten (Homo-Ehen, Adoption) den „Moderati“ gefallen. Das trifft auf die Grünen (2,1 - 4,2 zusammen mit PdCI) zu ebenso wie auf die Gruppe des ehemaligen berühmten Staatsanwalts Di Pietro „Italien der Werte“ (2,3 - 2,9) und auch auf die Christlichen Demokraten der Udeur (1,4 - 1,4) von Mastella.

In Kenntnis dieser Divergenzen wurde immer wieder der Plan vorgelegt, eine Partei der Gemäßigten links von der Mitte ins Leben zu rufen. Prodi und besonders Rutelli würden solch einer Partei gern vorstehen. Den Namen dafür hat man schon: „Demokratische Partei“. Doch diese Partei, als Gegenstück zu Berlusconis „Forza Italia“ auf der Rechten, wirklich zu gründen wurde bisher immer aufgeschoben. Dieses Projekt zu realisieren könnte sich als ebenso schwierig für Prodi erweisen, wie die ganze Legislaturperiode von fünf Jahren zu regieren, wie er ankündigte.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: dpa/dpaweb, F.A.Z.

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Legen Sie auf FAZjob.NET kostenfrei Ihre Bewerbungsmappe an und optimieren Sie ab sofort Ihre Karrierechancen mit ein paar Klicks!

Italien unter Prodi

Der linke Durchmarsch

Prodis Mehrheit hält - aber wie lange noch?

Romano Prodis Linksbündnis hält - vorerst. Trotz teilweise hauchdünner Mehrheit setzte es alle Präsidentenkandidaten in Kampfabstimmungen durch. Selten hat ein Wahlsieger eine so bescheidene Mehrheit so unbefangen eingesetzt, um den Staat auf Anhieb „links“ zu färben.

Italien

Prodi will alle Soldaten aus dem Irak abziehen

Den Zeitpunkt des Abzugs ließ Prodi offen

Der neue Ministerpräsident Romano Prodi will die knapp 3000 italienischen Soldaten aus dem Irak abziehen. „Der Krieg war ein schwerer Fehler, weil er das Problem der Sicherheit nicht gelöst, sondern noch verschärft hat“, sagte Prodi bei seiner Regierungserklärung.

Italiens neuer Präsident Napolitano

„Genosse mit Hut“

Giorgio Napolitano: Sein Herz schlägt links

Der bald 81 Jahre alte Giorgio Napolitano tritt als neuer Präsident Italiens gut gerüstet das Erbe Ciampis an. Doch trotz seiner Metamorphose vom Kommunisten zum Linksdemokraten beginnt der ehrenhafte Napolitano sein Amt mit einem schweren historischen Makel. Von Heinz-Joachim Fischer.

Italien

Napolitano zum neuen Präsidenten gewählt

Im vierten Anlauf gewählt: Giorgio Napolitano

Giorgio Napolitano ist neuer Staatspräsident Italiens. Im vierten Wahlgang stimmten 542 Mitglieder der Wahlversammlung für den 80 Jahren alten früheren Kommunisten. Damit setzte sich die Mitte-Links-Koalition des designierten Ministerpräsidenten Prodi gegen das Bündnis Berlusconis durch.

Italien

Berlusconi zurückgetreten

Erst nach Wochen konnte Berlusconi die Niederlage akzeptieren

Nun ist es amtlich: Drei Wochen nach der Parlamentswahl in Italien hat Ministerpräsident Silvio Berlusconi offiziell seinen Rücktritt eingereicht. Damit ist der Weg für Romano Prodi frei.

Italien

Fehlstart für Romano Prodi

Was tun? Prodi (links) mit Parteiführern

Italiens designierter Ministerpräsident Prodi kann sich auf eine turbulente Amtszeit einstellen. Sein Kandidat für die Senatspräsidentschaft fiel in zwei Wahlgängen durch. Auch in der Abgeordnetenkammer erhielt der Prodi-Kandidat keine Mehrheit.

Italien

Prodis Preis für die Macht

Romano Prodi: Feldherr ohne eigene Truppen

An diesem Freitag konstituiert sich das neue italienische Parlament. Es wird ernst für die Links-„Union“ unter Wahlsieger Romano Prodi. Nur die Macht hält sie zusammen. Die radikale Linke verlangt dafür ihren Preis. Prodi sind die Hände links gebunden.

Italien

Kommunist Bertinotti wird Kammer-Präsident in Rom

Fausto Bertinotti brachte 1998 Prodis Regierung zu Fall

Der 66 Jahre alte Kommunist Fausto Bertinotti soll neuer Präsident der Abgeordnetenkammer in Italien werden. Unterdessen bestätigte das Gericht auch die Mandatsmehrheit für Romano Prodis Bündnis. Wahlverlierer Berlusconi weigert sich, Prodi zu gratulieren.

