Tony Blair

Frei von Selbstkritik

Von Johannes Leithäuser, London

Für die Zeitungen: “Der Premierminister hatte Zweifel“

Für die Zeitungen: "Der Premierminister hatte Zweifel"

21. Juni 2007 Tony Blair ist über die Maßen entschlossen, nichts Angefangenes liegenzulassen. Vor einem Jahr, als er unter dem Druck seiner Partei eine ungefähre Frist bis zum Rücktritt als Premierminister nennen musste, hatte er sich als Lieblingsvision für die letzten zwölf Monate die Lösung des Nahost-Konflikts vorgenommen. Dann aber war er doch zu sehr damit beschäftigt, den immer weiter steigenden Unmut seiner Anhänger und der Bevölkerung über den Einsatz britischer Truppen im Irak zu dämpfen, um noch friedensstiftend zwischen Jerusalem und Ramallah pendeln zu können. Auch wollten noch andere Visionen verwirklicht werden: die Versöhnung in Nordirland in einer gemeinsamen Regierung von Katholiken und Protestanten, die Hilfe für Afrika und die Abwehr der Erderwärmung.

Selbst wenn ältere Oppositionsabgeordnete dem 54 Jahre alten Blair zum Ende seiner Regierungszeit zugestehen, er habe dabei erfolgreich agiert, so bleiben sie doch dabei: In jenem Moment Mitte nächster Woche, in dem Blair Downing Street verlasse, werde auf der Türschwelle allein das Wort „Irak“ leuchten.

Trotzige Antwort

Aber mehr auch nicht

Aber mehr auch nicht

Blairs eingeübt trotzige Antwort darauf ist frei von Selbstkritik. Allenfalls „Zweifel“ habe er gehabt, gestand er jüngst in einem Ausschuss des Unterhauses zu: Das könne man an die Zeitungen geben: „Der Premierminister hatte Zweifel.“ Und er nannte einen Zeitpunkt, an dem seiner Ansicht nach im Irak die Wendung in die Terror-Willkür vollzogen wurde. Das sei im Herbst 2003 gewesen, nach der Erstürmung des UN-Quartiers in Bagdad. Statt darauf entschlossen zu reagieren, habe die Welt auf die Szene geschaut und gesagt: „Oh, das sieht aber nach einer schwierigen Lage aus.“

Der Interventionist Blair – stolz aufzählend, er habe viermal britische Truppen zur Verbreitung von Freiheit und Demokratie in Marsch gesetzt (Kosovo, Sierra Leone, Afghanistan, Irak) – predigt also auch nach den Erfahrungen seiner Regierungszeit eher mehr militärisches Eingreifen des Westens, denn weniger. Es ist offenkundig, dass dieses Credo Blair in Washington für den Posten eines neuen Dauergesandten des Nahost-Quartetts empfiehlt. Aber es ist zugleich zweifelhaft, ob ihm diese Einstellung in der Region hilft, die Verständigung zwischen Israelis und Palästinensern, aber auch zwischen Libanesen, Israelis und Syrern zu fördern.

Politisches Kapital aufgebraucht

Zuvor aber hat Blair noch eine Chance, sich in seiner alten Premierministerrolle bei der großen Mehrheit der Briten weiter unbeliebt zu machen – und er wirkt entschlossen, auch diese Möglichkeit zu nutzen. Wenn sich an diesem Freitag zum zweiten Mal die europäischen Staats- und Regierungschefs über ein Werk beugen, das einst den Namen „Verfassungsvertrag“ trug, wird Blair am Ende zu einer Einigung bereit sein.

Diese Taktik war schon vor Tagen erkennbar, als er „rote Linien“, die Großbritannien keinesfalls überschreiten werde, an Stellen markierte, wo solche Übertritte ohnehin von anderen EU-Staaten kaum noch gefordert werden. Das Misstrauen und der Hohn, mit denen Blairs europäische Bekundungen im Parlament und in den Zeitungskommentaren quittiert werden, zeigen, dass der Kontostand seines politischen Kapitals inzwischen zu Hause auf unter Null gesunken ist. Blair ist sendungsbewusst und ehrgeizig genug, um auszuprobieren, ob er woanders in der Welt nicht mehr gelten könne.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, dpa, REUTERS

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