Iran

„Das Regime ist nicht mächtig“

29. Juni 2006 Sechs Jahre hatte der iranische Journalist und Dissident Akbar Gandschi in Haft verbracht, als er im März dieses Jahres aus dem Teheraner Evin-Gefängnis entlassen wurde. Ein mehrwöchiger Hungerstreik im vergangenen Sommer hatte seine Gesundheit angegriffen, seine Moral aber, wie es heute scheint, nur gestärkt.

Vom Gefängnis aus hatte Gandschi, der mit Enthüllungen über die politischen Auftraggeber der sogenannten Serienmorde an iranischen Intellektuellen bekannt geworden war, seine Regimekritik fortgesetzt: Er veröffentlichte ein „Republikanisches Manifest“, in dem er die Trennung von Staat und Religion und die Abschaffung des Herrschaftsprinzips des religiösen Rechtsgelehrten, der Grundlage der iranischen Theokratie, forderte.

Vom jungen revolutionären Enthusiasten im unmittelbaren Umfeld des Revolutionsführers Chomeini über eine Karriere in den Revolutionsgarden bis zum prominentesten Kritiker des islamischen Regimes hat der 48 Jahre alte Gandschi einen erstaunlichen Lebensweg hinter sich. Der Hungerstreik brachte ihm Beachtung in aller Welt, sogar beim amerikanischen Präsidenten. Mit Gandschi sprach Christiane Hoffmann.

In diesen Tagen stellt sich immer wieder die Frage, wer in Iran das Sagen hat? Wie mächtig ist Präsident Ahmadineschad?

Nach der iranischen Verfassung liegt alle Entscheidungsgewalt in den Händen des religiösen Führers Chamenei. Der Präsident hat in unserem Land keine eigenständige Rolle. Was der Präsident sagt, ist nichts anderes als die Meinung des religiösen Führers.

Wie sehen Sie die Möglichkeit für Veränderungen in Iran? Sitzt das Regime nicht fester im Sattel als je zuvor?

Ich glaube nicht, daß das Regime sehr mächtig ist. Wir Oppositionelle sind schwach.

Warum?

Wir sind nicht wirklich schwach, wir haben eine starke oppositionelle Bewegung. Aber unsere Schwäche ist, daß wir nicht organisiert sind und keine Führung haben. Die Gruppen sind nicht homogen, es gibt linke, rechte, religiöse, säkulare, Kleriker, Nicht-Kleriker. Es gibt schwer überwindliche Gegensätze, die aus der Vergangenheit herrühren, ideologische Unterschiede, persönliche Differenzen. Wenn es uns gelänge, eine breite Front aufzubauen und Widerstand zu leisten, würde sich schnell zeigen, daß in Wirklichkeit das Regime schwach ist. Wir brauchen einen Gandhi, einen Havel, einen Mandela. Ich sehe meine Aufgabe darin, die Intellektuellen zu vereinen, damit sie aus ihrer Mitte einen charismatischen Führer wählen.

Als Weg zur Durchsetzung Ihrer politischen Ziele fordern Sie zivilen Ungehorsam. Reicht das aus?

Wenn es ihn gäbe, würde er ausreichen. Wir wollen keine Gewalt und keine neue Revolution. Mit einer Revolution kann man keine Demokratie aufbauen. Aber ein friedlicher Kampf für Demokratie muß nicht unbedingt legal sein. Ziviler Ungehorsam heißt Verstoß gegen Gesetze. Und das wird eine gewalttätige Reaktion des Regimes hervorrufen.

Welche Rolle spielen wirtschaftliche Fragen für die demokratische Opposition?

Armut und Ungerechtigkeit sind Schwierigkeiten in Iran. Zu ihrer Lösung gibt es zwei Wege. Erstens einen faschistischen Ansatz, wie ihn die jetzige iranische Regierung mit populistischen Parolen gegen das Privateigentum durchzusetzen versucht. Faschismus ist ja eine antimodernistische Bewegung, eine Art von Romantismus, der Rückbesinnung auf Ursprünge, auf die primitiven Gesellschaften in früher Vergangenheit. Wir dagegen glauben, daß Demokratie der einzige Weg zur Überwindung der Armut ist. Die historische Erfahrung der Sowjetunion und des Ostblocks hat gezeigt, daß soziale Gerechtigkeit ohne Freiheit nicht möglich ist.

Hat der Wahlsieg Ahmadineschads nicht gezeigt, daß die iranische Bevölkerung in Wirklichkeit gar keine demokratischen Reformen will?

Der Wahlsieg Ahmadineschads hat viel Gründe, von der Enttäuschung über die Reformer über die Ablehnung Rafsandschanis bis hin zu Wahlfälschung und den populistischen Parolen Ahmadineschads, mit dem er das Volk in die Irre geführt hat. Trotzdem ist die Mehrheit der Iraner mit dem Regime unzufrieden. Wenn in den Ländern der islamischen Welt demokratische Wahlen abgehalten werden würden, würden islamische Fundamentalisten als Sieger hervorgehen. Iran ist das einzige Land, in dem bei freien, demokratischen Wahlen Demokraten und Modernisten an die Macht kommen würden. Aber unser Volk hat in Revolution und Krieg einen hohen Blutzoll gezahlt, und man kann nicht erwarten, daß die Menschen noch einmal einen so hohen Preis zahlen. Trotzdem bin ich überzeugt, daß das Volk bereit ist, Widerstand zu leisten, wenn die Elite Widerstand leistet.

Welche Position vertritt die demokratische Opposition in der Nuklearfrage?

Wir sind prinzipiell gegen jede Art von Massenvernichtungswaffen und fordern eine allgemeine Entwaffnung. Wenn Iran auf seinem Recht zur Urananreicherung beharrt, wird das zur Konfrontation zwischen Iran und der Welt führen. Dann besteht die Gefahr eines Krieges, der unser Land vernichtet. Es gibt keine heiligen Kriege.

Sollte der Westen überhaupt mit dem iranischen Regime reden?

Wenn sie nicht reden, wäre es zum Schaden unseres Volkes, denn dann steigt die Gefahr der Konfrontation. Die amerikanische und die iranische Regierung sollten in Dialog treten, aber nicht konspirativ, sondern transparent. Und der Westen sollte die Forderung nach Demokratie und Menschenrechten viel stärker in den Vordergrund stellen. Wir, die demokratische Opposition, brauchen keine finanzielle Unterstützung aus dem Ausland, und wir sind gegen eine militärische Intervention. Wir brauchen moralische Unterstützung.



Text: F.A.Z., 28.06.2006, Nr. 147 / Seite 5
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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