Italien

Was macht Berlusconi jetzt?

Aufgeben ist nicht seine Stärke

Das oberste Gericht Italiens hat Oppositionsführer Prodi endgültig den Wahlsieg zugesprochen, die Ära von Ministerpräsident Berlusconi steht vor dem Ende. Bringt das Mitte-Rechts-Lager Prodis Bündnis nun durch Totalopposition zu Fall?

Italien

Prodi als Wahlsieger bestätigt

Das oberste Gericht Italiens hat den Sieg von Oppositionsführer Romano Prodi in der Abgeordnetenkammer bestätigt. Dies ergab die Überprüfung Tausender Stimmzettel. Die Partei von Silvio Berlusconi will das Ergebnis weiter anfechten.

Italien

Berlusconi hält sich für den moralischen Sieger

Berlusconi: selbstbewußer „Verlierer”

Die Hoffnungen Silvio Berlusconis, bei den Wahlen in Italien doch noch zum Sieger erklärt zu werden, waren vergebens: Die Anzahl strittiger Stimmzettel ist zu gering. Trotzdem will er das Ergebnis immer noch nicht akzeptieren.

Wahl in Italien

„Habt Ihr etwa geglaubt, Ihr werdet mich los?“

Berlusconi erhebt Vorwürfe

Italiens Präsident Ciampi soll das Ansinnen Berlusconis, mehr als eine Million Stimmen neu auszählen zu lassen, zurückgewiesen haben. Er sei erschüttert gewesen, berichtet eine Zeitung. Silvio Berlusconi hat seine Niederlage noch immer nicht eingestanden.

Italien nach der Wahl

Berlusconi will eine Million Stimmzettel prüfen

Berlusconi: “So viele Machenschaften“

Von Wahlbetrug will Berlusconis Bündnis nach der Niederlage zwar nicht mehr sprechen. „Unregelmäßigkeiten“ habe es aber schon gegeben. Deshalb fordert Italiens Ministerpräsident die nochmalige Überprüfung von 1,1 Millionen Stimmen.

Machtwechsel in Italien

Wer ist Romano Prodi?

Prodi hat einen äußerst knappen Sieg davongetragen

In seiner ersten Amtszeit als Ministerpräsident stand Romano Prodi für eine stabile Finanzpolitik. Als er Präsident der EU-Kommission war, warfen ihm Gegner mangelnde Führungs- und Entschlußfähigkeit vor. Bald wird Prodi wieder Italien regieren.

Italien

Prodis Linke gewinnt auch Mehrheit im Senat

Siegerlächeln: Prodi in Rom

Nun ist es offiziell: Das Linksbündnis von Romano Prodi hat die Wahl in Italien gewonnen. Es stellt die Mehrheit sowohl in der Abgeordnetenkammer als auch im Senat. Berlusconis Forza Italia will das nicht hinnehmen.

Italien nach der Wahl

Grande Confusione

Was geht hier vor? Prodi-Anhänger in der Wahlnacht

Tief gespalten und mißmutig, kommt Italien nach einer schrillen Wahlkampagne nur langsam zu sich. Zu knapp ist ihm der Sieg entglitten, als daß Berlusconi das Land aus seinem Griff entlassen würde.

Silvio Berlusconi

Der Einfallsreiche

Ein Kämpfer: Berlusconi

An Einfallsreichtum und Geschäftssinn hat Silvio Berlusconi noch keiner das Wasser reichen können. Schafft er nun doch noch den Wahlsieg, den viele nicht mehr für möglich hielten?

Wahl in Italien

Der erste Popstar der Weltpolitik

Berlusconi: Der erste Politiker, der sich benimmt wie ein Rocker

An diesem Sonntag und Montag wird in Italien gewählt - nach einem harten Wahlkampf. Gegen die Personality-Show von Ministerpräsident Berlusconi verblassen sogar die vaterländischen Ikonographien von Putin, Blair oder Chirac.

Italien

„Respektieren Sie den Regierungschef“

Prodi und Berlusconi: Verbaler Schlagabtausch

Berlusconi gegen Prodi: Beim letzten Fernsehduell vor der Parlamentswahl in Italien wurde gepöbelt und provoziert. Am Ende überraschte der Amtsinhaber seinen Kontrahenten und die Zuschauer mit einem Steuerversprechen für Immobilienbesitzer.

Kommentar

Das Programm Berlusconi

Gemessen am Ton und Inhalt des italienischen Wahlkampfes, entscheiden die Italiener am kommenden Wochenende mit ihren Stimmen nicht über wirtschaftliche Programme oder politische Richtungen, es geht nicht um links oder rechts, mehr Markt oder mehr Staat.