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Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan

Zielstrebig ins Gefecht

Von Marco Seliger, Kundus

Deutscher Soldat an einer Straßensperre in Kundus: Stets in Gefahr, in einen Hinterhalt zu geraten

Deutscher Soldat an einer Straßensperre in Kundus: Stets in Gefahr, in einen Hinterhalt zu geraten

11. Juni 2009 Es war purer Zufall, dass die beiden Hubschrauber vom Typ CH-53 gerade in der Luft waren. Der Abend dämmerte an diesem 7. Mai bereits, als die Besatzungen verdächtige Bewegungen am Boden unter sich ausmachten. Mindestens vier geländetaugliche Motorräder chinesischer Bauart zogen in schneller Fahrt kleine Staubwolken hinter sich her. Auf den Sätteln saßen jeweils zwei Männer mit Kalaschnikow-Gewehren in der Hand und Panzerfäusten auf dem Rücken. So bewegen sich üblicherweise Aufständische in Afghanistan, besonders Kämpfer der radikalen Taliban, fort. „Bewaffnete Kräfte nördlich von Kundus“, funkte der Pilot der ersten Maschine an die Operationszentrale im deutschen Feldlager und gab die Koordinaten des Standortes an.

Wenig später erreichte die Nachricht Hauptfeldwebel L. Die Uhr zeigte 19 Uhr, vor einer halben Stunde etwa war der Fallschirmjäger aus dem Saarland mit 28 Soldaten in einer Handvoll Fahrzeuge vom Typ Fuchs und Dingo zu einer Nachtpatrouille aufgebrochen. Ihr Auftrag: Aufklärung in einem weiträumigen Gebiet nordwestlich von Kundus. Sie fuhren in die gleiche Richtung wie die verdächtigen Motorräder, in den Distrikt Chahar Darreh, ein paschtunisches Siedlungsgebiet, in dem es in den vergangenen Wochen wiederholte Angriffe auf Patrouillen gegeben hatte. Der Distrikt und seine Umgebung sind für die Bundeswehr Feindesland.

Eine Fallschirmjäger-Patrouille mit Transportwagen Mungo sichert das Bundeswehr-Feldlager in Kundus - ohne Aufklärung aus der Luft geht es nicht
Eine Fallschirmjäger-Patrouille mit Transportwagen Mungo sichert das Bundeswehr-Feldlager in Kundus - ohne Aufklärung aus der Luft geht es nicht

Erinnerungen wurden wach. Jeder Soldat der Patrouille wusste, was am 29. April nur einige Kilometer entfernt geschehen war: ein Hinterhalt, ebenfalls gegen einen stark gepanzerten Erkundungstrupp der Bundeswehr, Feuer aus Kleingewehren und Panzerfäusten. Eine dieser gefährlichen, Panzerungen durchschlagenden Raketen traf einen Transportpanzer. Ein Hauptgefreiter fiel, vier weitere wurden verwundet.

Ein „klassisches Gefecht“

Hauptfeldwebel L. funkte nun also an die Fahrzeuge seiner Patrouille: „Gefahr durch Aufständische auf Motorrädern“, doch das konnten die Soldaten bereits selbst sehen. Der Taliban-Trupp bewegte sich in einiger Entfernung parallel zur Patrouille, stoppte dann, um mit weiteren Kämpfern anzugreifen. Die Fallschirmjäger hielten ebenfalls, sprangen, bewaffnet mit Maschinengewehren und Handfeuerwaffen, aus ihren Fahrzeugen, verteilten sich und näherten sich, um Deckung bemüht, dem Gegner an.

Von dem Moment an, in dem der die Soldaten begleitende Dolmetscher den Aufständischen zurief: „Isaf. Legen Sie die Waffen nieder“, entwickelte sich das, was ein ranghoher Bundeswehroffizier später als „klassisches Gefecht“ beschrieb. Aus ihren Kalaschnikows eröffneten die Taliban das Feuer, das die deutschen Infanteristen aus Maschinengewehren, Maschinenpistolen und Scharfschützengewehren erwiderten. Es war, berichtete ein Soldat später, eindeutig das Ziel der Angreifer, „ihre Panzerfäuste in Stellung zu bringen, um eines unserer Fahrzeuge zu treffen. Für einen erfolgreichen Schuss werden den Aufständischen 200 bis 300 Dollar gezahlt.“

Doch die Fallschirmjäger warteten, bis sich die Taliban bewegten, ehe sie feuerten, boten so ihrerseits kein Ziel, unterbanden aber mit massivem Feuer jeden Stellungswechsel des Gegners. Wie viele Angreifer zu diesem Zeitpunkt bereits getötet und verwundet worden waren, ließ sich später nicht mehr rekonstruieren. Sicher ist, dass das Gefecht schon mehr als eine Stunde dauerte, ehe aus Kundus Verstärkung durch die Afghanische Nationalarmee eintraf. Der Kampf dauerte bis zum nächsten Morgen an, die afghanischen Soldaten gingen dabei direkt gegen die Stellungen der Taliban und ihre Mitstreiter vor, überrannten sie und machten Gefangene. Als die Waffen schwiegen, waren sieben Aufständische tot und 14 von ihnen verletzt. Als sicher gilt, dass die Fallschirmjäger zwei Angreifer erschossen haben.

