Madrider Terrorprozess

Unschuldige und Superunschuldige

Von Leo Wieland, Madrid

Alle leugneten vehement die von der Staatsanwaltschaft präsentierten Beweise

Alle leugneten vehement die von der Staatsanwaltschaft präsentierten Beweise

01. März 2007 Nur von einem der arabischen Angeklagten im Madrider Terrorprozess kann man bisher mit einiger Sicherheit sagen, dass er kein islamistischer Fanatiker war: von dem Marokkaner Rafa Zouhier. Als der Mann, der die Terroristen der „Todeszüge“ vom 11. März 2004 mit dem mutmaßlichen spanischen Sprengstofflieferanten José Emilio Suárez Trashorras zusammengebracht haben soll, am Ende der dritten Verhandlungswoche zu Wort kam, sprach er in flüssiger spanischer Gossensprache und in der Pose eines Türstehers der Madrider Unterwelt.

Zouhier erklärte sich zunächst auf Frage des Richters nicht nur für unschuldig, sondern für „superunschuldig“ und versicherte dann ungefragt: „Ich gehe nicht in die Moscheen, sondern in die Diskotheken.“ Der muskulöse Maghrebiner, dessen Redeschwall kaum zu bremsen war, hat als Einwanderer eine wechselhafte Berufslaufbahn hinter sich: Stripper, Pizzaverkäufer, Fotomodell, Hausangestellter und Polizeispitzel. Vor allem in der letzten Funktion war er für das Gericht interessant. Und hier bestätigte er wenigstens eines: Dass er die Polizei über ein konspiratives Treffen zwischen Trashorras und dem mutmaßlichen „Logistikchef“ der Attentäter, Jamal Ahmidan alias „der Chinese“, nicht informiert habe.

Keine Verbindung zur Eta?

Rafa Zouhier: “Ich gehe nicht in die Moscheen, sondern in die Diskotheken“

Rafa Zouhier: "Ich gehe nicht in die Moscheen, sondern in die Diskotheken"

Das war aber sein einziges Eingeständnis. Ansonsten schoben sich Zouhier und der ehemalige Bergarbeiter Trashorras gegenseitig die Schuld dafür zu, die „Mauren“ mit Sprengstoff aus einer Mine in Asturien versorgt zu haben. Ahmidan, der außer Geld vor allem Rauschgift für Dynamit und Zünder geboten haben soll, kann nicht mehr befragt werden. Er zählt zu den sieben Terroristen, die sich, als sie drei Wochen nach den Anschlägen von der Polizei gestellt wurden, in Madrid selbst mit Sprengstoff töteten.

Nur in einem Punkt zeigten sich Zouhier und Trashorras einig, nämlich dass sie nichts mit baskischen Eta-Terroristen zu tun gehabt hätten. Die Untersuchung des Sprengstoffs vom Typ „Goma 2 Eco“ scheint ebenfalls die von manchen noch immer vermutete Verbindung zwischen Basken und Islamisten zu entkräften. Er soll zwar auf noch ungeklärte Weise in geringer Menge mit TNT vermischt gewesen sein, aber nicht dem üblicherweise von Eta verwendeten Dynamit entsprochen haben.

Das Gericht hat bei der nahezu abgeschlossenen ersten Anhörung der 29 Angeklagten nicht viele Fortschritte gemacht. Die wiederholten Unschuldbeteuerungen verbanden sich mit routiniert anmutenden Verurteilungen der Attentate und der Inanspruchnahme des Rechts, nur auf Fragen der eigenen Anwälte zu antworten. Alle leugneten vehement die von der Staatsanwaltschaft präsentierten und von der kommenden Wochen durch die ersten Zeugen- und Expertenaussagen zu erhärtenden Beweise: Identifikationen, Fingerabdrücke, DNS-Proben, abgehörte Telefongespräche, Namen und Nummern von Verdächtigen im Notizbuch.

Das Ganze sei ein Irrtum

Der als das „Gehirn“ hinter den Anschlägen angeklagte Ägypter Rabei Osman hatte diese Woche schon einen zweiten Auftritt. Der Richter hatte ihm und seinem Anwalt Zeit gegeben, jene abgehörten Bänder zu studieren, auf denen sich Osman brüstete, dass „Madrid meine Idee war“. Aufgrund jener von der italienischen Polizei aufgenommenen Telefongespräche ist der Ägypter, der sich kurz vor den Anschlägen nach Italien abgesetzt hatte, von einem Mailänder Gericht schon zu zehn Jahren Haft wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verurteilt worden. Nun behauptete er abermals, dass „die Stimme, die man da hört, nicht die meine ist“. Das Ganze sei ein Irrtum; die Aufzeichnungen seien dazu noch „schlecht (aus dem Arabischen) übersetzt“.

War der Ägypter nach Darstellung der Staatsanwaltschaft das „Gehirn“, so war der Marokkaner Youssef Belhadj die „Stimme von Al Qaida in Europa“. Dieser Angeklagte, der nach dem Attentat das erste Bezichtigungsvideo produziert und selbst darauf gesprochen haben soll, war während der dreijährigen Ermittlungen von einem Neffen, der ebenfalls der Kollaboration beschuldigt wird, belastet worden. Mohamed Bouharrat, zum Zeitpunkt des Verbrechens erst neunzehn Jahre alt, hatte mehrfach ausgesagt, dass sein Onkel sich vor ihm der Mitgliedschaft in der internationalen Terrororganisation gerühmt und ihn sogar aufgefordert habe, an dem „Heiligen Krieg“ in Afghanistan teilzunehmen. Nun widerrief der Neffe alles und behauptete, das habe ihm die spanische Polizei unter Druck eingeredet.

Text: F.A.Z., 01.03.2007, Nr. 51 / Seite 6
Bildmaterial: AFP, REUTERS

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Die perfekte Wohnung oder das ideale Haus zum Kaufen oder Mieten: Jetzt über 960.000 Angebote bei Immowelt.de und FAZ.NET!

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche