Von Wolfgang Günter Lerch
12. Juli 2008 Vor Jahren suchte der britische Schriftsteller Jeremy Seal in der Türkei nach einem Fez. Eine Reise durch die Türkei auf der Suche nach einem Hut lautete der Untertitel seines Buches Der Fez. Seal fand nicht ein einziges Stück dieses einst so kleidsamen roten Tarbuschs, das man etwa hundert Jahre lang mit den Türken identifiziert hatte. Noch die Zigarettenschachteln der Marke Muratti - damals, in der Zwischenkriegszeit, rauchte man in Europa noch keine amerikanischen, sondern Orient-Tabake - zeigten einen mit einem Fez bewehrten Türkenkopf.
Dabei war der Fez - bisweilen sieht man ihn heute als Kuriosum wieder in den Touristenzentren des Landes - selbst gar nichts traditionell Türkisches gewesen. Sultan Mahmud II., der sich als eine Art türkischer Peter der Große begriff, hatte ihn 1826 anstelle des Turbans eingeführt, weil die Türkei modern werden sollte. Hundert Jahre später war es der große Blonde mit den blauen Augen aus Saloniki, Mustafa Kemal Pascha, später Atatürk genannt, der seinerseits den Fez per Dekret abschaffte. Nun sollten die Türken Panamahüte oder - bei feinen Gelegenheiten - Zylinder tragen, um noch moderner zu sein. Er selbst ging mit gutem Beispiel voran.
Die Wetten stehen günstig für Erdogans Gegner
Seal fand auf seiner Reise, die ihn von Istanbul nach Hakkari führte, ein Land vor, dessen Vielfalt ihn faszinierte, ein Land allerdings auch, das noch immer auf der Suche nach sich selbst ist. Osten oder Westen, Orient oder Okzident? - das ist die Frage. Oder am Ende gar beides zugleich? Die augenblickliche Lage macht deutlich, dass die Türkei siebzig Jahre nach dem Tod des Republik-Gründers ihr Selbstverständnis noch nicht gefunden hat. Die Gesellschaft ist polarisiert, wenn auch nicht mehr in Links und Rechts wie noch vor Jahrzehnten.
Die Fez-Frage ist gelöst, nicht hingegen diejenige des Kopftuchs (türban). Wenn der Oberste Gerichtshof der Anklage des Generalstaatsanwaltes Abdurrahman Yalcinkaya tatsächlich stattgeben und die regierende Partei AKP verbieten sollte, wäre dies nur ein Ausdruck mehr dieser Krise; und es würde sie weiter vertiefen. Die Wetten stehen übrigens günstig für die Gegner des Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan und seiner Partei: Es heißt, der Gerichtshof werde ein Exempel statuieren wollen und die Partei, die noch im vergangenen Sommer mit fast 47 Prozent der Stimmen die Parlamentswahlen gewann, verbieten. Der Vorwurf: Die AKP wolle einen religiösen Staat errichten. Der erste Schritt auf diesem Weg sei die Aufhebung des Kopftuchverbotes für Studentinnen an der Universität gewesen. Erdogans Gegner verdächtigen ihn zudem einer hidden agenda: Unter dem Deckmantel der Demokratisierung wolle er tatsächlich eine Islamisierung des Landes vorantreiben.
Die Lust auf Europa hat merklich nachgelassen
Beweise dafür gibt es freilich nicht, nur Verdächtigungen. Derweil gerieren sich die Oppositionellen als Säkulare, denen es um das weltliche Heil der Republik gehe und um sonst nichts. Das Erbe Atatürks sei in höchster Gefahr. Sie wissen, dass dies vor allem im Westen, wo die Islamfurcht umgeht, gut ankommt. Nichts ist dort so sehr in Verruf geraten wie das Wort strenggläubig. Fremdenführer in Antalya erzählen den unwissenden Touristen, die oft kaum noch wissen, wer der heilige Paulus war, allen Ernstes, Erdogan wolle die Türkei trockenlegen, also zur alkoholfreien Zone machen. Und die Strenggläubigen hätten fünfzehn Kinder. In Wahrheit sinkt die Geburtenrate der Türkei seit Jahren drastisch.
Nun schlug Erdogan, der Verdächtigungen müde, einmal zurück. Er ließ die Gruppe Ergenekon ausheben, weil sie einen Putsch geplant habe. Pensionierte Generäle sollen ihr angehören und zivile Nationalisten. Sie nennt sich nach der mythischen Heimat der Türken in Zentralasien, jenen steppenartigen Gefilden, durch die der berüchtigte Graue Wolf streifte, das Tier, das den Türken einstmals ihre Stärke und unbezwingliche Kraft verlieh. Man ahnt schon, wessen Geistes Kind diese Leute sind - aber immerhin säkular. Andere Säkulare - etwa die in der oppositionellen Republikanischen Volkspartei CHP, die auf Atatürk selbst zurückgeht, beschimpfen den Nato-Partner Amerika auf das Übelste und nennen die Europäische Union eine imperialistische Macht. Ihr Führer Deniz Baykal, der einmal - wie man so sagt - zu den schönsten Hoffnungen berechtigte, ist zum Sektierer geworden. Während bis vor kurzem der Säkularismus noch verlangte, kompromisslos nach Europa zu streben, hat die Lust darauf merklich nachgelassen, weil dort der Nationalismus der Säkularen nicht länger gefragt ist.
