Lateinamerika

Che und Fidel sind längst Folklore

Von Josef Oehrlein, Buenos Aires

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22. Januar 2006 Auch wenn die Zeremonie dem Außenstehenden wie eine Inszenierung für ein buntes Breitwandspektakel erschien, war sie alles andere als Folklore. Die Feier in Tiahuanaco, der Ritualstätte einer der ältesten Kulturen Lateinamerikas, bei der Boliviens neuer Präsident Evo Morales spirituell auf seine Aufgabe vorbereitet wurde, demonstrierte deutlicher als alles andere den in Bolivien bevorstehenden Wandel.

Kein einziger von Morales' mehr als sechzig Vorgängern hatte bei seinem Amtsantritt ähnlich demonstrativ Beistand in der vorkolumbianischen Tradition gesucht.

Evo Morales: Rückbesinnung auf nationale und sozialistische Werte

Evo Morales: Rückbesinnung auf nationale und sozialistische Werte

Im Hochgefühl, die eigene Identität zurückzugewinnen, kürten die Indiogemeinschaften des gesamten Andenraums Morales gleich zu ihrem obersten Anführer. Der frühere Lamahirte Morales, ein Aymara, ist der erste Indio, der in Bolivien zum Staatsoberhaupt gewählt wurde - und das mit einer überwältigenden Mehrheit gleich im ersten Wahlgang.

Das Links-rechts-Schema funktioniert nicht

Morales opferte der Pachamama, der „Mutter Erde“, und Tata Inti, dem „Vater Sonne“, aber er rühmte auch den revolutionären Helden Ernesto „Che“ Guevara, der 1967 ausgerechnet in Bolivien getötet wurde. Den Kampf, den „Che“ begonnen habe, „beenden jetzt wir“, verkündete Morales in Tiahuanaco.

Das Bekenntnis zum großen Che ist schon eher Folklore, und die wird in vielen lateinamerikanischen Länden derzeit gepflegt. Lobeshymnen für Guevara, den kubanischen Staatschef Fidel Castro und andere Revolutionshelden gehören zum Repertoire all jener lateinamerikanischen Regierungschefs, die den Sozialismus wiederentdeckt haben. Das ist allen voran der venezolanische Präsident Hugo Chavez, der sich zugleich als eine Art Reinkarnation des Freiheitshelden Simon Bolivar geriert.

Weil auch in Lateinamerika das alte Links-rechts-Schema nicht mehr funktioniert, ist die jüngste Erfolgsserie sozialistischer Politiker kaum unter dem Begriff „Linksruck“ zusammenzufassen. Zwar nennt sich die Partei von Evo Morales „Bewegung zum Sozialismus“ (Mas), aber das, was Boliviens neuer Präsident darunter versteht, hat nicht nur nichts mit dem einst real existierenden Sozialismus sowjetischer Prägung zu tun, sondern auch wenig mit dem kubanischen: Trotz der schon rituellen Elogen auf den greisen Insel-Revolutionsführer taugt auch Kuba für keinen lateinamerikanischen Regierungschef mehr als Vorbild.

Starker Staat statt Sozialismus

Der einst radikal „linke“ Arbeiterführer Luiz Inacio Lula da Silva, seit 2002 brasilianischer Präsident, betreibt eine Wirtschaftspolitik, die teilweise noch liberaler ist als die seines Vorgängers Fernando Henrique Cardoso. Selbst Chavez, der jetzt bei seiner Ankunft in La Paz wieder einmal in dröhnenden Worten den „Tod des Kapitalismus“ prophezeite, hat bisher keine Anstalten unternommen, Castros wirtschaftspolitische Entscheidungen zu imitieren.

Was Chavez in La Paz gerade wieder den „neuen, frischen, sehr unsrigen, eingeborenen bolivarischen Sozialismus“ genannt hat, der nicht von der dahingeschiedenen Sowjetunion importiert sei, wie er ausdrücklich hervorhob, ist letztlich noch immer eine Variante des Kapitalismus.

Keine der sozialistischen Regierungen in Lateinamerika hat bisher das Privateigentum in Frage gestellt. Die Rede ist immer nur davon, daß der Staat stärker eingreifen und kontrollieren müsse, um soziale Ungerechtigkeiten zu mildern oder zu beseitigen.

Soziale Korrekturen

Insofern sind alle neuen lateinamerikanischen „Sozialismus“-Konzepte nichts anderes als Korrekturversuche an der Politik früherer „liberaler“ Regierungen, die sozialen Belangen kaum oder gar keine Aufmerksamkeit schenkten und so die schweren Sozialkonflikte, die Länder wie Bolivien und selbst das viel wohlhabendere Argentinien erschütterten, entstehen ließen. Mehr Staatsdirigismus hat freilich nirgends die Lage deutlich gebessert.

Besorgnis erregt in Lateinamerika eher der sich im Andenraum ausbreitende Nationalismus. Er hat rassistische Züge und ist auf Ausgrenzung all dessen bedacht, was mit der Politik der früheren, von der weißen Oberschicht gestellten Regierungen in Verbindung gebracht wird. Geschürt wird diese Spaltungspolitik insbesondere von Chavez, der in Venezuela keine Gelegenheit ausließ, die „Oligarchie“ zu beschimpfen.

Extrem nationalistische Bewegungen wie die des Präsidentschaftskandidaten Ollanta Humala im Nachbarland Peru fördert Chavez. Dabei entstammt Perus Präsident Alejandro Toledo der einheimischen Mestizenbevölkerung. Seine Herkunft hat Toledo allerdings bisher kaum veranlaßt, sich verstärkt um die Indios und Mestizen zu kümmern, sie stärker in das politische Leben einzubeziehen.

Verständigung mit den Vereinigten Staaten

Nach seiner Wahl überraschte Evo Morales immer wieder mit versöhnlichen Äußerungen. Ausdrücklich bedankte er sich in Tiahuanaco für die Unterstützung durch „Mittelschicht, Unternehmer und Intellektuelle“. Auf sie sei er „stolz“, er verlange von ihnen aber auch, daß sie den Indios insgesamt ähnliche Unterstützung zukommen ließen.

Zu diesen versöhnlichen Worten passen auch seine jüngsten Gesten der Verständigung mit den Vereinigten Staaten. Als einzige größere ausländische Abordnung empfing er am Tag vor seinem Amtsantritt die von dem Lateinamerika-Beauftragten Washingtons, Thomas Shannon, angeführte amerikanische Delegation, die ihrerseits freundliches Entgegenkommen demonstrierte. Manche wagen bereits zu hoffen, Morales könnte eines Tages mäßigenden Einfluß auf den mächtigen Chavez ausüben.

Text: F.A.Z., 23.01.2006
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb, Reuters

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