Präsidentschaftswahl

„Alle Franzosen haben gewonnen“

Von Michaela Wiegel, Paris

23. April 2007 Im Rennen um das französische Präsidentenamt kommt es am 6. Mai zu dem mit Spannung erwarteten Duell zwischen dem Konservativen Nicolas Sarkozy und der Sozialistin Ségolène Royal. Nach dem vorläufigen Endergebnis stimmten
im ersten Durchgang 31,11 Prozent der Wahlberechtigten für Sarkozy. Auf den zweiten Platz kam Royal mit 25,84 Prozent, wie das Innenministerium in Paris am frühen Montagmorgen weiter mitteilte.

Der Zentrist François Bayrou erhielt demnach 18,55 Prozent der Stimmen (2002 erhielt er lediglich 6,84 Prozent) und könnte damit zum „Königsmacher“ werden. Der Rechtsnationalist Jean-Marie Le Pen landete abgeschlagen auf dem vierten Platz mit 10,51 Prozent - vor fünf Jahren konnte er mit 16,86 Prozent in der Stichwahl gegen Chirac antreten, der damals in der ersten Runde 19,88 Prozent der Stimmen bekommen hatte. Dem Sozialisten Jospin war mit einem Ergebnis von 16,18 Prozent der Einzug in die zweite Runde nicht gelungen.

Wen werden Bayrous Anhänger wählen?

Die Wahlbeteiligung lag diesmal bei 84,60 Prozent und war damit die höchste seit mehr als 40 Jahren in der ersten Runde. Bei den Prozentzahlen fehlen nur noch die Stimmen aus Übersee, die erst am Montag veröffentlicht werden.

Noch in der Wahlnacht läuteten die beiden Bestplatzierten Sarkozy und Royal die zweite Runde im Wahlkampf um die Nachfolge von Jacques Chirac ein. Mit Blick auf die anstehende Stichwahl in zwei Wochen sprachen sie von einem Richtungsentscheid für Frankreich und zeigten sich zugleich bemüht, die Wähler der Mitte auf ihre Seite zu ziehen. Bayrou gab seinen Anhängern indes noch keine Wahlempfehlung für die Stichwahl. (Lesen Sie auch: Kommentar: Ohne Überraschung)

„Sieg der Demokratie“

Mit Blick auf die äußerst hohe Wahlbeteiligung nannte Sarkozy die Wahl am Abend in Paris einen „Sieg der Demokratie“. Das französische Volk habe sich „klar geäußert“. Indem die Franzosen ihn an erste Stelle und Frau Royal an zweite Stelle gewählt haben, hätten sie ihren Wunsch ausgedrückt, die „Debatte über zwei Vorstellungen von der Nation, zwei Gesellschaftssysteme, zwei Wertesysteme, zwei Politikkonzepte“ bis zum Ende zu führen.

Sarkozy versprach für die kommenden zwei Wochen eine respektvolle Auseinandersetzung mit der sozialistischen Kandidatin. „Ich möchte Frau Royal sagen, dass ich sie respektiere und dass ich ihre Überzeugungen respektiere“, sagte Sarkozy. Er dankte den „elf Millionen Wählern, die mich im ersten Wahlgang gewählt haben, von ganzem Herzen“. Sarkozy hob hervor, er wolle die Franzosen schützen und sich besonders um die Schwachen kümmern. Ihnen wolle er die Hoffnung zurückgeben. „Dieses brüderliche Frankreich hat mir alles gegeben. Ich schulde ihm alles und möchte ihm nun alles zurückgeben“, sagte Sarkozy. ( Siehe auch: Nicolas Sarkozy: Sarko! President!)

Royal: „Bereit, für den Wandel zu kämpfen“

Ségolène Royal trat später am Abend in ihrem Heimatwahlkreis, der Kleinstadt Melle, vor ihre dort versammelten Anhänger, bevor sie nach Paris zur großen Wahlveranstaltung der Sozialisten flog. Auch sie stellte sich als Vertreterin der Schwachen dar.

Mit Blick auf die Stichwahl forderte Frau Royal die Franzosen auf, die „Republik des Respekts triumphieren zu lassen“. Sie sei „bereit, für den Wandel zu kämpfen, damit Frankreich sich erhebt“. Als Präsidentin werde sie „Frankreich reformieren, ohne es brutal zu behandeln“. Die Sozialistin fügte hinzu: „Es gibt keine wirtschaftliche Effizienz ohne sozialen Fortschritt.“ (Siehe auch: Segolene! Presidente!)