Ein Kulturkampf um die Seele des türkischen Volkes
In Wahrheit geht es auch nur vordergründig um religiös oder säkular. Und auch die Strenggläubigen - siehe Erdogans Rede in Köln - verstehen sich als türkische Patrioten. Es ist vielmehr ein Ringen der Türkei mit sich selbst. Dass das Land ein weltlicher Staat bleiben muss - darin sind sich nach Umfragen neunzig Prozent der Türken einig. Von ihnen haben viele Erdogan gewählt, weil seine Partei Erfolge aufzuweisen hat, weil das Land wirtschaftlich vorankam, weil Reformpakete geschnürt wurden, welche die Türkei dringend braucht. Im Ringen zwischen der alten, sich säkular nennenden Elite und den neuen, stärker religiös geprägten Mächtigen aus den anatolischen Provinzstädten und den ärmeren Vierteln der Großstädte, die inzwischen auch akademisch gebildet sind und Unternehmen leiten können, zeigt sich ein Kulturkampf um die Seele des islamischen Volkes der Türken.
Vieles, was in diesem Ringen eine Rolle spielt, jährt sich in diesem Jahr in der Türkei zum siebzigsten und zum achtzigsten Male. Atatürk ist siebzig Jahre tot, vor achtzig Jahren, im Sommer und Herbst 1928, ordnete er an, dass das arabische Alphabet durch ein lateinisches zu ersetzen sei. Vieles, was er auf autokratische Weise verfügte, hat längst Wurzeln geschlagen im Land. Niemand will es rückgängig machen. Seine oktroyierte Zurückdrängung des Islams, dem die Türken seit mehr als tausend Jahren anhängen, wurde von vielen begrüßt. Erkauft wurde sie um den Preis eines türkischen Nationalismus, der ganz neu war und bis heute bisweilen Formen annimmt, die für moderne Europäer unannehmbar sind.
Erst muss die Kurdenfrage gelöst werden
Vor allem die Kurden, deren terroristische PKK wieder gegen die Armee kämpft und jetzt Deutsche zu Geiseln genommen hat, sind die Opfer dieses Nationalismus geworden, der nichts neben sich duldet. Die Türken fürchten das Trauma der Zerstückelung, das ihrem Land nach dem Ersten Weltkrieg drohte und nur durch die Revision des Diktats von Sèvres (1920) im Vertrag von Lausanne aus dem Jahre 1923 verhindert werden konnte. Doch solange die Kurdenfrage nicht gelöst ist, wird auch die Türkei die Frage nach ihrer Seele nicht beantworten können.
Noch mehr gilt das für den Islam. Erdogans AKP soll so etwas werden wie die deutsche CDU oder andere konservative Parteien Europas. Noch ist sie das nicht. Überhaupt gibt es im Lande der Türken noch keine Parteien, die den europäischen zu vergleichen wären. Die AKP versteht sich als islamisch-konservativ, mit einem wirtschaftsliberalen und einem nationalen Flügel. Zu einer Partei im europäischen Sinne kann sich die AKP aber nicht entwickeln, wenn sie verboten wird. Seit Einführung des Mehrparteiensystems hat der Islam, zuvor künstlich niedergehalten, bisweilen aber auch absichtsvoll instrumentalisiert, wieder an Ausstrahlung gewonnen. Eine AKP, die weltlich bleibt, hätte auf Dauer die Chance, Strenggläubige und Säkulare einander näherzubringen. Ein Verbot würde die Türkei dagegen in eine neuerliche tiefe und wohl lang andauernde Krise stürzen.
Man kann Erdogan den Vorwurf nicht ersparen, im vorigen Jahr den Bogen vielleicht überspannt zu haben. Als die Wahl eines neuen Staatsoberhauptes anstand, bestand er darauf, dass der Parteifreund Abdullah Gül gegen den Widerstand des Militärs und nicht geringer Teile des Wahlvolkes zum neuen Staatspräsidenten gewählt wurde. Auch dessen Frau trägt, wie diejenige Erdogans, das Kopftuch. Hätte die AKP einen säkularen Kemalisten im höchsten Staatsamt akzeptiert und damit den Willen zum Ausgleich gezeigt, wäre die jüngste Verschärfung vielleicht nicht eingetreten. Jeremy Seal jedenfalls fände, reiste er heute wieder durch das Land, die Türkei noch zerrissener vor.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP