Von Petra Kolonko, Peking
14. März 2008 Lange hatte es so ausgesehen, als hätte die chinesische Regierung den Kampf um Tibet an allen Fronten gewonnen. Sie hat Massen von chinesischen Arbeitssuchende in das Gebirge wandern lassen, eine Eisenbahn aufs Dach der Welt gelegt und Straßen gebaut. Sie hat den Panchen Lama, einen ihr genehmen Religionsführer, installiert und zumindest einen Teil des buddhistischen Klerus auf ihre Seite gezogen. Sie hat Tibets Klöster mit Patriotismus-Kampagnen“ überzogen und sogar Geld für die Renovierung des Potala-Palastes des Dalai Lama ausgegeben.
Doch die Ruhe war eine erzwungene und in den Klöstern und Tempeln der tibetischen Hauptstadt Lhasa und anderer Orte lebt auch nach sechs Jahrzehnten chinesischer Herrschaft ein Widerstandsgeist weiter, der sich nun erstmals in gewaltsamen Aktionen Luft gemacht hat. Erinnerungen an das Jahr 1989 werden wach, als das letzte Mal tibetische Mönche Proteste gegen die chinesische Herrschaft anführten und die Sorge ist verbreitet, dass wie damals die chinesischen Herrscher Tibets und ihre tibetischen Statthalter mit harter Hand die Proteste niederschlagen werden.
Unvorstellbare Menschenrechtsverletzungen
Nach allen Berichten, die über Menschenrechtsorganisationen und Exil-Tibeter nach außen dringen, haben sich viele Mönche in Tibet keineswegs mit der chinesischen Herrschaft arrangiert, zählt bei ihnen das Wort des Dalai Lama immer noch mehr als die Anweisungen der chinesischen Behörden. Der Dalai Lama hatte sich am Montag, dem 49. Jahrestag des missglückten Aufstandes gegen die chinesische Herrschaft, mit einer scharfen Rede an die Öffentlichkeit gewandt. Unvorstellbare Menschenrechtsverletzungen“ hätten unter der chinesischen Herrschaft in Tibet stattgefunden, seit Jahrzehnten lebten die Tibeter in Angst – und vor allem sei die Lage in Tibet, entgegen der Beteuerungen der chinesischen Regierung, in den letzten Jahren nicht besser geworden.
Im Jahr 1950 waren chinesische Truppen in Tibet einmarschiert. Viele linksgerichtete Tibeter begrüßten damals noch die Ankunft der Kommunisten. Auch der junge Dalai Lama war zu Gesprächen mit der kommunistischen Führung bereit und unterzeichnete 1951 ein Abkommen mit Mao Tse-tung. Doch bald zeigte sich, dass die Chinesen in Tibet nicht wohlwollend herrschen wollten. Es kam zu einem Aufstand, der niedergeschlagen wurde, der Dalai Lama und zehntausende seiner Anhänger flüchteten nach Indien.
Die Unperson Dalai Lama
Im Namen der Abschaffung einer Sklavenhaltergesellschaft“ führten die chinesischen Kommunisten ihre Gesellschaftsordnung ein. Dann kam die Kulturrevolution. Hunderte von Klöstern und Tempeln wurden zerstört, Tausende Mönche und Nonnen inhaftiert und gefoltert. Erst zu Beginn der achtziger Jahre, als die chinesische Reformpolitik unter staatlicher Kontrolle auch wieder Religionen zuließ, wurden Klöster wieder geöffnet und aufgebaut. Ihre Zahl wurde aber begrenzt und die staatlichen Religionsbehörden kontrollieren sie mit patriotischen Erziehungskampagnen“, die vor allem eines zum Ziel haben: den Einfluss des Dalai Lama zu beenden.
In den vergangenen Jahren hat Peking eine Art Entwicklungspolitik“ betrieben, damit sich in Tibet, das immer noch die ärmste Provinz Chinas ist, der Lebensstandard verbessert. Es wurden mehr Touristen ins Land gelassen und generell erschien die Lage entspannter. Nach offiziellen Angaben gibt es in Tibet jetzt 1700 Klöster mit 46.000 Mönchen und Nonnen. Der Dalai Lama aber blieb weiterhin die Unperson, von der noch nicht einmal Bilder in Tibet erlaubt sind. Obwohl der Dalai Lama davon spricht, dass er keine Unabhängigkeit, sondern nur mehr Autonomie für Tibet wolle, schmähen die chinesische Regierung und ihre tibetischen Statthalter ihn als Separatisten“, der Tibet vom Mutterland abspalten wolle und überhaupt in der feudalistischen Vergangenheit verhaftet sei.