„Die Taliban mussten schmerzlich erkennen, dass wir auch kämpfen können“

Die Bundeswehr hatte weder Tote noch Verletzte zu beklagen, sondern ihre Feuertaufe im Kampf gegen Aufständische bestanden. Zum ersten Mal waren Soldaten zielstrebig in ein Gefecht gegangen, zum ersten Mal operierten sie offensiv gegen einen Angreifer und fügten ihm dabei Verluste zu. „Das hat uns einige Pluspunkte bei den Verbündeten eingebracht“, sagt ein deutscher Offizier im Hauptquartier der internationalen Schutztruppe Isaf in Kabul. Denn die Bundeswehr habe gezeigt, dass sie sich einem Gegner stellen kann und sich nicht immer nur, wie häufig in der Vergangenheit geschehen, zurückzieht, wenn sie angegriffen wird.

Deutsche Soldaten im Isaf-Einsatz - Besprechung vor einer Patrouillenfahrt in Kundus

Deutsche Soldaten im Isaf-Einsatz - Besprechung vor einer Patrouillenfahrt in Kundus

„Die Taliban mussten schmerzlich erkennen, dass wir auch kämpfen können“, sagen Soldaten in Kundus, und dabei klingt keinesfalls Triumph oder Häme mit. Denn sie wissen, dass sie es mit einem Gegner zu tun haben, der jederzeit zurückschlagen kann. Vor allem in den paschtunischen Dörfern im Distrikt Chahar Darreh westlich von Kundus haben sich die Aufständischen in beträchtlicher Anzahl festsetzen können, die Rede ist von mindestens fünf Zellen aus Pakistan stammender Terroristen, unterstützt von einheimischen Bauern und Gelegenheitskriegern, die von den ausländischen Kämpfern für einzelne Operationen angeheuert werden.

Ihre wiederholten Angriffe auf deutsche Patrouillen in den vergangenen Wochen lassen Bundeswehroffizieren zufolge eine militärisch geschulte Führung erkennen, die „taktisches Verständnis“ habe und daher „etwas taugt“. Das hat es im Einsatzgebiet Kundus bislang nicht gegeben. Zum Glück für die deutschen Patrouillen erweisen sich die Angreifer häufig im Umgang mit der einfach konstruierten, aber außerordentlich wirkungsvollen Panzerfaust als unerfahren.Demnächst wechselt die Bundeswehr turnusgemäß ihre Kontingente in Afghanistan aus.

„Wir haben zu wenig Personal“

Der Standort Kundus wird mit einer kompletten Fallschirmjägerkompanie (150 Mann) der Luftlandebrigade 31 verstärkt, bislang lag dort nur ein Zug (etwa 40 Mann). Die Soldaten aus dem Saarland sind einsatzerfahren und speziell trainiert in der Aufständischenbekämpfung. Doch weiterhin beklagt die Truppe ihre Defizite bei der Nachrichtengewinnung und luftgestützten Aufklärung. „Wir haben zu wenig Personal, wir können die Dienstposten im Einsatzgebiet nicht so besetzen, wie es erforderlich wäre“, klagt ein ranghoher Offizier. Zumindest für den Bereich der Luftaufklärung deutet sich jetzt immerhin eine Verbesserung der Situation an.

Derzeit werden neue Aufklärungsdrohnen vom Typ KZO (Kleinfluggerät Zielortung) nach Kundus verlegt. Die unbemannten Fluggeräte können das Gelände selbst bei Dunkelheit mehrere Stunden lang in einem Radius von 65 bis 100 Kilometern überwachen und die Aufklärungsbilder an die Einsatzzentrale funken. Die Bundeswehr hofft, die Patrouillen auf diese Weise endlich aktuell über die Lage in dem zu überwachenden Gebiet informieren zu können. Denn darauf, dass sich immer gerade zufällig Hubschrauber in der Luft befinden, wenn Aufständische einen Hinterhalt vorbereiten, will sie sich lieber nicht verlassen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa

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