Hohe Wahlbeteiligung

84,6 Prozent der 44,5 Millionen Wahlberechtigten hatten sich an der Wahl beteiligt. In vielen Wahllokalen hatten sich lange Warteschlangen gebildet. Der Verfassungsrat erlaubte es den Wartenden, auch nach der Schließung der Wahllokale um 20 Uhr noch ihren Wahlzettel in die Urnen zu werfen.

Eine Wahlbeteiligung in dieser Höhe war zuletzt bei der ersten Direktwahl des französischen Staatspräsidenten 1965 erreicht worden. Im ersten Wahlgang 2002 hatten nur 71,61 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben. Die langen Schlangen vor den Wahllokalen kamen teilweise auch dadurch zustande, dass etliche Wähler Schwierigkeiten hatten, neue Wahlcomputer zu bedienen.

„Alle Franzosen haben gewonnen“

Das erstarkte Interesse an der Wahl ging einher mit einer deutlichen Verringerung der Protestwählerschaft auf der extremen Linken und Rechten. „Der große Gewinner ist die Demokratie“, sagte Francois Fillon, der Berater Sarkozys, der als künftiger Premierminister genannt wird. „Die Wahlkampagne von Nicolas Sarkozy hat die Franzosen zurück an die Urnen gebracht.“

Der Vorsitzende der Sozialistischen Partei (PS) und Lebensgefährte Ségolène Royals, Francois Hollande, sagte, die Franzosen hätten mit ihrer Wahlentscheidung den 21. April 2002 vergessen gemacht, als Le Pen in die Stichwahl gelangt war. „Alle Franzosen haben gewonnen“, sagte Hollande. Er rief zu einer „großen Sammlungsbewegung“ auf der Linken zugunsten Segolene Royals auf.

Der SPD-Vorsitzende Kurt Beck gratulierte Frau Royal. „Mit Leidenschaft und Engagement haben sie einen großartigen und modernen Wahlkampf organisiert“, lobte Beck die französischen Sozialisten.

Le Pen enttäuscht

Der Front-National-Anführer Le Pen sagte in einer ersten Stellungnahme: „Ich habe mich verschätzt“. Er war sichtlich enttäuscht über sein schlechtes Abschneiden. Le Pen wollte keine Wahlempfehlung für den 6. Mai abgeben. Seine Tochter Marine Le Pen, die seinen Wahlkampf geleitet hatte, sagte, Le Pen werde sich dazu am 1. Mai äußern. Sarkozy habe „ein wenig wie ein Betrüger“ Positionen von Le Pen übernommen, ohne tatsächlich für mehr Sicherheit in Frankreich sorgen zu wollen, sagte Marine Le Pen.

Stichwahl in zwei Wochen

Die Überlegungen der Wahlstrategen richten sich nun auf die Stimmenübertragungen für die Stichwahl in zwei Wochen. Als entscheidend für den Ausgang der Wahl wird die Empfehlung des Zentristen Francois Bayrou betrachtet. Bayrou will sich damit Zeit lassen und vor einer Empfehlung seine Führungsriege konsultieren. Das kündigte sein Fraktionssprecher Herve Morin an.

Die Partei Bayrous, die UDF, hat bei allen vorangegangenen Parlamentswahlen Wahlbündnisse mit der UMP geschlossen. Doch in den vergangenen Monaten war Bayrou immer stärker auf Oppositionskurs zur UMP gegangen und hatte sich im Wahlkampf als Mann profiliert, der die Opposition zwischen Links und Rechts überwindet. Sarkozy hatte Bayrou im Wahlkampf als „Mann der Linken“ bezeichnet.

Bayrou nahm für sich in Anspruch, mit seinem Wahlergebnis „die französische Politik für immer verändert“ zu haben. „Es gibt endlich eine (politische) Mitte in Frankreich“, sagte der Zentrist zu seinen Anhängern, die sich vor der Zentrale seiner Partei UDF versammelt hatten. Sarkozy UMP und die Sozialisten würden unterschätzen, wie schlecht es Frankreich gehe. Er werde weiterhin alles dafür tun, dies zu ändern, sagte Bayrou.

Von den übrigen acht Kandidaten erzielte der Trotzkist Olivier Besancenot das beste Ergebnis. Er kam auf 4,11 Prozent der Stimmen. Die Kommunistin Marie-George Buffet, die 2002 3,4 Prozent bekommen hatte, erhielt nur 1,94 Prozent, der wegen Sachbeschädigung verurteilte Globalisierungsgegner José Bové kam auf 1,32 Prozent.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, FAZ.NET, REUTERS

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