Keine Annäherung zwischen Tibet und China
Nach fünfzig Jahren im Exil und langem Hoffen, mit der chinesischen Regierung ins Gespräch zu kommen, hat das religiöse Oberhaupt der Tibeter die diplomatische Zurückhaltung abgelegt. Der nunmehr 72 Jahre alte Dalai Lama, der sich bislang noch immer bemüht hatte, der chinesischen Regierung Brücken zu bauen und einen Dialog zu suchen, hat offenbar kaum noch Hoffnung auf einen Ausgleich. Immer frustrierter klingen seine Stellungnahmen, immer dringlicher seine Appelle. Mehrere Verhandlungsrunden seiner Abgesandten mit chinesischen Behörden blieben ohne Ergebnis. Einmal im Jahr ließ die chinesische Regierung die Tibeter, vor allem auf Druck der Vereinigten Staaten, zu privaten Besuchen einreisen. Es gab keine Annäherung. Das letzte Mal gingen die Verhandlungen im vorigen Juni ohne Ergebnis auseinander.
Nun setzt der Dalai Lama seine Hoffnung auf die Olympischen Spiele. Im Olympia-Jahr ist Peking daran gelegen, sich als freundliches und friedliebendes Land zu zeigen. Im vergangenen Jahr sprach der Dalai Lama bei vielen ausländischen Regierungen vor. Er wurde von Präsident Bush und Bundeskanzlerin Merkel empfangen. Der amerikanische Kongress zeichnete ihn im Oktober mit einem Orden aus.
Als sich diese Nachricht über die inoffiziellen Kanäle in Lhasa verbreitete, wurde dort gefeiert, trotz Verboten der Sicherheitsbehörden. Einige Mönche wurden festgenommen. Es waren diese Verhaftungen, die jetzt die Proteste der Mönche in Lhasa verursacht haben. Die Mönche, die am Montag protestierten, forderten zuerst die Freilassung der Inhaftierten. Ein riesiges Polizeiaufgebot wurde gegen die etwa 500 Mönche vorgeschickt. An die fünfzig wurden nach verschiedenen Berichten verhaftet. Am nächsten Tag forderten die Demonstranten nicht mehr nur die Freilassung der Verhafteten, sondern ein freies Tibet, wie Augenzeugen dem Sender Freies Asien berichteten. Am Donnerstag breiteten sich die Protesten auf andere Klöster aus – und die Polizei setzte Tränengas ein. Am Freitag schließlich brannte es auf dem Markt in Lhasa. Die Tibet-Unterstützungs-Gruppe berichtet von Selbstmordversuchen zweier Mönche.
China: Unruhen sind ein Komplott des Dalai Lama
Die drei größten Klöster in der Umgebung von Lhasa, Ganden, Drepung und Sera, in denen jeweils mehrere hundert Mönche leben, sind von Sicherheitstruppen belagert. Einige Mönche sind in Hungerstreik getreten und fordern den Rückzug der paramilitärischen Truppen der chinesischen Bewaffneten Polizei“. Es ist nicht bekannt, wie weit sich die Bevölkerung von Lhasa den Protesten der Mönchen angeschlossen hat. Ohnehin ist Lhasa mittlerweile eine Stadt geworden, in der fast so viele zugewanderte Chinesen leben wie Tibeter.
Für ausländische Journalisten ist es kaum möglich, nach Tibet zu reisen und dort unbewacht zu recherchieren. Entgegen den Verpflichtungen, die die chinesische Regierung für die Olympischen Spiele eingegangen ist, hat die chinesische Regierung Tibet nicht für ausländische Journalisten geöffnet. So gründen auch die jüngsten Berichte auf Informanten der Exil-Tibeter und Menschenrechtsorganisationen.
Für die chinesische Regierung kommen die Proteste in Lhasa zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. In Peking tagt gerade der Nationale Volkskongress. In wenigen Monaten beginnen die Olympischen Spiele. Unruhen in Tibet entsprechen so gar nicht dem Bild, das Peking vermitteln will. Zudem macht sich Unruhe auch in der muslimischen Provinz Xinjiang bemerkbar. Die offizielle Stellungnahme war aber auch mit Aussicht auf Olympia hart: die Unruhen seien ein Komplott des Dalai Lama, um Unruhe zu stiften und Tibet von China abzuspalten. Die Frage ist jetzt, wie weit die Sicherheitskräfte in Tibet gehen werden, um ihnen Einhalt zu gebieten.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa
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